Archiv für Mai 2007

Stressfrei in 15 Minuten

Gerade auf dem U-Bahn-Monitor gesehen: Werbung für einen Ratgeber obigen Titels. Da muss man sich aber wahrscheinlich ganz schön ranhalten, um das Übungsziel in einem so klar gesteckten Zeitrahmen zu erreichen. Also keine Müdigkeit vorschützen!

Deutsche, kauft nicht bei Pestiziden …

Heute also beim NP-Markt fragt mich die freundliche, weißhaarige alte Dame mit einem Plastiksack voll Äpfel in der Hand: „Entschuldigen sie, ich habe meine Lesebrille nicht dabei: können sie mir sagen, was hier steht? Sind die aus Deutschland?“
Ich folge befremdet dem weisenden gepflegten Finger und bestätigte hilfsbereit: „Ja, da steht’s.“
„Sicher?“
„Äh, ja.“
„Sie müssen nämlich wissen, die aus Deutschland sollen besser sein. In Polen und anderswo im Ausland werden nämlich Pestizide benutzt. Ich habe da neulich so eine Sendung gesehen.“
Ich schaffe es, sie mit einem gelinde desinteressierten Blick zum Schweigen zu bringen und zu verscheuchen. Fragt sich nur, wer die sendungsbewusste Sendung gesponsert hat, der deutsche Bauernverein oder so? Na, was weiß ich. Vielleicht ist’s ja alles wahr, denke ich mir und lege ein Netz israelische Grapefruit in meinen Einkaufswagen.

Review von Jeffrey Thomas‘ Deadstock

Auf sfsite ist jetzt mein review von Jeffrey Thomas Noir-Cthulhupunk-SF-Roman Deadstock online.

Dogma I

Alle realistischen Romane sind Science Fiction. Da der Realismus in der Literatur erst lange nach der kopernikalischen Wende aufkam, handelt jeder realistische Roman von Ereignissen, die sich während einer Weltraumreise zutragen – derjenigen der Erde um die Sonne.

Lehn dich nicht an!

Neulich stürzte mich die unfreiwillige Besichtigung den nun schon nicht mehr ganz so neuen Berliner Hauptbahnhofs in existenzielle Grübeleien, die zweifellos eines Danny Boyle (siehe unten) würdig gewesen wären. Was soll all diese Vertikalität? Stehe ich auf dem Bahnsteig (und stehen muss ich, denn Bänke sind rar), kann ich nach oben durch die Kuppelfenster in den Himmel blicken und nach unten durch zwei oder drei Etagen metalleingefasstes Glas direkt auf die Gleise der tiefergelegten Bahnsteige. Trudeltrudel-Platsch!, denkt man sich da doch zwangsläufig, denn nirgendwo ist ein zerschmetterter Körper bekanntlich besser drappiert als quer über den Gleisen. Vertikalität, Parallelität und Zerteilung, gehört das etwa irgendwie alles zusammen? Was will mir dieser Bahnhof sagen über die conditio humanis unserer Zeit? Warum dieser Mangel an Sitzgelegenheiten? Werden auf diese Weise all die von den Fruchtzuckern der weiter unten gelegenenen Frisch-Gepresst-Saftbar angetriebenen geschäftigen Existenzen berücksichtigt, die sich besser gar nicht erst hinsetzen, um bloss keine Bewegungsenergie verpuffen zu lassen und dann vielleicht nicht wieder in die Gänge zu kommen? Oder ist es einfach Ageismus (Wenn Omas und Opas sich auf diesem Bahnsteig ausruhen wollen, müssen sie halt einfach tot umfallen)? Oder die künstlerische Vision, die für solche Trivialitäten wenig Raum ließ?

Den erwähnten visuellen vertikalen Abwärtssturz erlauben ausgestanzte Trapeze im Bahnsteigbogen, umgeben von glatten, fast unsichtbaren und knapp hüfthohen Glaswändchen, gekrönt vom dezenten Metallgeländer. Wer sich hier anlehnt, gerät, so sinnlich nicht völlig tot (wie offenbar all die vielen Leute, die schon in normalen U-Bahnhöfen stumpf mit den Fußspitzen über die Bahnsteigkante ragen), zwangsläufig in einen Psychogravitationssog, der nur in dem bereits beschworenen Bild von Matsch-auf-Gleis enden kann (drumherum Geschäftigkeit). Setz dich nicht hin, lehn dich nicht an, steh mitten in der Leere, mit beiden Füßen so fest es geht auf trügerischem Boden, hauptsache kipp nicht in der Megakathedrale der völligen Vernichtung, sonst kippt die Welt gleich mit und es geht abwärts. Far, far away vor dem partiotionierten Himmel ist gar ein gläserner Wandelgang über dem Nichts zu sehen, ein Steg mit knapp bemessenem Glasgeländer und klitzekleine Menschchen darauf (was macht das schon, so aus der Entfernung, ob diese sich nun von links nach rechts, oder, ein bisschen schneller, von oben nach unten bewegen?).

Ist das einfach die Rückkehr des vage faschistoiden Gernsback-Utopismus? Oder ist es noch viel gemeiner. Jedenfalls ist es groß und tief und mir ist schlecht und ich bin froh, wenn der Zug kommt.

Lieber Danny Boyle,

Kürzlich habe ich deinen neuen Film „Sunshine“ gesehen und mich anschließend leicht benommen vor Übelkeit gefühlt. Was genau ist passiert irgendwo zwischen „Trainspotting“ und heute, das dich dazu brachte, deinen Mitmenschen mit solcher Acthlosigkeit gegenüberzutreten.

Bereits als du deinen Zombiefilm „28 Days Later“ machtest, munkelte man, du wolltest ihn nicht gerne Zombiefilm genannt haben, weil das doch dummes Genre für dumme Menschen sei, dein Film aber intelligent. Und auch wenn „28 Days“ vielleicht gar nicht einmal dumm war – wolltest du wirklich ernsthaft behaupten, dass er den Romero-Klassikern auch nur einen neuen Gedanken hinzugefügt hätte? Willst du etwa behaupten, dass die atavistische Junge-kämpft-um-Mädchen Geschichte, auf die das ganze hinauslief, nicht schon tausendmal (und dabei selten sexistischer als von dir) erzählt worden?

Bei „Sunshine“ wird mehr geredet, und das macht es nicht gerade besser. Die Integrität deiner Handlung und deiner Figuren opferst du schwülstiger Stammtischphilosophie. Selten habe ich so durchschaubar konstruierte Unglaubwürdigkeiten sehen müssen: Warum entdeckt dein Bordcomputer selbstständig Brände, die Schotten müssen aber von Hand verschlossen werden? Und warum kann man die Sonnenschilde nicht von innen reparieren, sondern muss einen Weltraumspaziergang am Rande des glühenden Infernos machen, um an ihnen herumzuschrauben? Und wenn die Besatzung unter Sauerstoffknappheit leidet, warum lässt sie ungenutzte Räume von den Ausmaßen des Kölner Doms unter Druck? Der Sauerstoff reicht nämlich länger, wenn man ihn nicht über überall verteilt hinschmiert (eine höhere konzentration kann länger erhalten werden). All das, damit ein existenitalistisches Standarddilemma aufs andere folgen kann. Und am Ende sind sie wieder übrig, Boy und Girl, und er muss eine Entscheidung treffen und es zuende bringen …

Der Genderkram, genau. Nichts für ungut, aber ist es nötig, dass die beiden Frauen an Bord entweder für’s Gefühl oder für die hege von Pflanzenbabys zuständig sind? Tut schon ein bisschen weh. Versuch’s mal mit etwas Abwechslung, das löst Unterleibsverkrampfungen.

Und das, wo du doch zwei so große Vorbilder hattest: Die wissenschaftlich-transzendente Ästhetik von 2001 und das Monster-Psychodrama von Alien. Nur das die beiden Filmen eine Geschichte erzählt haben und keine lose verknüpfte und hübsch illustrierte (das zumindest kann man „Sunshine“ nicht aberkennen) dümmliche Aphorismensammlung.

Zuletzt kupferst du dann auch noch bei „Event Horizon“ ab, wenn dein Zombiekapitänmonster auftritt, und selbst da bist du peinlicher und oberflächlicher als diese kleine Trashperle des Trashprinzen Kevin J. Anderson. Und das, wo du dir doch an einem anderen Punkt ein Beispiel an eben diesem kleinen SF-Horror-Machwerk hättest nehmen können: die Macher von Event Horizon wussten nämlich, im Gegensatz offenbar zu deinen wissenschaftlichen Beratern, dass ungeschützte Menschen im All NICHT schockgefroren werden. Der Grund besteht ganz einfach darin, dass um die armen Treibenden herum keine kalte Materie ist, die ihren Körpern Wärmeenergie entziehen könnte. Vielmehr beginnt aufgrund des Druckunterschieds das Blut zu „kochen“. Auch kein schöner Tod. Das ganze wäre ja halb so ärgerlich, handelte es sich nicht um den dümmsten Dauerfehler der SF, der inzwischen schon öfters korrigiert wurde. Und hättest du nicht ansonsten so viel „Wissenschaftlichkeit“ vorgetäuscht.

Schade, Danny Boyle. Mach doch bitte wieder einen Drogenfilm. Auf jeden Fall bleib dem Weltall fern …

Viele Grüße und gute Besserung,
Jakob

Review auf SFsite

Auf sfsite ist jetzt mein Review der elften Ausgabe des schön skurrilen Phantastik-Magazins Electric Velocipede online.