Notizblog – Danielewskis „House of Leaves“

Unvermeidlicherweise fordert Mark. Z. Danielewskis „House of Leaves“ Hirnverdrehungen heraus. Damit die meinen nicht verloren gehen, seien an dieser Stelle noch mal einige Leseeindrücke dokumentiert, die ich etwa auf der Hälfte der Lektüre festgehalten habe. Vielleicht hat ja jemand anders spannende Assoziationen zu meinen Assoziationen.

Innen/Außen: Wer der Fußnotenstruktur beim Lesen folgt, wandert subjektiv nach innen, aber epistemologisch in die äußeren Schichten des Erzählten: Johnny ist „außerhalb“ des Berichts über den Navidson Record, seine Geschichte ist aber eingelassen in die Geschichte des Hauses.

Das Labyrinth: Nicht nur, dass das Labyrinth-Kapitel in seinem Aufbau selbst ein Labyrinth ist und den Gegensatz „map/experience“ spiegelt (das ist ein nettes, kleines und schnell aufgelöstes Rätsel), es verbildlicht auch das Konzept des Rauschens. Eine Unmenge von Randinformationen geht nach und nach in weiße Flächen, in „White Noise“ über und vermittelt den Eindruck einer bedeutungsgeladenen Fülle, die in ihrer Fülle aber wiederum in Leere übergeht. Der Effekt wird im Folgekapitel (größtenteils leere Seiten) ausgenutzt: Die Leere ist hier bereits als eine Kapitalulation von der schieren Unmöglichkeit, Information zu verarbeiten, konstituiert. Unverarbeitete Imformation ist aber im Endeffekt Nicht-Information. Um die im Buch selbst angedeutete Terminologie zu verwenden, wird das Buch hier „erwachsen“: es akzeptiert die fundamentale Abwesenheit der Erklärung.

Der Minotaurus: Warum sind die Minotaurus-Passagen gestrichen? Scheinbar sind sie verdrängt. In diesem Zusammenhang ist es sicher kein Zufall, dass die alternative Minotaurus-Geschichte einem psychoanalytischen Drama von Zurückweisung und Anerkennung ähnelt, die über das Bild des Tiers im Labyrinth zugleich mit einem atavistischen Motiv verknüpft ist. Will sagen: Der „Minotaurus“ stellt eigentlich eine „einfache“, klassisch psychoanalytische Deutung des Hauses dar, die in der Postmoderne in den Verdacht des Reduktionismus geraten ist. Die Streichung dieser Passagen verweist einerseits auf die Verwerfung der Psychoanalyse, andererseits zeigt sie auch eine gewisse Angst davor, dass genau diese „einfache“ Antwort das Zeichen ist, das auf eine unauslöschliche und undenkbare Wahrheit verweist (das Tier im Dunkeln, „the horror“, das Herz der Finsternis).

Und: Verdammt gruselig, die ersten hundert Seiten. Dann lässt die Spannung nach, die Aufmerksamkeit richtet sich mehr auf die Konstruktion und weniger auf die Geschichte, es wird wieder leichter, Distanz einzunehmen. Der Sog bleibt trotzdem.


8 Antworten auf “Notizblog – Danielewskis „House of Leaves“”


  1. 1 Jasper 05. November 2007 um 14:01 Uhr

    Ok, ich sagte ja schon, dass ich mir das ausleihen muss. Zum Glück steht das Thema meiner Doktorarbeit ja schon :) . Gibt es irgendwo schon eine Leser_innen-Community im Netz oder einen Reader? Nee? Kommt bestimmt noch. Ich würde übrigens gegen Pynchons „Against The Day“ tauschen.

  2. 2 Administrator 05. November 2007 um 14:11 Uhr

    Ich warte noch immer drauf, dass die Diskussion im horror-forum.net mal richtig losgeht, bisher aber vergeblich …

    Das Buch kriegst du jeden Falls auch ohne Tausch geliehen, ich fürchte, zu Against the Day komme ich so bald nicht. im Moment stapelt sich hier bei mir die Magisterarbeitsliteratur.

  3. 3 Tom 12. November 2007 um 14:55 Uhr

    Ich denke die Diskussion ist schon eingeschlafen bevor sie eigentlich losgegangen ist. Sind ja alles ganz liebe Leute im Horror Forum aber ich glaub so richtig können die sich nicht für Danielewski begeistern. Finde ich aber irgendwie schade.

  4. 4 Administrator 12. November 2007 um 15:02 Uhr

    Naja, wer will, ist herzlich eingeladen, ersatzweise meinen Blog zu benutzen!

  5. 5 Tom 12. November 2007 um 16:07 Uhr

    Sobald ich den Kovacs hinter mir hab, werd ich mich dem Haus widmen.

  6. 6 ghost 24. November 2007 um 5:56 Uhr

    Hm. Danielewski hat sich damit viel Mühe gegeben, wie auch mit seinem arg mißratenem letzten Roman.

    House of Leaves ist nicht mißraten und hat für mich als Horror am Anfang gut funktioniert. Es hat auch einen Höllenspaß zu lesen gemacht, bis zum Schluß.

    Allerdings habe ich mir am Ende, das Buch geschlossen auf dem Tisch, gewünscht, ein besserer Schriftsteller hätte sich des Ganzen angenommen. Das ist Danielewski einfach nicht, es ist sprachlich, na, mäßig und teilweise furchtbar kitschig und einiges in dem tollen Wust an Zitaten und pseudoreferenzen ist arg nervig (achja, mein lieber Herr Borges). Ich habe mir vorgestellt ein Herr DFW hätte die Energie, die schiere linguistische Brillianz, die er in das fantastibulöse Infinite Jest gesteckt hat, zu diesem Projekt beigesteuert.

    Unzufrieden: ich.

  1. 1 Das Haus | Das Haus der Renunziation Pingback am 06. November 2007 um 14:50 Uhr
  2. 2 I guess I do believe the hype | Karwan Baschi | Paules Blog Pingback am 07. November 2007 um 13:18 Uhr

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