Archiv für Dezember 2007

Who fucked me?

So, jetzt ist es passiert – und auch noch an Heiligabend. Trotz meiner traditionellen Elektronikfeindschaft begab ich mich zwecks Tanzvergnügen in die Möbelfabrik in der Brunnenstraße, wo sich glücklich intoxikierte Massen erwartungsgemäß (und je nach Intoxiakationsgrad mehr oder weniger rhytmisch) bewegten. Ich machte eine Weile mit, und eh ich michs versah – ich schätze so zwischen 3:00 und 3:30, dachte aber aus naheligenden Gründen nicht daran, auf die Uhr zu sehen – erlauschte ich ein sonderbar beglückendes, spannungsreich in die Länge gezogenes Stück Ton und erlebte meinen ersten elektronisch induzierten Musigasm.
Was ich nun leider nicht weiß, ist, wer zu diesem Zeitpunkt auflegte und mich akkustisch entjungferte. Trotzdem meinen herzlichen Dank! Keine Sorge, ich habe nicht vor, den oder die VerantwortlicheN mittels moralischen Drucks in eine ernsthafte musikalische Beziehung zu pressen, noch gedenke ich, Unterhaltszahlungen einzufodern, falls ich schallwellengeschwängert Töne auf die Welt bringen.

DelToro: Ein vorläufiges Fazit

Nach langer Suche habe ich gestern nun endlich die Spanisch-Englische Originalversion von Guillermo DelToros erstem Langfilm, Cronos, in die Finger gekriegt. Für alle, die meinen, ihn nicht zu kennen: DelToro zeichnet sowohl für den finsterromantischen Pans Labyrinth (darüber liest du hier) als auch für den intelligent-spaßig-antinazistischen Hellboy und den leicht Testosteronvergifteten, aber visuell leckeren Blade II verantwortlich. Anlässlich des freudigen Ereignisses, dass ich nun alle DelToro-Langfilme gesehen habe, hier ein kurzer Überblick für alle, die sich dem Werk dieses phantastischen Regisseurs nähern möchten:

Cronos – Weist zwar ein paar Schwächen auf (unter anderem eine ziemlich ausdruckslose, dadurch aber schon wieder etwas unheimliche Kinder-Hauptdarstellerin, dazu kommt ein hier besonders gegen Ende etwas holperiges Drehbuch); aber trotzdem eine runde, stimmungsvolle Neuerzählung des Vampirmythos. Vampirifiziert wird in diesem Fall ein alter Uhrmacher, und zwar nicht von einer Fängebewehrten Nachtgestalt, sondern von einem sonderbaren alchimistischen Apparat. Natürlich ist das ganze nebenbei eine Metapher zum Thema sucht, der Vampir als Junkie, blabla, kennen wir, aber das interessante an dem Film ist eher DelToros Grundmotiv: Die suspekte virile Männlichkeit. Jesus Gris, die Hauptfigur, ist dann am unheimlichsten, als er sich durch die vampirische Infektion verjüngt und vitalisiert fühlt – da wissen wir nicht, wo’s hingeht mit ihm. Am Anfang als Opa ist er viel angenehmer, und am Ende, als gebrochener, physisch verfallener Mann ebenfalls (tatsächlich erinnert er am Ende eher an Frankensteins Monster als an einen Vampir, eine Ähnlichkeit, über die wiederum das auf der Special Edition enthaltene Interview Aufschluss gibt).
Also: Wenn ihr Lust auf einen romantischen, aber auch verstörenden, nicht allzu gruseligen oder blutigen, streckenweise recht schwarzhumorigen und vor allen Dingen: originellen Vampirfilm habt, ist Cronos eine gute Wahl. Das Produktionsdesign ist gar nicht übel für so einen kleinen Film, und außerdem spielt der übergroßartige Ron Perlman in einer echt ekelhaften, aber irgendwie auch mitleiderregenden Mistkerlrolle mit!
Den Film gibt’s übrigens auch in deutscher Synchronisation, die aber zum Kotzen sein soll. Das Original ist spanisch/englisch, mit englischen Untertiteln bei den spanischen Passagen. Der Film ist aber sowieso eher visuell als über die Dialoge erzählt.

Mimic
– DelToros erster Hollywood-Ausflug über mutierte, als Menschen in Regenmänteln getarnte Riesenkakerlaken in der New Yorker Unterwelt. Habe ich vor ewigen Zeiten gesehen, und war relativ mäh – egal. Im Gedächtnis geblieben ist mir nur das gelungene Bild eben jener als schweigsame Menschen am Bahnsteig getarnten Monster. Die Geschichte dagegen ist klassisches, mittelmäßiges Alien-Getue.

The Devil’s Backbone – Klasse Gespensterfilm, der in einem Waisenhaus zur Zeit des spanischen Bürgerkriegs spielt. Wieder mal sind die Monster nicht die bösen, sondern der ekelhaft-selbstgefällige, vor Manneskraft strotzende Quasifaschist. Überhaupt alles voller Psychoanalysesymbolik – es treten auf: Ein Holzbein, ein gütiger, impotenter alter Mann, Kinder mit tödlichen Holzsspeeren,tiefe, trübe unterirdische Wassereservoirs und natürlich: ein Gespenst, das Gerechtigkeit sucht. Ein wirklich, wirklich guter, stimmungsvoller und tragischer Film, der ein weiteres von DelToros Grundthemen behandelt: dass die Schrecken des übernatürlichen verblassen oder sich sogar ins gute Wenden angesichts menschlicher Bösartigkeiten. Klingt banal, ist aber, richtig erzählt, auch zutiefst wahr.

Blade II
– Naja, wie gesagt, Testosteronvergiftet. Aber die Übervampire mit den Predatormäulern sind Schweinecool. Und Ron Perlman spielt als Naziarsch mit! Nicht unbedingt repräsentativ, aber trotzdem brauchbarer Actionfilm.

Hellboy – Love this trash. Spaßig und kluge Comicverfilmung. Klar, dass Motiv „die ausgegrenzten Freaks schließen sich zusammen“ ist mittlerweile ausgelutscht (X-Men, Heroes, Blablubbbla), da muss man auch nicht viel Subversives reininterpretieren (Helden sind fast schon defintionsgemäß Außenseiter. Ist die Geschichte in sich geschlossen, kehren sie am Ende vielleicht in den Schoß der Mehrheitsgesellschaft zurück, sind Fortsetzungen geplant, ist es dagegen oft am einfachsten, ihnen ihren Outsiderstatus gleich zu belassen). Jedenfalls: Ein magischer Superheldenfilm mit leichtem Ghostbusters-Feeling, einer gehörigen Prise Indiana Jones (In Form von Tempelfallen und Nazibösewichtern) und natürlich voller visueller Großartigkeiten. Und eine buchstäblich herzerwärmende Liebesgeschichte ist auch dabei. Und Lovecraft-Götter!

Pans Labyrinth – Zu dem habe ich mit an anderer Stelle so ausführlich geäußert, dass ich hier nur erkläre: Das Filmplakat hängt in meinem Zimmer an der Wand, und ich werfe mindestens einmal am Tag einen Blick drauf!

Und demnächst:

Hellboy 2 – Der Trailer verspricht eine Synthese aus Teil 1 und Pans Labyrinth!

Und ganz, ganz vielleicht verfilmt DelToro danach Lovecrafts Mountains of Madness! Oh bittebittebitte …

Vatikan: How dare you!

SciFi.com berichtet:

The Vatican condemned the film The Golden Compass, which some have called anti-Christian, saying it promotes a cold and hopeless world without God, the Reuters news service reported.

In a long editorial, the Vatican newspaper l‘Osservatore Romano also slammed Philip Pullman, the best-selling author of the book on which the family fantasy movie is based.

„In Pullman’s world, hope simply does not exist, because there is no salvation but only personal, individualistic capacity to control the situation and dominate events,“ the editorial said.

Davon kann einem doch nur noch schlecht werden. Jetzt hat sich die katholische Kirche also mal wieder was bei gewissen anderen Monotheisten abgekuckt und verhängt Fatwas. Na schön, „abgekuckt“ ist vielleicht das falsche Wort, schließlich hat das Christentum seine eigene lange, blutige Geschichte der Ketzerverfolgung.
Ich hatte schon bei der Diskussion um die MTV-Serie Popetown den deutlichen Eindruck, dass konservativ-fundamentalistische Kreise den Mohammed-Karrikaturenstreit genutzt haben, um den historischen Zeiger in Sachen Aufklärung ein wenig zurückzudrehen (von wegen „wenn die Muslime sich keine Blasphemie bieten lassen, müssen wir Christen das ja wohl auch nicht.“). Beim Pullman-Fall ist das ganze aber fast noch ein bisschen bedrohlicher, denn hier geht’s durchaus ums ganze: während Popetown wohl eher harmlose Blödelei war, handelt es sich bei der Reaktion des Vatikan auf den Goldenen Kompass ja um den Versuch, tatsächliche und durchaus ernstgemeinte Religionskritik zu unterdrücken.

Wer heute abend noch nichts vorhat …

… mag es ja vielleicht hiermit probieren. Ich moderiere.

»Die Eigensinnigkeit des Eigentums«

Veranstaltung mit Christian Schmidt und Sabine Nuss
Mittwoch, 12.12.2007, Beginn: 19.00Uhr
Ort: Monarch, Skalitzer Str. 134 in Berlin(U1/U8 Kottbusser Tor)

»Copy me – I want to travel« so lautet der Titel eines Songs von Bernadette La Hengst. In ihm ruft »die Idee« dazu auf, die Leute mögen sie kopieren, sie sei kollektiv und möchte gerne reisen. Das Lied ist künstlerischer Ausdruck gesellschaftlicher Auseinandersetzungen um geistiges Eigentum, durch dessen Formierung bislang noch nicht durch die Warenform organisierte Sphären dem Eigentumsregime unterworfen werden. In ihrem Vortrag analysiert Sabine Nuss die theoretische Grundlegung geistigen Eigentums, die in den aktuellen Debatten meist stillschweigend vorausgesetzt bzw. naturalisiert wird. Auf dieser Grundlage sollen in der Folge häufig aufgeworfene Fragen diskutieren werden: Ist geistiges Eigentum durch den technischen Fortschritt gefährdet? Sind alternative Produktionsweisen wie Freie Software oder Open Access die (Wissens)Produktionsweisen der Zukunft und weisen gar über herrschende Verhältnisse hinaus? Wie reproduzieren sich »WissensarbeiterInnen« angesichts solcher Produktionsweisen? Die These der fundamentalen Bedeutung des Eigentumsregimes greift Christian Schmidt im zweiten Teil der Veranstaltung auf. Anhand der Verhältnisse im Sozialismus zeigt er, wie tiefgreifend das Eigentums als soziale Praxis das moderne Verständnis gesellschaftlicher Organisation bestimmt und auch das Selbstverständnis der modernen Menschen bis in die sozialistische Gesellschaft hinein prägte. Argumentiert werden soll mit dieser Darstellung für die Einsicht, dass Eigentum tatsächlich eine grundlegende Kategorie des Kapitalismus ist und nicht bloß ein als Recht kodifiziertes Verhältnis, das durch die »soziale Form der Vergesellschaftung über das Wertverhältnis als realabstraktive Praxis konstituiert wird« (Stefan Meretz).

Golden Compass: Hirn-Herz-Kommunikation unterbrochen!

Komisch, aber irgendwas funktioniert bei mir gerade nicht gut in der Leitung zwischen diesen beiden wichtigen Körperorganen.
Auf irgendeine Art war ich unzufrieden mit und sogar ein bisschen gelangweilt von der „Golden Compass“-Verfilmung. Ok, ich habe erst gerade das Buch gelesen, und natürlich war es intelligenter, vielschichtiger, schöner als der Film. ich hab also die ganze Zeit auf dem Film rumgeknust, überlegt, was hier und da nicht so gelungen war und was vielleicht sogar eine vernünftige Änderung war. Ich hab Sam Elliot als Lee Scoresby geliebt (weil er eine wandelnde Cowboy-Cartoonfigur ist), die anderen waren mir vergleichsweise egal. So oder so WOLLTE ich den Film auf jeden Fall wahnsinnig gern mögen.
Irgendwie mochte ich ihn doch nicht so richtig, aber das Komischste: Bei den ein wenig traurigen/rührenden Szenen hatte ich trotzdem dauernd einen Kloß im Hals. Noch komischer als dieses Komischste: Das gleichzeitige tiefe GEFÜHL, unzufrieden zu sein.
War ich nun traurig, weil der Film nicht gut genug war? Oder hat er direkt am Kopf vorbei dann doch noch das Herz (OK, von mir aus auch den Hals) erreicht und mich irgendwie gepackt? Bin ich denn so intellektuell verhärtet, dass ich mir das bisschen Kitschfreude nicht mehr gönnen kann? Beim Herrn der Ringe ging das doch auch? Oder ist es die Winterdepression, die sich ihr Ventil an jedem ansatzweise geeigneten externalisierten cineastischen Abfuhrorgan sucht?
Ich brauche Antworten!

Die amerikanischen Tocotronic kann es nicht geben, aber trotzdem verzweifeln die Eels gepflegt

Kürzlich entdeckte ich bei der Arbeit im Otherland die CD „Beautiful Freak“ von den Eels und erinnerte mich prompt an das einzige Lied dieser Band, das mir einst von einem erstklassigen Sampler in Erinnerung geblieben war. Frohgemut legte ich das Scheibchen ein, und prompt startete es mit den mir bekannten kraspeligen Plattengeräuschen und leicht debilen Xylophonklängen, um dann in melancholisch-gelassenen Gitarrenrock überzugehen, das alles unterlegt mit den Worten: „Life is hard … and so am I … you better give me something … so I dont die … novocaine … for the soul … before I sputter out.“

Im folgenden durfte ich feststellen, dass die Eels es echt drauf haben, elende Widersprüche in gepflegte Verzweiflung zu transponieren, das ganze immer mit rockigem Unterton, der eine Spur sinnloser Auflehnung vermittelt – sinnlos, weil gerade den Rockpassagen ihre musikalische Konservativität anhaftet. Und das verbindet sie mit der trotz allem immer noch guten deutschsprachigen Rockband Tocotronic. Dabei klingen sie, abgesehen von der melancholischen Grundschwingung, ganz anders: ein wenig rauchig (Gott behüte mich, doch ich musste bei einigen Passagen tatsächlich ein ganz klein wenig an so klebrig-haarig-männliche Rockröhren wie Rod Stewart oder Bryan Adams denken, denen man sich in den 80ern unmöglich entziehen konnte, so gern man auch wollte …). Auch die Texte klingen ganz anders, nämlich (böse, böse) authentisch, aber zumindest authentisch desorientiert. Die Gesellschaft, Amerika, ist nicht OK, singen die Eels, aber warum eigentlich, ist das vielleicht doch mein Fehler, und ist das nun traurig oder erheiternd und sollte ich nicht vielleicht doch ins private fliehen? „Rags to rags and rust to rust“ ist jedenfalls ein platter, aber auch wunderbar poetischer und – obwohl rebellisch vorgetragene – irgendwie wehmütiger Abgesang auf einen amerikanischen Traum, den man ja irgendwie doch nicht einfach verenden lassen will.

Und am Ende wirds noch tocotronischer, in „Manchild“. Ein geradezu lacanianisches Lied zum Thema Zweierbeziehung: Da verspricht der Freund seiner Freundin, sie immer zu trösten und für sie da zu sein und bittetim Refrain darum, von ihr wie ein Kind gehalten zu werden … was so zusammengefasst ganz fürchterlich nach der romantischen Tauschbeziehung klingt („ich für dir und du für mir“), ist aber im Lied irgendwie ganz anders, nämlich eine Sache: Dass Ich für dich da sein will, bedeutet nicht mehr und nicht weniger als dass ich mir einbilden will, das Kind zu sein, dass dich dadurch tröstet, dass du es tröstest. Das ganze hat etwas ebenso pathologisch verlogenes wie rührendes: „And when you forget i‘m here i‘m not – It isn‘t really me that you forgot“. Text hier.

Überhaupt suchen die Eels auf dieser Platte dauernd Trost vor der Welt, und meistens in der Zweierbeziehung. Das gute daran ist, dass sie WISSEN, dass sie genau das tun, dass die romantische Liebe eine Verzweiflungstat ist. Oder anders: Etwas besseres als die RZB (romantische Zweierbeziehung) gibt es nicht, aber das beweist weniger die „Wahrheit“ der RZB als vielmehr den trostlosen Zustand vom Rest der Welt. Das ist ein wenig unterkomplex (verglichen mit einem tocotronischen „Auf dem Weg hierher zu dir gehe ich durch eine Tür, die den Umriss von uns beiden hat“), aber irgendwie auch und erst recht „wahr“.