Archiv für Oktober 2006

Lesung am 3. November!

Jaa! Ich bin mit kleinbürgerlichem Literatenruhm bekleckert!

Am Freitag, dem 3. November um 22.15 lese ich nämlich im Rahmen des Kampf der Künste meine bislang unveröffentlichte Kurzgeschichte „Kleine Dummheiten“. Als Publikumsmagnet und Höhepunkt der Veranstaltung fungiert Kathrin Passig, wenn ich’s richtig verstanden habe, werden neben ihr noch zwei oder drei andere AutorInnen für jeweils eine Viertelstunde auftreten. In meinem Beitrag geht’s gruselig zu: Tod, Wahnsinn, flüsternde Kinder, nächtliche Wälder und arbeitseifrige Polizisten bevölkern die Geschichte. Der Eintrittspreis für die komplette Abendveranstaltung ist 7,50 Euro, Ort des Geschehens ist das Filmtheater am Friedrichshain. Mehr (allerdings leider nicht viel mehr …) Infos gibt’s auf der Webseite.

Rettet den Regenwald

Es geht um alles! 500 neue Abos für die Jungle World.

I Was Crying (Now I‘m Dying)

Gestern in der U-Bahn, U6 zwischen Platz der Luftbrücke und Paradestraße (dem zweitbescheuertsten U-Bahnhof-Namen Berlins) durfte ich eine Gruppe minderjähriger (aber durchaus nicht kleinwüchsiger) Goldkettchenmännchen in voluminösen dunklen Jacken beobachten, beziehungsweise vor allem belauschen, die sich über den kommenden Halt austauschten:
„Paradestraße. Das iss die TODESTATION!“
„Hä, was wieso, Alter,was?“
„Das iss die TODESTATION!
„Krass.“
„Weil hier nie wer aussteigt oder einsteigt. Letztes Mal sind hier nur zwei ausgestiegen, einer eingestiegen. Bin rausgegangen und hab gezählt. Hier sind alle voll tot, geht keine von in die Ubahn. Todesstation, Mann.“
„Alter, aber wenn wir dann rausgehen?“
„Kannst ja rausgehen.“
„Klar kann ich.“
„Kannst mal selber zählen.“

Inzwischen hat die U-Bahn dann auch besagte Schreckensstelle erreicht und die vier stiegen tatsächlich kurzfristig aus und verkündeten anschließend unterienander zufrieden, dass sie die Zahl der Aus- bzw. Einsteiger auf 5 respektive 7 erhöht hätten. Derweil waren mit Tränen in die Augen gestiegen – erst dachte ich, ob der Rührung angesichts des Umstands, dass die von mir so vehement abgelehnte Jungmackerkultur sich derweilen ähnlich debil-morbiden, aber irgendwie kreativen kollektiven Phantasien hingibt wie ich es gerne tun, also ob ungeahnter identifikatorischer Sympathie für den Gruselfeind …

… bis mir klar wurde, dass die Kombination Teenager-Tod-kreativerBlödsinn meinen Gedanken einfach nur auf meine rasende Suchtproblematik zurückgestoßen hatte. Einmal mehr also, und noch dazu in aller Öffentlichkeit, musste ich die Entzugserscheinungen bekämpfen, die sich mit Zähnen und Klauen in meinem Hals aufwärts wühlten und mich so daran erinnerten, dass ich seit Dienstag Abend nicht ein Folge Buffy the Vampire Slayer gesehen habe.

Da meine Finger mittlerweile Zittern, verlangsamt sich meine Tippgeschwindigkeit rapide. So dauerts noch eine Woche, bis der Beitrag online ist …

Wie die Menschheit überhaupt einen klugen gedanken fassen konnte, bevor es diese serie gab, wird mir für immer ein Rätsel bleiben – enthält sie doch alles von Relevanz, und in so frischem Zustand, dass es sich nur um das Original handeln kann, der ursprüngliche Quell alles kritischen Denkens. Ja, ich weiß, dass es den nicht geben kann, ist das kritische Denken doch an die historischen Verhältnisse geknüpft, aber diese Paradoxien und Widersprüche muss mensch, wie es in den Gender Studies so schön heißt, halt „aushalten“. Was man dagegen nicht aushalten müssen sollte, sind fünf Tage ohne Buffy – und noch einige Wochen vor mir, denn ich habe mich nun der Lohnarbeit verschreiben und muss ihr meine Zeit opfern. Die Tränen der Trauer und Rührung vor der Röhre sind vorerst versiegt, jetzt herrscht tödliche Leere in meinem Innern … Das einzige, was mir in dieser Zeit grenzenloser Selbstkasteiung bleibt, ist der Soundtrack der Musical-Episode.

Das 1. Buch Bernd

Gammelfleisch wird m.E. maßlos überschätzt, worüber wir uns wirklich sorgen machen sollten, ist Gammelbrot – letzteres trägt historisch gesehen möglicherweise sogar Mitschuld an der Beharrlichkeit der Religionen, denn wie ja schon vielerseits behauptet, wurden religiöse Epiphanien im Mittelalter wahrscheinlich oftmals von pilzbefallenem Getreide verursacht.

Letzte Nacht habe ich die beeindruckende Wirkung in einem unfreiwilligen Selbstexperiment untersucht: Auf eine Schweißgebadete, in höchst sonderbare Visionen getauchte nacht folgte ein morgendlicher Blick in die Toastbrotpackung, an der ich mich noch am Abend zuvor gütlich getan hatte, und die betretene Feststellung, dass die obenliegende Scheibe bereits feine Grünsprenkel aufwies. Tja. Bäh.

Wie dem auch sei, das Ergebnis ist das Erste Buch Bernd das Gammelbrot:

Und siehe, es wird große Zwietracht herrschen über die Frage des Nasennebenhöhlenspülens im Unterricht, und die Dozentin wird viele Gesichter tragen und sie duzen und dich siezen, ist sie doch auch jene, mit der eine gemeinsame Reise ins ferne, wilde Osteuropa von frühen Tagen an versprochen war. Bedenke aber, dass, wer seinen Flug voreilig bucht, vielleicht alleine die große Fahrt antreten muss! Wieder treffen sollt ihr euch jedoch in einem Taxi, und der Fahrensmann wird euch fern der Heimat aussetzen und dreiundzwanzig Euro verlangen, darauf wird sie jedoch sagen „Es ist zuviel“, und erneut wird herrschen große Zwietriacht. Doch sieh dich vor, denn auch der Fahrensmann trägt zwei Gesichter, und eines wird geheißen Gigers Alien. Still und schweigend müsst ihr verharren, denn wenn ihr einen Finger rührt, dann wird es beginnen, im Dunkeln an ihm zu nagen, und wenn ihr es schaut, werdet ihr sehen, dass sein Gesicht ein anderes ist als ehedem, klein und rund und menschengleich doch ohne Augen. Nun aber wird es nicht mehr achten euer bitten und Flehen und eure Versicherung, die dreiundzwanzig Euro sofort zu überweisen, wenn es nur endlich mal aufhört, euch die Finger abzukauen!

Ich warte auf die exegese professioneller Mystiker …

So viel auf einmal

… schreib ich auch nicht. alles geklaut von meinem anderen blog.

Out of this World 5

Bremen ist zwar noch keine andere Welt, aber doch immer wieder eine willkommene Abwechslung zur Metropole, Entfremdung von der Entfremdung gewissermaßen, doppelte Negation von Schein und Sein, deutlich zu unterscheiden von der Rückkehr zum Urschleim, die auch ihr anheimelndes hat, aber dann doch lieber nicht übertrieben werden sollte (soll heißen: Nach Bremen war ich in meiner alten Heimat Göttingen, jetzt wieder glücklich in berlin angekommen).

Wer meinen (anderen) Blog fleißig liest, weiß auch, warum ich in Bremen war: Anlässlich des 5. Out-of-this-world-Kongresses, auf dem ich Lesen, Vortragen und Klugscheißen durfte. Klar, dass ich Spaß hatte. Am Freitag ging’s los mit Eike Pierstorffs Vortrag zur Holocaustrezeption in der SF, erwartungsgemäß deprimierend – es gibt sie praktisch nicht, obwohl es in der SF von Nazis wimmelt, scheint „die Sache mit den Juden“ dann irgendwie meistens doch nicht interessant genug zu sein. Tja, man kann sein Genre noch so lieben, manchmal kann es einem trotzdem gehörig auf die Nerven gehen … guter Vortrag, kein Grund, sich für die Qualität der Präsentation zu entschuldigen (was der Referent ein paar mal gemacht hat …)

Ich vergesse jetzt sicher einige, wenn ich assoziativ durchgehe, wo ich so war, also nicht böse sein: Dankbar erinnere ich mich an den Firefly-Vortrag von Benjamin Moldenhauer und Dieter Wiene. Zwar konnte man die angedeutete These der Referenten, Firefly sei ein hübsches Beispiel für vorsichtige Versuche in freier Kooperation so nicht stehen lassen, aber für eine angeregte Diskussion hat sie gesorgt. Fazit für mich: Firefly scheint doch eher ein konservativ-libertäres, autoritäres Menschenbild zu verbreiten, aber auf diskutierbare Weise … und natürlich macht’s Spaß.

Die Diskussion zu Utopien der Arbeit mit Claudia Bernhard und Margareta Steinbrücke fing ganz interessant an, aber letztere Referentin hat’s mir ehrlich gesagt nicht angetan: Eigentlich hatte ich den Eindruck, sie hat immer nur wiederholt, dass man auf dem heutigen Stand der Produktivkräfte mit einem 6-Stunden-Tag für alle Auskäme. Hm. Tolle Utopie. Kein Wort über Produktionsverhältnisse (Kapitalismus, irgendwer?). Da war mir Claudia Bernhards Vorschlag, nicht nur über technokratische Arbeitsverteilungspläne nachzudenken, sondern auch über das „Wie?“ der Arbeit, doch sehr viel sympathischer.

„SF und Musik“ von Doris Achelwilm war auch ziemlich spannend, sonderbarerweise sind wir am Ende in eine Diskussion über Aggro Berlin und Authenzitätsfetisch reingerutscht, die eher wenig mit SF zu tun hatte …

Kai Kaschinskis Input zu Biology Fiction war auch ziemlich interessant, da wurde darüber diskutiert, wie das Genre des Wissenschaftsthrillers Wissenschaft objektiviert und wie es sich da vielleicht von der SF auf der einen und der Populärwissenschaftlichen Literatur auf der anderen Seite unterscheidet. Sehr offene, anregende und noch fortzuführende Diskussion. Und Kais Videoabende sind natürlich über jeden Zweifel erhaben: im Anschluss haben wir Code 46 gesehen, ein sonderbarer Film mit einigen Plotschwächen (wurde in der nahen Zukunft eigentlich das Wissen um Verhütungstechniken verlegt oder so?), aber interessant, langsam und ein bisschen „magisch“.

Bei mir lief’s OK, würde ich sagen – bei meinem Vortrag über die neuere Englische Sf und das Thema der Sprache hat Jürg Djuren mir einige interessante Einwände zur Psychoanalyse gegeben, und Christoph Spehr hat ziemlich treffend darauf verwiesen, dass die von mir vorgestellten AutorInnen (Mieville, Duncan, Robson) es anscheinend alle darauf anlegen, es den Lesern nicht leicht zu machen und was das über ihre Rolle in der SF sagt. Auch noch eine offene Diskussion …

Und meine Lesung: Ich hatte so ein Publikum von nem Dutzend, die meisten haben tapfer durchgehalten. ich hatte Spaß dran (abgesehen von den regelmäßig aufflackernden Momenten totaler Panik), sonst sag ich mal nix dazu …

Gotteslästerung

Wir befinden uns offenbar in einem neuen Zeitalter der Empfindlichkeiten, in dem die großen Monotheismen sich in ihren tiefsten Gefühle abwechselnd verletzt fühlen – Karrikaturenstreit, Popetown, Papstrede. Als nächstes sind dann wohl wieder die Christen dran, ein weitgehend imaginäres Häufchen Kot vor ihrem Koffer zu entdecken (wobei sie wahrscheinlich einmal mehr bedrückt werden feststellen müssen, dass ihnen die militante Massenbasis des Islamismus dummerweise fehlt …).

Aber halt – eine dritte Fraktion schickt sich an, ins Befindlichkeitsgeschäft einzusteigen. Der Lästerer ist diesmal kein geringerer als Walter Moers, der mit seinem musikvideo „Der Bonker“ seine Comicfigur „Adolf, die Nazi-Sau“ ins digitale Zeitalter kapituliert oder katapultiert oder so.
Obwohl der kleine Adolf mit dem runden Bauch und dem noch runderen Arsch schon seit Jahren sein Unwesen zwischen Buchdeckeln treibt, wird es jetzt doch einigen zu bunt, und so zitiert der Stern die tiefschürfende Frage, ob man denn mit einem so ernsten Thema so respektlos verfahren dürfe.

Der große Irrtum, der solcher Empörung zugrundeliegt, ist, dass Hitler ein „ernstes Thema“ sei. Ist er aber nicht. Der Nationalsozialismus ist ein ernstes Thema. Der heilige Ernst, mit dem ein allseits geachtetes faschistophiles Kino-Machwerk wie „Der Untergang“ uns den Hitler präsentiert – ein Dämon; Ein Mensch; Ein Irrer – wird ja dankbar goutiert. Hier setzt man sich ernsthaft mit „dem Menschen Hitler“ auseinander, am besten „in all seiner Widersprüchlichkeit“. was man gewinnt, ist Einfühlung, ein erhabenens Schaudern, und einmal mehr die Versicherung, dass die deutschen den apokalyptischen Mächten der Geschichte völlig machtlos gegenüberstanden, das nacheinander ein Hitler über sie kam und ein Krieg, und das wir den Hitler verstehen müssten, um uns die ganze Sache irgendwie zu erklären. Deshalb guckt sich „Der Untergang“ auch wie „Herr der Ringe“, bloß dass man auf die schönen neuseeländischen Landschaftsaufnahmen verzichten musste, der Authentizität wegen.

Und dann kommt so ein Moers und stört die ganze schöne quasi-religiöse Einfühlung auf Dark Lord The Fuhrer. Wo bleibt das erhabene bei diesem kleinen Mann mit dem noch kleineren Pulllermann? Kann ein Dämon wie Hitler überhaupt einen Pimmel haben, ist er nicht ein geschlechtslose Transzendenzgestalt des Wahns?

Moers‘ „Der Bonker“ ist keine Kritik des Faschismus, sondern nicht mehr und nicht weniger als die richtige Antwort auf die neue Welle der Einfühlung in „unseren Hitler“, die mit „Der Untergang“ ihren vorläufigen Höhepunkt gefunden hat. Es handelt sich um eine treffende Verlachung nicht des Faschismus, sondern der Kinogänger, die glauben, sie hätten was gelernt, wenn Eichingers knoppinspirierte, wohlig-schaurige Botschaft im Kinosaal über sie gekommen ist.

Es ist nämlich nicht das „Drama“ im Führerbunker, das nach ernsthafter Auseinandersetzung verlangt, diese Götterdämmerung im Soapformat. Über Hitler darf und muss man lachen. Womit man sich nach wie vor ernsthaft zu beschäftigen hat, ist dagegen, was die Deutschen so zwischen ’33 und ’45 kollektiv getrieben haben.

wer den Bonker noch nicht kennt, findet das Filmchen z.B. bei kotzen.blogsport.de

70 Kilo Blödheit

Gesehen in der Realität:

U-Bahnhof Friedrichsstraße. Eine beeindruckend dicke Frau steht am mäßig vollen Bahnsteig und blickt müde und verschwitzt in die Runde. Ein hübsch zurechtgeschniegelter Mittdreißiger in sagenhaft häßlichem, türkisbunten Hemd kommt des Wegs – und erspäht nicht nur sie, sondern auch die direkt neben ihr stehende quasi-antike Münzwaage. Der Modeverwirrte betritt, nachdem er sich kurz um Aufmerksamkeit heischend ungeblickt hat, die Waage und ein Klingen ist zu hören, als er die Münze einwirft. Kurz darauf setzt er seinen Weg mit zufrieden beschwingtem Schritt fort.

Einerseits gibt es Leute, die beim aktuellen Sommerwetter sicher schwer an ihren Pfunden zu tragen haben.

Andererseits gibt es auch schlicht und einfach Arschlöcher.

Mein einziger Trost ist, dass ich mir ziemlich sicher bin, dass diese Waagen überhaupt nicht funktionieren und das in diesem Zusammenhang aufgetretene Arschloch sich vielleicht wenigstens deshalb ein ganz klein wenig dumm vorkam.

Kein Bauarbeiter in Sicht …

… der mir hier die Arbeit abnimmt. Verstehe erst mal gar nichts hier, ist aber normal für mich. Habt Nachsicht mit mir. Und Geduld. Die nächsten Tage wird hier hoffentlich das ein oder andere von meinem alten blog rübermigrieren und sich in schickeres Design hüllen!