Hm, was mache ich aus dem neuen Buch des von mir hochverehrten Michael Chabon, The Yiddish Policemen Union?
Es ist zuerst einmal zweifelsohne ein guter Roman – eine nicht zu augenzwinkernde Hommage an den Noir-Krimi, versetzt in ein alternatives Jahr 2008. In dieser anderen Gegenwart ist die israelische Staatsgründung gescheitert, dafür hat sich 1948 ein kleiner, jüdischer Staat in Alaska konstituiert, dessen Amtssprache Jiddisch ist. 2008 steht dieser auf 60 Jahre befristete Staat gemäß des ursprüngliche Gründungsabkommens dummerweise kurz vor der Auflösung, die meisten seiner Bewohner sehen der Diaspora entgegen. Detective Meyer Landsman, der Gumshoe im Mörderstück, dass die eigentliche Romanhandlung bildet, lässt sich davon nicht runterziehen – wie auch, klebt er ohnehin schon am klebrigen Boden eines leeren Whiskyglases. Er hat einen letzten Fall zu lösen, koste es, was es wolle. In den Weg geraten ihm dabei – wie könnte es anders sein – ein Haufen Groß- und Kleinkriminelle, eine internationale Verschwörung sowie diverse Vorgesetzte, von denen eine dummerweise seine Ex-Frau und Noch-Liebe-seines-Lebens ist.
Soweit, so gut. Was Chabon gerade zu beginn der Lektüre so sympathisch macht, ist die gelungene Mischung aus Zynismus und Menschenfreundlichkeit: das Buch ist eine Parade der skurillsten, fragwürdigsten, zum Teil auch bösartigsten Figuren, von denen mehr als nur ein paar antisemitische Stereotype abrufen – aber irgendwie gelingt es Chabon, nicht ein einziges Mal Zweifel daran aufkommen zu lassen, dass gerade die Stereotype reine Oberfläche sind und das seine Figuren vor allen Dingen Menschen sind und bleiben. Vielleicht, weil er all diese Figuren so sichtlich und innig liebt.
Da wären also zwei Schichten – der für einen Gumshoe standesgemäße Zynismus und die Menschenliebe (Lieber Himmel, darf man so pathetische Worte heutzutage noch benutzen?) darunter. Aber dann gibt es auch noch eine dritte, auf subtilere Art zynische Schicht, die mir wirkliches Unbehagen verursacht: Die Affirmation des Verliererstatus. Meyers Weltsicht (die einem als Leser durchaus aufgedrängt wird) entspricht auch insofern dem Noir-Klischee, dass wir eben dann die besten Menschen sind, wenn wir uns auf die Verliererseite schlagen, gegen das Establishment, wenn wir uns – und da kommt in Bezug auf das Thema „Judenstaat“ der Zynismus durch – mit der Diaspora abfinden. Und so sympathisch dieser Existenzialismus bei Landsman sein mag, so sehr spricht er doch auch von einer Romantisierung des „jüdischen“ Opfer-Seins – trotzig, aber niemals mächtig.
Wenn Chabon also mit dem Noir-Krimi eine wunderbare Stimmungsmetapher für das Leben in der Diaspora getroffen hat, dfann überhöht er dieses Leben doch gleichzeitig zu einem Heroismus des ewigen Underdogs. Die Moral dieses durchaus zutiefst moralischen Buchs scheint damit zu sein: Lieber in dem Dreck leben, in den einen die Anderen getreten haben, als sich selbst die Hände an der Macht schmutzig zu machen. Eine Moral, die vielleicht nicht direkt gegen die Existenz des Staates Israel gerichtet ist, aber ihn doch letztlich als die schlechtere (oder gar: verwerflichere) Alternative erscheinen lässt.
Jetzt ist auch noch zu vernehmen, dass die Coen-Brüder den Roman verfilmen werden. Und obwohl ich einen guten Coen-Film genauso mag wie jeder andere halbwegs vernünftige mensch auf der Welt, graust es mir doch ein wenig, wenn ich mir vorstelle, wie manch „linke“ Tageszeitung das wahrscheinlich zum Anlass nehmen wird, Buch und Film als „mutigen“ Einwand gegen die israelische Politik zu deuteln.
Schließlich endet der Roman dann auch noch mit einer 9/11-Anspielung, die auf den ersten Blick zutiefst relativistisch ist – ganz zu schweigen von ihrem verschwörungstheoretischen Fundament. Aber nein, ich denke, da liegt gar nicht das Problem – der Relativismus löst sich auf, wenn man das Buch aufmerksam liest, weil eben keine Vergleichbarkeit gegeben ist, und die Verschwörungstheorie – nun, ein Spannungsroman ganz ohne Verschwörung ist praktisch undenkbar. Wer die Notwendigkeit des im weitesten Sinne Verschwörungstheoretischen im Roman nicht von seiner Absurdität in der Realität unterscheiden kann, dem ist eh nicht zu helfen (außer vielleicht durch die ausgiebige Lektüre von Daniel Kulla).
Zu deiner Frage „was mache ich aus dem neuen Buch“ – wie wäre es mit verleihen ? An mich ?
Gute Idee!
Also, wenn die Coen-Brüder diesen Roman wirklich verfilmen kann mir keine taz der Welt die vorfreude darauf Rauben, wie vorhersehbar auch immer die Reaktion hierzulande sein mag…
Aus dem verlinkten Artikel:
„Mammuts – dargestellt von Elefanten“
Lol, sowas machen auch nur Amis, die Kackn00bs! In einem deutschen Film mit Tiefgang wären die schon ausgestorben. Wir haben den Planeten von unseren Kindern nur geliehen, aber wir sind blind! Blind!!!
Denkt mal drüber nach.