Kürzlich habe ich Neil Gaimans Schinken American Gods zuende gelesen, und wie so oft tue ich mich schwer mit dem abschließenden Urteil: angesichts der hübschen Sprache und des feinen Witzes sehr lesbar (wenn auch nicht ohne Längen), aber auch ein wenig zu selbstverliebt, macht sich das Buch eine sonderbare Art von postmoderner Regression zueigen.
Die Hauptfigur des Romans ist Shadow, ein zutiefst gelassener Knastbruder, der einen Tag vor seiner Entlassung eine Hiobsbotschaft erhält. Wieder in Freiheit, sieht er sich einer in ihre Einzelteile zerbrochene Welt gegenüber. Gleich hier am Anfang ist der Roman am stärksten: Gaiman vermittelt den Geisteszustand eines Menschen, der alles verloren hat nicht mit Blick auf Shadows Innenwelt, sondern auf die Umgebung. Ziellos treibt Shadow von Flughafen zu Flughafen (gibt es eine bessere Versinnbildlichung der zerstückelten Welt als Flughäfen?), und als ein unsympathischer, selbstgefälliger alter Mann namens Wednesday ihm einen Job anbietet, sträubt er sich aus purer Sturheit, ebenso wie er kurz darauf aus reiner Gleichgültigkeit einwilligt – wohlgemerkt, nicht mit einem Schulterzucken, sondern mit der Schicksalsergebenheit eines Menschen, der sein Leben verkauft, weil er sonst nichts damit anzufangen weiß. Kurz: Gaiman erzählt die Geschichte einer Tragödie, setzt Pathos jedoch nur in kleinen Dosen ein, nicht ironisch, aber mit Humor.
Wenig später ist Shadow Teil einer Nebenwelt voller uralter Götter, die als Trickbetrüger, Prostituierte und Penner ihr verdünntes Dasein im modernen Amerika fristen. Das Übergleiten ins Phantastische funktioniert absolut selbstverständlich und glaubwürdig, was nicht zuletzt der sorgfältigen, katastrophalen Herauslösung der Hauptfigur aus der Realität zu verdanken ist, die Gaiman zu Beginn vorgenommen hat. All das ist präzise und stilsicher. Und durchaus auch prätentiös.
Da liegt eine der großen Schwächen dieses Romans: Gaiman als Zauberkünstler ist so verliebt in seine Tricks, dass er jeden aufs genaueste erklärt. Dabei ist Gaiman leider nicht wirklich ein Aufklärer, der den Dingen auf den Grund gehen will, sondern ein Verklärer, der den Dingen Tradition und erzählerische Tiefe verleiht, um sie zu begründen. Das liest sich sehr schön, aber es erzeugt auch eine betuliche Ganzheitlichkeit. American Gods ist wie ein synbolbeladener Traum, den man schon beim Träumen aus dem Abseits betrachtet, ein lucid dream. Ein Pokerspiel mit Bluffs und unerwarteten Offenbarungen, aber ohne echte Einsätze. Der Roman stürzt sich nicht in die Widersprüche von Mythos&Moderne, sondern benutzt sie als Inventar.
Deshalb fällt der große Wendepunkt des Romans auch flach: War ich etwa ab der Hälfte leicht verärgert über den Simplizismus, mit dem Gaiman die „Alten“ und die „Neuen“ Götter einander gegenüberbestellt (und bei dem die Neuen scheinbar ganz selbstverständlich und ohne näheres Ansehen ihrer konkreten Qualitäten schlecht wegkommen), hat der letzte Twist dieses Problem zwar gelöst, aber um den Preis der plumpen Setzung eines metaphysischen Prinzips, das in zwei ganz bestimmten Alten Göttern wirkt (Man könnte, in Anlehnung an eine klassische Star-Trek-Episode, vom „Day of the Dove“-Prinzp sprechen). American Gods spielt den zentralen Konflikt nicht aus, transformiert ihn aber auch nicht oder hebt ihn auf, zerfetzt seine Logik nicht von innen heraus und attackiert ihn auch nicht als irgendwie inhaltlich bestimmbare Ideologie. Es macht ihn zum Epiphänomen einer mythischen Anthropo-Logik, die keine andere Begründung als die willkürliche der Tradition kennt.
So affirmiert das Buch zwar nicht den alten Mythos als authentischeren, gerechteren (tatsächlich gibt es in American Gods nichts ungerechteres als die Gesetze der alten Götter), perpetuiert ihn aber als einziges Gesetz der eigenen Geschichte. Genau das macht den Roman zu einem Zaubertrick – einem hypnotischen Spiel mit unerwarteten Wendungen, das sich niemals wirklich mit den Mythen, mit der Geschichte oder mit den Vorannahmen seiner LeserInnen anlegt. Bei all seiner Extravanganz ist American Gods gefällige, sinnstiftende Leseware. „Nourishing to the soul“ wird Michael Chabon auf dem Buchdeckel über American Gods zitiert, und irgendwie hat er damit im Guten wie im Schlechten wohl recht.
American Gods ist also ausgesprochen selbstreflexiv, aber eben auch nur das. Gaimans Roman ist verdammt empfehlbar für Freunde gepflegter Phantastik, aber ich persönlich habe doch lieber rücksichtslose, wüste Kritik und Dekonstruktion (mit anderen Worten: Hal Duncan).