Archiv für November 2006

Aphorismus des Tages

Wenn ich saufe, weiß ich wenigstens, warum ich Kopfschmerzen habe.

Blond … James Blond

Zu meinen Guilty Pleasures gehören die bekanntermaßen zutiefst sexistischen und meist auch rassistischen Bond-Filme (und nein, man kann sich da nicht wirklich mit „Ironisierung“ oder so rausreden …). Also war ich natürlich auch gestern abend in der Vorpremiere von Casino Royale, und ich sag mal: von mir aus mag die Ära Craig beginnen und seine Herrschaft lang und glücklich sein!

Ich muss ja nicht nochmal den ganzen Hype reproduzieren, den eh jeder popkulturell auch nur ansatzweise zurechnungsfähige Mensch bezüglich des neuen Films bereits kennt: Ja, CR kommt fast ohne technische Spielereien aus, ist „grittier“, böser und nimmt sich ein wenig ernster als seine unmittelbaren brosnanschen Vorgänger. Und er versucht einen Relaunch, fängt also mit der Figur Bond noch mal ganz von vorne an. Auch die Kritikpunkte sind schnell aufgezählt: Daniel Craig hat große Ohren, ihm fehlt Brosnans eleganter Gang, und er ist blond (und die stahlblauen Augen erstmal, hui!). Egal. Craig könnte mich als Bond mit seinem kleinen Finger zufriedenstellen, ist genau die richtige Mischung aus miesem Schwein und passiv-aggressivem Romance-Mistkerl you love to hate. Seine Freundin ist diesmal sogar ziemlich cool, zumindest ein Weilchen … Der Spannungsbogen ist etwas befremdlich, das romantische Intermezzo liegt irgendwie quer und der ganze Film ist ein bisschen zu lang, aber naja, Verzeihbarkeiten und so.

Ich fand die Brosnan-Filme ja auch ganz nett, aber der Wechsel hat wirklich gut getan: Bei den Brosman Filmen merkte man ja schon am Titel, dass sie wirklich zur reinen Selbstreferenz verkommen waren: Goldenen Körperteile (ob nun Finger oder Augen) oder der offensichtliche Versuch, den genialen Charme eines Titels wie „You only live twice“ mit Spielerein wie „Tomorrow never dies“ oder „Die another day“ einzufangen. (Einzig „The World is not Enough“ war gar nicht mal so dumm, auch als Film, und hatte außerdem diesen großartigen Titelsong von Garbage). Die Eispalast-Hybris am Ende von „Die another day“ hatte zwar ihren Charme, aber auch das wra irgendwie alles zu augenzwinkernd – wenn schon Größenwahn, dann bitte auch mit der gebotenen Gravitas!

Dagegen spart sich „Casino Royale“ einfach die Gigantomanie und bastelt eine nette, klassische, unaufgeregte Mischung aus Noir und Thriller. High-Tech-Noir nebenbei – damit ist „CR“ fast schon ein Cyberpunk-Film! Naja, ansatzweise …

Kann’s sein, dass der Spionagethriller sein Comeback als ein Genre hat, das sich wieder ernstnehmen kann? „München“, „Casino Royale“ und sogar der recht konzentrierte „Mission Impossible 3″ scheinen irgendwie dafür zu sprechen. Woran das, mal so weltpolitisch gesehen, liegt, dürfte sich dann ja wohl von selbst erklären …

Antideutsche mal anders

Langsam durchschaue ich das Prinzip „Linie 1″: Wenn man sich der bvg anvertraut, kriegt man definitiv eine der interessantest denkbahren Auswahlen absurder mehr oder weniger oder ganz kaputter mit. Zum Beispiel den Herren, der am Bahnsteig steht und mit kehliger Stimme brüllt: „Zurücktreten jetzt!“, und „Einsteigen jetzt“, und der, wenn die bvg nicht eine sehr sonderbare Uniformreform hatte, nicht zur Gegenmannschaft gehört.
Ein echter Höhepunkt waren aber neulich die beiden Männer in Jeansklamotten, einer davon mit nem fiesen Schirf auf der Stirn als hätt man ihm ne Axt reingekantet, und die Frau mit Kopftuch und Sonnenbrille, die von einem jugendlichen Deutschen, der offenbar wirklich nur hilfsbereit sein wollte, auf die Kontrolleure aufmerksam gemacht wurden, die sich aus dem nächsten Wagen näherten.
Frau: Was willst?
freundlicher junger Mann (zeigt auf den Mann mit der Axtwunde): Nee, ich meine ihn.
Frau: Ja, sag mir.
fr. j. Mann: Da kommen Kontrolleure.
Mann ohne Axtwunde (während Mann mit Axtwunde beunruhigend schweigsam beobachtet): Deutsch, was?
fr. j. Mann: was?
Mann o. A.: Deutsche – Scheiße! (Lacht) Hitler – (Deutet Faustschläge an) blaam blaam!
Frau: (lacht auch) Deutsche Scheiße! Hitler Scheiße!

bei der nächsten Station haben die drei sich in ihr Szenario richtig eingelebt und steigen aus, in die Luft boxend, Lachend und auf Deutsche und Hitler schimpfend. Nur der Mann mit der Axtwunde bleibt schweigsam.
Tja, was soll mensch dazu sagen? Jedenfalls war’s durchaus erfrischend …

Verkackt beim Literatentreff

Andächtig schweigend oder exaltiert brülllachend strömen sie in den rotpolsterbesitzten Kinosaal, um sich an den jungblütigen literarischen Leckerbissen zu delektieren: Kulturvolk, kritische Geister, schlaue Herren und vagante, wenn nicht gar extravangant Damen. Und ich dazwischen. Das kann icht gutgehn, denn ich bin zwar schlau und vielleicht auch ein bisschen vagant, aber nichts davon in herrlicher oder dämlicher Weise.

Nur mut, sage ich mir, dafür bin ich Gast, ein Sternchen gewissermaßen. Weit gefehlt: Es kann nur ein Sternchen geben, und das ist (durchaus sympathisch) Kathrin Passig, wie vom (durchaus unsympathisch) Moderator schnell klargemacht wird. Wir andern, sieben Lesende an der Zahl, dürfen nach vorne springen, wenn unser Name aufgerufen wird, und uns dann die „Battle“ der Literaten liefern. Kurz die Regeln erklärt: Eine vierköpfige Jury wird spontan vom Moderator aus dem Publikum erwählt, dazu kommt noch Frau Passig, und die entscheiden dann gleich nach dem jeweiligen Auftritt über das Schicksal des betreffenden Kandidaten/in auf einer Skala von 1 bis 10.
Ich bin gleich als zweiter, anch einem durchaus lustigen, wenn auch zum Ende etwas müden Text über ein Demotivationsseminar („Seitdem ich das Seminar besucht habe, habe ich meine alte Unsicherheit zurückgewonnen, und kann auch mal wieder sachen richtig nicht anpacken, sondern einfach liegenlassen.“), der im verdienten Mittelfeld landet. Ich erweise mich dann als weniger erbaulich und setze einen Punktemindeststandard, der im Laufe des Abends nicht mehr unterschritten wird. Von Kathrin Passig kriege ich immerhin ganze 2 Punkte, Erklärung: „2 Positivpunkte für die Horrorelemente, sonst ging gar nichts.“ Ich dachte, meine Ekelstellen wären ein bisschen mehr widerwillige Anerkennung wert, aber was solls.
Doch das eigentliche Grauen folgt erst noch: bis ein Uhr nacht muss ich mir nun die Ergüsse der anderen Teilnehmer anhören, und es ist keine Missgunst, die mich treibt, sondern das nackte Entsetzen des am eigenen Leib erfahrenen, wenn ich hiermit erkläre, dass die Fremdscham mir noch im Rückblick tiefes körperliches Unwohlsein bereitet.
Mir folgt eine mitteljunge Dame, die in betont süffig-erotischen Tonfall emanzipiert vom Aufreißen eines Jünglings berichtet. Da knistern Küsse wie bei Pilcher, da wird gewusst, was gewollt wird, da passen Körper nahtlos ineinander, da steigt langsam aber sicher der Kotzespiegel der Kinnunterkante entgegen. Frau Passig fühlte offenbar ähnlich, urteilte sie doch treffend: „Ich fand es grausig, aber bestimmt schafft sie es in Bälde als neue deutsche Jungautorin auf die Titelseite vom Spiegel.“ Doppelt beleidigend, welch Genugtuung!
Danach folgt ähnliches von, diesmal vom dunkel gekleideten Mann und für Männer. Koksen auf dem Klo, danach: Unbändige männliche Lust und Verwirrung ob des mysteriösen anderen Geschlechts. Hier ist Passig großzügiger und verteilt Extrapunkte für die Benutzung des Worts „Fotze“, weil das so schön unliterarisch ist. Das Establishment zittert. Anschlussgespräch: Autor: „Du willst wahrscheinlich wissen, ob ich recherchiert habe (impliziertes ‚hihi‘).“ Moderator: „Na, vielleicht hast du ja einen Freund der … (impliziertes ‚höhö‘). Oh mein Gott, Leute koksen – wie radikal, wie mutig, wie noch-nie-dagewesen, wie krass!
Danach Dinge, die ich verdrängt habe. Irgendwann zwischendrin passig mit einer lustigen kleinen Geschichte, die die Krämpfe in meinen Eingeweiden leicht lockert: Ali und Erwin im Wilden Westen, mit Kavallerie, Sauriern, Schießereien. Gute Sache, klassisch-klassiger Klamauk, nox dran zu meckern. Dann noch eine stilistisch gar nicht so üble Geschichte, die nur leider um eine allzu malerische Vater-Sohn-Beziehung und ums Boxen geht, sprich: reaktionärer kaum hätte sein können. Es folgt noch Frau, die sich nicht traut, und Mann, der sich durchaus traut, seine Gedanken zum nicht vorhandenen tieferen Sinn der Welt in eine Geschichte um (vielleicht?) Selbstmord zu verpacken und dabei eine saubere, leidlich unterhaltsame Mischung aus Stilblüten und echten kleinen Bonmots hinlegt. Scheinbar aus reiner Verzweiflung wird er von Kathrin Passig zum Gewinner gemacht, indem sie ihm einen glatten Zehner beschert. Nun gut, es hätte schlimmer kommen können: zum Beispiel hätte es länger dauern können.

Falls noch jemand fragen will: nein ihr habt nichts verpasst. Was ihr verpasst habt, ist allerdings möglicherweise die Lesung von Maike Hallmann und Boris Koch im Otherland-Buchladen, die früher am selben Abend war und die ich wenigstens zum Teil besuchen konnte. Beide haben Romane für die SF-Rollenspielserie Shadowrun geschrieben, und es gibt wohl kaum ein literarisches Genre, auf das tiefer hinabgeblickt wird als auf solche Franchise-Romane. Wie zu erwarten war (weshalb von Ironie zu sprechen schon eine Ironie war), übertrafen die beiden in Sachen Charakterisierung, Spannung, Sprachwitz und Anspruch den Großteil der Jungliteraten spielend. Manchmal freu ich mich echt und aufrichtig, wenn ich merke, dass ich mich auf meine entartete Niedersubkultur einfach verlassen kann!

Jugend identifziert für Europa

Letzten Dienstag durfte ich in einem mit gut hundert Teilnehmern überfüllten Amerikanistik-Seminar (Wenn ich schon dafür bezahlen müsste, würde ich mir diesen miesen Service nicht bieten lassen!) mit eigenen Augen und ohren erleben, wie sehr sich die junge Generation dieser Tage mit unser geradezu anrührend pazifistischen Heimat Europa identifiziert.
Die Rede kam nämlich auf Tony Judt (genau genommen wurde sie vom Dozenten auf ihn gebracht), seines Zeichens linksintelektueller Israelhasser (ein Antsemit? Pfui, wer wird denn so ein bitteres Wort in den Mund nehmen, mag es auch darum gehen, etwas beim Namen zu nennen …), der jüngst von sich reden machte, indem er sich mit einem Vortrag über „The Israel Lobby and the US Foreign Policy“ von Polnischen Konsulat in New York ausladen ließ (Verschwörungstheoretiker? Noch mehr böse Worte). Judt erklärte sich in bereits hinlänglich bekannter Manier zum Opfer und führte weiterhin aus, das damit die Meinungsfreiheit in Amerika dann wohl so ziemlich am Ende sei. So oder so ähnlich, ich bin definitiv zu faul, Belege für meine wahrheitsgemäßen Verleumdungen aus dem www zu fischen.
Jedenfalls trat jener am letzten Montag als Sternchen an der HU auf, wo man offenbar nicht so schlimme Bauchschmerzen mit antisemitischen Inhalten hat (aber, aber, nicht mal ein kleines Zwicken im Gedärm, etwas weiter unten, wo die braune Masse gewalkt wird?).
So oder so, die Seminarteilnehmer wurden also zu ihrem Eindruck von dem von Israelis verfolgten Herrn gefragt – und erkundigten sich auch gleich als erstes in Sorge, ob jener schurkigste aller und überhaupt echt eigentlicher Schurkenstaat ihm noch auf den Fersen sei. Übergehen wir dieses absehbare Intermezzo, denn Judt hatte offenbar auch inhaltliches zu sagen gehabt, zu Europa nämlich: Dass es die USA immer machen lasse nämlich, so mal geopolitisch betrachtet, und mal lieber selber Verantwortung übernehmen müsse und eine Rolle in eder Welt spielen zugunsten von Frieden und Freude und allseitiger Steigerung der allgemeinen Moralität. Welch innovative Idee! Welch radikale Forderung! Welch revolutionärer Ansatz!
Mit entsprechender Begeisterung quittierte das junge Publikum dann auch tags darauf den mutigen Intelligenzianer: So wurde festgestellt, dass, hätte Eurpa sich in Ex-Jugoslawien nur mal rechtzeitig eingeklinkt, dass dann doch wohl alles dufte gelaufen wäre da (denn Bomben merke, werfen nur Amerika und Israel, Europäer können das gar nicht, die sind dazu ja menschlich gar nicht in der Lage, die würden sich ja beide Augen und das Arschloch ausweinen). Der vorsichtige Einwand, Deutschland hätte ja nun mit seiner vorzeitige Politik der ethnisch motivierten Teilstaatenanerkennung das ganze Gemetzel erst mit ins Rollen gebracht, und dass man in diesem Licht vielleicht nicht ganz so auf die allgemein schmerzhemmende Wirkung Europas vertrauen solle, wurde leider übergangen (wahrscheinlich haben die übrigen Anwesenden ihn als geheimdienstliche Intervention des CIA oder Mossad erkannt). Stattdessen wurde festgestellt, dass Deutschland um 1999 ja tatsächlich eine sehr progressive Rolle gespielt habe, indem es die Widerstände gegen Auslandseinsätze im eigenen Land überwunden habe und Flagge gezeigt und Tatsachen geschaffen habe für eine neue, friedensschaffende europäische (und damit natürlich auch deutsche) geopolitische Interventionsfähigkeit.

Keiner, ich wiederhole, KEINER der übrigen Anwesenden hat ein unbehagen mit der Vorstellung eines europäischen Machtblocks als Gegenbildung zu den USA geäußert.

Was einen heute wohl nicht mehr wundern darf, ist, dass die meisten BeiträgerInnen zur Diskussion sich ihrem Argumentationsduktus zufolge wohl eher der „Linken“ zugeordnet hätten.

Was mich dann allerdings doch wundert ist, dass es sich bei all diesen Leuten um StudentInnen der AMERIKANISTIK handelt. Vielleicht sollten wir den Fachbereich einfach umbenennen. Dafür müssten eigentlich nur vier Buchstaben vorangestellt werden.