Gestern in der U1 zwischen Kotti und Hallesches Tor war mal wieder unsere zuständiger Alkoholiker vom Block an Bord: Ein grauhaariger, eigentlich recht ordentlich frisierter Herr um die fünfzig mit hängenden Augenlidern und hängender Unterlippe, den ich bisher immer nur tiefe, unartikulierte Laute habe ausstoßen hören. Ab und zu reißt er den Mund weit auf und zeigt seine Zunge. Diesmal hatte er sogar eine Flasche Sekt dabei.
Und auf irgendwelchen verschlungene, magisch-realistischen Wegen führte seine Anwesenheit dazu, dass die im Wagen anwesenden plötzlich alle zu Figuren wurden, zu Menschen, über die man nicht nur Bücher oder Filme machen könnte, sondern sogar interessante, aufregenden, dramatische … Ein Typ anfang zwanzig, mit einem schnörkeligen Tattoo in der Halsbeuge und dem Ansatz zum Oberlippenbart, Tarnmusterjacke und blaues Basecap, den ich lieber nicht schief ansehe, vielleicht ist er ja in einer Gang. Jedenfalls ist er definitiv genervt von dem Laller gegenüber. Ein junges paar, wahrscheinlich frisch von der Uni, er mit dunklem, kurzen Lockenschnitt und geschmackvollem Wollpulli, sie mit langem bloden Haar im Pferdeschwanz, die sich der Gegenwart des Alkis offenbar unwohl bewusst sind, sich aber nichts anmerken lassen wollen. Eine Frau mitte fünfzig in viel zu dicker Jacke für das Wetter, rotgefärbte, leicht ausgebleichte Haare, die, ganz, wie man es von solchen Leuten erwartet, stur gerade ausblickt.
Wir sollten alle steckenbleiben (am besten müsste die U-Bahn dafür unterirdisch fahren). Niemand kommt, um uns zu retten, und dann sehen einige von uns plötzlich Wesen vor den Fenstern, undeutliche, die so schnell verschwunden sind, dass sie auch ein Flackern der Innenbeleuchtung hätten sein können, bis etwas langsam und geduldig übers Dach kratzt …
Dann würden die Dinger jemanden schnappen, der Psychoterror unter uns Insassen ginge los, das eigentliche Grauen wie immer das überspannte menschliche Gemüt. Alkoholiker würden sich als Hüter geheimen Wissens entpuppen, Gangmitglieder als schutzbedürftig, Alte Frauen als hammerharte Monsterkiller. Und ich würde natürlich zu den wenigen unwahrscheinlichen Überlebenden gehören …
Ach ja, nie passiert mal was interessantes.
Hat auch seine Vorzüge, wenn ich’s mir überlege.