Archiv für März 2007

Nominiert! Ja, aber wen denn nur …?

Liebe LeserInnen meines blogs, bis zum 31. Mai läuft die nominierungsrunde für den deutschen Phantastik-Preis. Es handelt sich um einen Publikumspreis, und jede und jeder darf nominieren. Und da kann ich es mir natürlich nicht nehmen zu lassen, dass auch zwei Kurzgeschichten von mir, namentlich Das Vermächtnis des großen Essers und Abfallprodukte, theoretisch nominierbar sind.

Nur: Wer sollte das schon tun? Hm?

Essays, die geschrieben werden müssen, aber nicht von mir …

I fucked the law and I came
Versuch über die Libido der Militanz

Freiwillige?

Die Kirche des Spektakels

Gestern nacht auf einem Transparent vor einer Kirche im Prenzlauer Berg gesehen:

Des Heilands letzte Stunden
Karfreitag, 6.4., 18 Uhr
Eintritt frei!

Eikes treffender Kommentar: „So was ähnliches stand wahrscheinlich vor zweitausend Jahren auch da.“

Skandaltanten und Pedanten

Überleben in Berlin:

Hürde 1: Bei Regen in die Tram einsteigen, die (eigentlich durchaus erwartungsgemäß) anfährt. Bodenhaftung verlieren und in Horizontallage gehen. Noch mal Glück haben. Eigentliche Zumutung: Eine verkniffene Frau, der beinahe das gleiche wiederfahren lässt und die es sich nicht nehmen lässt, die Aufmerksamkeit auf sich selbst und dich zu lenken. Ob die hier gebohnter haben oder was. Da steigt man nichtsahnend in die Tram und wacht im Krankenhaus wieder auf. Jaja, die da oben machen doch eh was sie wollen.

Hürde 2: Am Sparkassenautomat Überweisungen für verbissen auf eBay ersteigerte DVDs vornehmen wollen. Je schneller Geld weg, desto schneller DVDs da. Leider: Junger Mann mit Brille, gestreiftem Hemd und ordentlichem Haarschnitt vor einem (Gesicht von hinten nicht erkennbar, aber deutlich vorstellbar nichtssagend). Verbringt den Hauptteil seiner fünfundzwanzig Minuten Quality Time am Überweisungsautomaten mit Gucken auf Zettel – Gucken auf Bildschirm – Gucken auf Zettel – Gucken auf Bildschirm. Den rechte Arm hat er dabei lustig-zwanghaft gerade an der Körperseite heruntergestreckt, Handfläche nach hinten, Finger ordentlich angewinkelt. Der junge Mann nimmt drei überweisungen vor. Nach jeder lässt er sich eine Quittung ausdrucken, die er zwischen Daumen und Zeigefinger beider Hände aufspannt und mit bedächtigem Bückling auf die zusammengefaltete Jacke bettet, die auf dem kleinen Rücksack neben ihm liegt.

Die dunkle Seite der Macht ruft …

Pandora 1 ist da! (Eine Frage der Haptik)

Ehrfürchtig vorzitternd betrat ich gestern Abend eine schöneberger Gaststätte, um mein Exemplar der Pandora 1 in Empfang zu nehmen – großformatig, Paperback, einen guten Zentimeter dick:

… und obwohl ich den ganzen Inhalt bereits als pdf gesehen und gelesen habe, sage ich all den Postsubstanzialisten, all den Internetten und den Desauthentikern da draußen: Es ist etwas anderes, das ganze auf echtem Papier, und Blättern ist eine qualitativ andere Form der Interaktivität als das, was im Adobe Acrobat Reader nur „Blättern“ genannt wird. Nennt mich einen Authentzitätsfetischisten. Aber nicht, bevor ihr es nicht selbst ausprobiert habt. Dafür müsst ihr die Pandora natürlich erst einmal in der Hand haben. Eine Möglichkeit dafür ist, sie zu bestellen. Andererseits könnt ihr euch ab Montag auch in den Otherland-Buchladen begeben, um ganzheitlich-sinnliche Erfahrungen mit diesem Schmuckstück zu machen.

Ach ja, Lesestoff enthält das 256seitige Magazin natürlich auch, und ich kann guten Gewissens ganz unbescheiden verkünden, dass alle Freunde ungewöhnlicher Phantastik ebenso auf ihre kosten kommen werden wie all jene, die schlicht und einfach gute Kurzgeschichten und Novellen schätzen oder schätzen lernen wollen. Wenn ihr’s realistisch mögt, fangt mit „Ein Loch in der Stadt“ (Richard Bowes) an, bei Bedarf nach Amüsement mit der Werwolfstory „Fragen sie Dr. Kitty“ (Carrie Vaughn), und wenn ihr ein finsteres Märchen mögt, versucht’s mit „Das Schriftstellerkind“ (Tad Williams). Schiebt die wunderbare Polemik von Ursula LeGuin ein, und dann wendet euch dem etwas härteren Stoff zu, z.B. den Novellen von Daryl Gregory und Hal Duncan.

Und natürlich solltet ihr auch meinem Essay „Am Ende der Gegenwart“ über R.C. Wilsons Roman Spin einen Moment lang eure Aufmerksamkeit schenken …

Pandora 1 ist derzeit schlicht und einfach die beste deutschsprachige Sammlung phantastischer Geschichten. Und wenn ihr meint, dass ich mir dieses Urteil als Redakteur nicht erlauben darf, dann müsst ihr sie wohl erst mal genauestens studieren, um mich zu widerlegen!

Zwei neue Reviews auf sfsite, einer für Buffster

Wieder mal zwei neue Reviews von mir auf sfsite online gegangen: Secret Life ist die short fiction collection des ungewöhnlichen Jeff VanderMeer, und The Existential Joss Whedon ist eine mittelmäßige Abhandlung mit der These, Joss Whedons Serien Buffy, Angel und Firefly würden eine existenzialistisch-kommunitaristische Ethik ausarbeiten.

Neue Phase 2 – Die Weiterso’s

Die neue Phase 2 trägt den schönen Titel „Die Weiterso’s“ und beschäftigt sich eben denen, sprich: der (Anti-)Globalisierungsbewegung. Darin Artikel von Dietmar Dath, Nora Sternfeld, Georg Füllberth, Thomas Seibert … Wie es sich gehört, sind nicht alle Positionen vertreten, aber doch so einige, manche sagen sogar, man solle nach Heiligendamm fahren, um vom Antikapitalismus zu retten, was zu retten ist.

Abseits dieses Schwerpunkts ist außerdem mal wieder ein Artikel von mir enthalten: In „The Subtext is Quite Rapidly Becoming a Text Here“ beschäftige ich mich mit Fantasy und Faschismus, damit, warum Symbole gerade nicht das sind, wofür sie stehen und vor allem mit Guillermo del Toros wunderschönen, magischen und furchteinflößenden neuem Film Pan’s Labyrinth (und auch ein wenig mit Tolkiens Der Herr Der Ringe – ja, mit Tolkiens, nicht mit Peter Jacksons!). Wer rausfindet, woher genau das Zitat im Titel des Artikels stammt, kriegt ne aktuelle Phase 2 von mir (aber nicht in den Buchladen gehen und nachgucken …)!

Bestellbar ist die P2 hier, dort findet ihr auch eine Liste mit den Buchläden, wo sie erhältlich ist.

Rest in Cold

Ab und zu mache ich kleiner Morbidling ja Spaziergänge über den benachbarten großen Friedhof an der Kreuzung Mehrungdamm/Obentrautstraße. Da gibt es Grüfte, durch deren Türspalt man allerlei Dachbodengerümpel sehen kann, oder drei verwitterte Skulpturen auf benachbarten Gräbern, allesamt Frauen, allen fehlt der Kopf. Oder Gräber von 1944 mit der schönen Aufschrift: „Er starb in Brasilien, für Deutschland“. Was hat dieser Deutsche da getrieben, wen hat er alles für’s Vaterland umgebracht, bevor er sich ihm dann selber hingeknickt hat?

Die Pfade sind zum größten Teils schmal und oft verdreckt von den danebenliegenden Aushubhaufen, und wenn sich dort zwei entgegenkommen, müssen sie einander wohl oder übel wahrnehmen und entsprchend betreten aneinander vorbeischleichen. Oder sie knallen die Verlegenheit ganz unverschämt weg, wie jüngst jene freundliche ältere Dame, die voll Begeisterung zu mir sagte:

„Ein Zitronenfalter!“

„Oh, äh. Ja?“

„Ja, dort war einer! Hoffentlich wird es nicht wieder viel kälter, dann stirbt er.“

Wie passend. „Ja, hoffentlich wird es nicht kälter.“

Wir nicken einander zu und setzen unseren Weg in entgegengesetzte Richtungen fort. Worüber soll man sich auch auf dem Friedhof sonst noch unterhalten, wenn man das Schicksal der Zitronenfalter geklärt hat?

Der Gipfel der Unwahrscheinlichkeit

Soeben hat eine bei mir eingetroffene Spam-Mail den absoluten Gipfel der Unglaubwürdigkeit überschritten und befindet sich damit in einer Höhe, die eine stabile Umlaufbahn gewährleistet:

Absender: „Anwalt“
Betreff: „Ihr Scheck ist da!“

Während Kombinationen wie „Anwalt“ und „letzte Mahnung“ ja noch Ansatzweise glaubwürdig sind, bewegt eine Proposition, die nahe legt, dass ein Anwalt einem Geld geben würde, sich wirklich jenseits aller Grenzen dessen, was auch im blödesten Hirn noch Platz finden kann.

I‘m a quoted critic!

Nice: In der just erschienen Paperback-Ausgabe von Hal Duncans Roman INK zitiert der Verlag auf der 2. Seite meine VELLUM-Rezension für SFsite:

„a work of remarkable unity … Vellum is a raw mixture that will crystallise into an unique gem in the mind of the attentive reader.“

Damit ist meine Metapher wohl offiziell als treffend (oder wenigstens werbeträchtig) geadelt!