Archiv für Mai 2008

Glaube Gaiman alles!

Kürzlich habe ich Neil Gaimans Schinken American Gods zuende gelesen, und wie so oft tue ich mich schwer mit dem abschließenden Urteil: angesichts der hübschen Sprache und des feinen Witzes sehr lesbar (wenn auch nicht ohne Längen), aber auch ein wenig zu selbstverliebt, macht sich das Buch eine sonderbare Art von postmoderner Regression zueigen.

Die Hauptfigur des Romans ist Shadow, ein zutiefst gelassener Knastbruder, der einen Tag vor seiner Entlassung eine Hiobsbotschaft erhält. Wieder in Freiheit, sieht er sich einer in ihre Einzelteile zerbrochene Welt gegenüber. Gleich hier am Anfang ist der Roman am stärksten: Gaiman vermittelt den Geisteszustand eines Menschen, der alles verloren hat nicht mit Blick auf Shadows Innenwelt, sondern auf die Umgebung. Ziellos treibt Shadow von Flughafen zu Flughafen (gibt es eine bessere Versinnbildlichung der zerstückelten Welt als Flughäfen?), und als ein unsympathischer, selbstgefälliger alter Mann namens Wednesday ihm einen Job anbietet, sträubt er sich aus purer Sturheit, ebenso wie er kurz darauf aus reiner Gleichgültigkeit einwilligt – wohlgemerkt, nicht mit einem Schulterzucken, sondern mit der Schicksalsergebenheit eines Menschen, der sein Leben verkauft, weil er sonst nichts damit anzufangen weiß. Kurz: Gaiman erzählt die Geschichte einer Tragödie, setzt Pathos jedoch nur in kleinen Dosen ein, nicht ironisch, aber mit Humor.
Wenig später ist Shadow Teil einer Nebenwelt voller uralter Götter, die als Trickbetrüger, Prostituierte und Penner ihr verdünntes Dasein im modernen Amerika fristen. Das Übergleiten ins Phantastische funktioniert absolut selbstverständlich und glaubwürdig, was nicht zuletzt der sorgfältigen, katastrophalen Herauslösung der Hauptfigur aus der Realität zu verdanken ist, die Gaiman zu Beginn vorgenommen hat. All das ist präzise und stilsicher. Und durchaus auch prätentiös.
Da liegt eine der großen Schwächen dieses Romans: Gaiman als Zauberkünstler ist so verliebt in seine Tricks, dass er jeden aufs genaueste erklärt. Dabei ist Gaiman leider nicht wirklich ein Aufklärer, der den Dingen auf den Grund gehen will, sondern ein Verklärer, der den Dingen Tradition und erzählerische Tiefe verleiht, um sie zu begründen. Das liest sich sehr schön, aber es erzeugt auch eine betuliche Ganzheitlichkeit. American Gods ist wie ein synbolbeladener Traum, den man schon beim Träumen aus dem Abseits betrachtet, ein lucid dream. Ein Pokerspiel mit Bluffs und unerwarteten Offenbarungen, aber ohne echte Einsätze. Der Roman stürzt sich nicht in die Widersprüche von Mythos&Moderne, sondern benutzt sie als Inventar.
Deshalb fällt der große Wendepunkt des Romans auch flach: War ich etwa ab der Hälfte leicht verärgert über den Simplizismus, mit dem Gaiman die „Alten“ und die „Neuen“ Götter einander gegenüberbestellt (und bei dem die Neuen scheinbar ganz selbstverständlich und ohne näheres Ansehen ihrer konkreten Qualitäten schlecht wegkommen), hat der letzte Twist dieses Problem zwar gelöst, aber um den Preis der plumpen Setzung eines metaphysischen Prinzips, das in zwei ganz bestimmten Alten Göttern wirkt (Man könnte, in Anlehnung an eine klassische Star-Trek-Episode, vom „Day of the Dove“-Prinzp sprechen). American Gods spielt den zentralen Konflikt nicht aus, transformiert ihn aber auch nicht oder hebt ihn auf, zerfetzt seine Logik nicht von innen heraus und attackiert ihn auch nicht als irgendwie inhaltlich bestimmbare Ideologie. Es macht ihn zum Epiphänomen einer mythischen Anthropo-Logik, die keine andere Begründung als die willkürliche der Tradition kennt.
So affirmiert das Buch zwar nicht den alten Mythos als authentischeren, gerechteren (tatsächlich gibt es in American Gods nichts ungerechteres als die Gesetze der alten Götter), perpetuiert ihn aber als einziges Gesetz der eigenen Geschichte. Genau das macht den Roman zu einem Zaubertrick – einem hypnotischen Spiel mit unerwarteten Wendungen, das sich niemals wirklich mit den Mythen, mit der Geschichte oder mit den Vorannahmen seiner LeserInnen anlegt. Bei all seiner Extravanganz ist American Gods gefällige, sinnstiftende Leseware. „Nourishing to the soul“ wird Michael Chabon auf dem Buchdeckel über American Gods zitiert, und irgendwie hat er damit im Guten wie im Schlechten wohl recht.
American Gods ist also ausgesprochen selbstreflexiv, aber eben auch nur das. Gaimans Roman ist verdammt empfehlbar für Freunde gepflegter Phantastik, aber ich persönlich habe doch lieber rücksichtslose, wüste Kritik und Dekonstruktion (mit anderen Worten: Hal Duncan).

Indiana Jones und die Kritik der instrumentellen Vernunft

(Exkurs: Um die Indiana-Jones-4-Vorpremiere im englischen Original zu besuchen, blieb mir nichts anderes übrig, als mich zum CinMen-Männerabend im CineStar zu begeben, bei dem es zur Kinokarte neben der peinlichen Identitätszuschreibung immerhin noch ein Bier dazu gab. Dabei sprang dann sogar ein halber Rucksack voller Krombacher raus, weil die Hälfte meiner BegleiterInnen keinen Alkohol tranken.)

Bei Indiana Jones ging es vor allem immer darum, dass man am Ende nichts von dem ganzen Ärger hat: Die Bundeslade landet im geheimen Lagerhaus, der Zauberstein geht an die indischen Dorfbewohner zurück, der heilige Gral kann nicht über das Siegel getragen werden. Dr. Jones ist immer ein bisschen schlauer, aber nie reicher und berühmter. Teil 4 macht dieses Prinzip dann so richtig zum Prinzip, da geht nämlich der ganze Film nur noch darum, den schon längst gefundenen Kristallschädel zurückzubringen. Begründet wird dieses konstante Elend mystisch, nämlich damit, dass manches Wissen und manche Macht halt nix für die Menschen sind. Die Bösen sind immer die, die das nicht kapieren und sich deshalb auch regelmäßig die Finger an dem verbrennen, worauf sie den ganzen Film über scharf waren.
Sicherlich können wir das als olle, protestantische Entsagungsmystik auslegen. Oder aber wir gestehen Steven Spielberg ein bisschen credibility zu und kommen zu dem Schluss, dass es sich bei der Indiana-Jones-Reihe eigentlich um eine geschickt als Abenteuertrash getarnte Kritik der instrumentellen Vernunft handelt. Zumindest bei Teil 1 und 3, wo die Nazis als Gegenspieler herhalten, lässt sich tatsächlich eine gewisse Einsicht in eine der zentralen Lügenstrukturen des Faschismus wiederfinden: Bei aller Beschwörung des Mystischen gilt das Interesse der Schurken nämlich immer nur seiner Verwertbarkeit in Sachen Weltherrschaft. Und steht nicht irgendwo in der Dialektik der Aufklärung oder in einer von Adornos kleinen Kritik-Schriften, dass die Nazis ihr eigenes mystisches Getue selbst nicht so richtig glauben können, dass gerade daher der irre Zwang rührt, Blut und Boden pausenlos hysterisch zu beschwören, damit man die Lüge gerade noch so verdrängen kann? Steht da garantiert irgendwo, außerdem klingt’s gut.
Das Wissen um den Lügencharakter der eigenen Mythelei zeichnet übrigens den gelungensten aller Indiana-Jones-Gegenspieler aus, den zynischen Archäologen Belloq, der kein Nazi ist, aber für die Nazis arbeitet. In einer hübschen kleinen Rede legt er dar, wie absurd es ist, für archäologische Schätze zu töten, die in ihrer Zeit möglicherweise nicht mehr waren als langweilige Gebrauchsgegenstände. Und macht dann trotzdem genau damit weiter.
Na schön, die Bundeslade ist eine Nummer größer, und in ihren tatsächlich magischen Qualitäten kommt wohl der infantile Wunsch zum Ausdruck, dass der Mythos sich seine Instrumentalisierung nicht gefallen lassen möge und vernichtend auf die zurückschlägt, die sich auf seine Macht berufen um die Herrschaft des Menschen über den Menschen zu festigen. Anders gesagt: noch lieber als den Nazis unterwirft man sich ja doch den Gewalten „echter“, vorzeitiger und unbegreiflicher Magie-Natur, der man immerhin noch als kleiner Mensch andächtig furchterfüllt gegenüberstehen kann (nur nicht hinschauen!), anstatt sich in der Verwertung des Selbst für Volk, Vaterland oder Weltherrschaft gänzlich verlieren. Fortschritt lässt sich also mit Indiana Jones nicht so recht begründen, aber zumindest doch Faschismus zurückweisen. Die Nazis sind mehr als nur austauschbare Schurken, sie sind wirklich Nazis, in dem was sie wollen und tun; und Indiana Jones ist ein pragmatischer Antifaschist, der den Kräften des „echten“ Mythos im Notfall vertraut, ganz einfach, weil es sie in seiner Welt wirklich gibt, der sich aber ganz offensichtlich wohler fühlt, wenn er sich auf seinen Verstand und auf sein soziales Netzwerk verlassen kann. Insofern könnte er dann mit der Bundeslade oder dem heiligen Gral eh nicht viel anfangen. Er betet das Zeug nicht als Gott oder als Superwaffe an, sondern muss halt irgendwie mit seiner Existenz umgehen.

Deshalb ist das mit den Sowjets als Bösewichten in Indiana Jones and the Kingdom of the Crystal Skull dann auch doch nicht 100%ig gelungen. Gar nicht, weil ihr Auftreten als Nazi-Nachfolger so schrecklich totalitarismustheoretisch wäre oder weil ihre Motivation unpassend erschiene. Sie sind nur einfach unterm Strich nicht besonders böse. Man hat einfach keine Angst davor, was sie tun könnten, wenn sie die Macht des Kristallschädels in die Finger kriegen. Die Herrschaft über die Köpfe der Amerikaner übernehmen? Was solls, schließlich sind die Sowjets in diesem Film eh schon überall am Start und können auch ganz ungehindert in Uniform und mit Panzern in Amerika operieren (die im Film wenig wohlwollend dargestellten US-Geheimdienste haben also eigentlich völlig Recht mit ihrer Paranoia) – und trotzdem sieht Amerika in den 50ern aus wie Amerika in den 50ern mit Freiheit, Autos, Rockmusik und Haargel. Kann also gar nicht so schlimm sein, wenn die Kommunisten die Weltherrschaft übernehmen, weil sie sie offenbar eigentlich eh schon haben.

Abgesehen macht der Film aber trotz einiger allzugroßer Albernheiten doch Spaß. Harrison Ford ist in Würde gealtert, und die Dramaturgie folgt ziemlich genau der gelungenen des ersten Teils. Der südamerikanische Dschungel ist allemal ein besserer Schauplatz als ein Schloss an der Grenze zu Österreich (wie in Last Crusade), und obwohl die Prügeleien ein bisschen unübersichtlicher und undramatischer ausfallen als in den vorangegangenen Teilen, machen sie doch Freude und laute Piff-Paff-Geräusche (Dass Dr. Jones den Dolph-Lundgren-artigen Überrussen allerdings am Ende einfach austrickst, indem er einen Stock aufhebt und ihn damit haut, ist schon eine kleine Enttäuschung). Cate Blanchett als Psyho-Russin ist außerdem obercool. Alles vielleicht keine historisch bedeutsame Rennaissance für Indiana Jones und ganz sicher auch nicht der beste Abenteuerfilm aller Zeiten (wie Raiders of the Lost Ark es war und ist), aber doch zufriedenstellend und angemessen originell.

Bisschen Werbung für die Tourismusindustrie

Folgender Text wurde mir gerade vom iak zugetragen, und wird, weil die immer wieder hervorragende Gelegenheiten bieten, preisgünstig und weltweit interessantes zu erleben, einfach mal hier abgemonitort:

Liebe Reisefreudigen,

im Jahr 2008 bietet der IAK drei tolle Reisen an und es sind noch Plätze frei!

Kirgistan: Drei Jahre nach dem Umsturz – hat er der Bevölkerung überhaupt irgendetwas gebracht? Bischkek, ca. 24.08.-08.09.2008

Israel: Kibbuz im Wandel, zwei Wochen Ende September 2008

Brasilien: Armut und sozialer Ausschluss, Rio de Janeiro und Sao Paulo, ca. 15.09.-10.10.2008

mehr Infos und die Ausschreibungstexte unter ww.iak-net.de

Mein erster Jungle-World-Artikel …

ist heute erschienen: „Plenum im Weltall“ preist die Vorzüge einer viel zu häufig übersehenen SF-Fernsehserie. Muppets im Fetischclub rule! Und jetzt übrigens auch online zu lesen.

Fickende Einhörner und Regenbogenkotze

Nachdem ich mit CocoRosies tierlautdurchsetztem, fantasy-mäßigem und geradezu hypnotischen Album „the adventures of ghosthorse and stillborn“ jetzt langsam doch durch bin, habe ich mir den Vorgänger, „Noah’s Ark“, besorgt. Wahnsinn. Den Anfang macht „K-Hole“, melodisch und nur leicht schräg, dann kommt die lyrisch-queere Knastmär „Beautiful Boyz“ mit der hohen, sanften Stimme von Gastsänger Antony. „South 2nd“ ist dann ein Stück dickensianischer, melancholisch-bitterer sozialer Realismus. Ein absoluter Höhepunkt ist auf jeden Fall „Armageddon“, der in meinen Ohren bislang schönste CocoRosie-Song. Und alles natürlich unglaublich schräg und mystisch.

Eigentlich bedarf es zu dieser Platte aber ohnehin keine Worte, denn das Cover sagt einfach alles über diese geniale Kombo aus Märchenstoff, Kindlichkeit und Perversion:

coconoah

Aber was haben sie dir denn getan?!?

Gerade ausgelesen hab‘ ich Dietmar Daths Maschinenwinter, ein Buchessay zu „Wissen, Technik, Sozialismus“, und obwohl das erwartungsgemäß anregend und empathisch ist, wundert mich das Eine oder Andere und ärgert mich sogar glatt ein bisschen. Zum einen habe ich das Gefühl, dass das Buch zu sehr darauf beharrt, dass das ja im Prinzip alles ganz einfach und schnell durchschaubar wäre mit den Problemen kapitalistischer Produktionsweise und mit der Naturbeherrschung, die nicht im Dienste der Befreiung des Menschen, sondern seine Unterwerfung steht, nur habe ich auch nach der Lektüre von Maschinenwinter das Gefühl, dass all das nach wie vor komplizierter ist. Na gut, im Untertitel steht „Eine Streitschrift“, damit könnte das zu tun haben.
Was auch stört und damit zu tun hat ist das seltsam argumentfreie Rumgehacke auf der Kritischen Theorie – und dass, wo die „Streitschrift“ eben dieser eigentlich ihre wichtigsten Themen und Thesen („Zweite Natur“, z.B.) zu verdanken scheint. Da wird doch glatt behauptet, die Kritische Theorie habe Wissenschaft und die sie praktizierenden Männer in den weißen Kitteln zum Bösen erklärt – dabei ist selbst in der reichlich anthropologisch überhöhten Dialektik der Aufklärung doch eigentlich immer noch klar, dass nicht Naturbeherrschung selbst das Problem ist, sondern die gesellschaftlichen Verhältnisse, in denen sie sich bis zur Ununterscheidbarkeit mit der Herrschaft über den Menschen verzwirbelt.
Vielleicht versuche ich, das in den nächsten Tagen noch ein bisschen genauer zu machen. Ist ja nicht so, dass man nicht auf Horkheimer und Adorno rumhacken darf, aber ihre kritischen Leistungen einfach zu übernehmen, sie dann aber nur im Zuge einer reichlich verplatteten Abwatsche zu nennen, dass ist nicht so ganz 100%ig legitim …

sigh 2

… und der Scheißtag geht weiter mit Menschen, die es verdienen, hochkant rauszufliegen. Eben betritt eine ältere Dame den Buchladen und begrüßt mich mit heruntergezogenen Mundwinkeln und den Worten: „Ich weiß ja nicht, was für Bücher Sie hier führen, aber gehört dieser Ken Folleh, oder wie auch immer man den ausspricht, dazu?“
Nachdem ich ihr erkläre, dass wir durchaus Bücher von Ken Follet da haben, erklärt sie ihrerseits, ihr Sohn habe ihr den zweiten Band von diesem Kerl geschenkt, was auch immer er ihr damit sagen wolle. Ob wir den Ersten (gemeint war, wie sich herausstellte, „Die Säulen der Erde“) denn nicht antiquarisch da hätten? Ich erkläre, dass das nicht der Fall ist, weil wir eigentlich auf SF und Fantasy spezialisiert sind und historische Romane eher als Ausnahme für besonders wichtige und gute Bücher führen. „Aha.“ ich erwarte schon, dass sie jetzt unverrichteter Dinge geht, aber stattdessen knurrt sie: „Na schön. Muss ich auch noch Geld für den Mist ausgeben. Was der sich dabei denkt.“
Wäre ich nun ein moralisch integerer Mensch, hätte ich ihr das Buch wohl nicht verkauft – schließlich will ich an und für sich niemandem Geld für die entsetzliche Zumutung, unseren Laden zu betreten und ein Buch mit herauszunehmen, abknöpfen. Ich will aber sehr wohl Geld in die Ladenkasse bringen und außerdem immer zu allen nett sein, so wenig sie es auch verdient haben. Also verkaufe ich ihr das Buch dann doch und biete ihr sogar noch eine Tüte an, die sie ablehnt. Dann nötige ich ihr noch ein „Auf Wiedersehen“ ab, in dem ich ihr eben ein solches zur Tür hinterherschicke.

sigh … press

Gestern komme ich also von einem Diskussionsreichen und schlafarmen Wochenende zurück und finde in meiner Post unter anderem: Eine Einschreiben-Benachrichtigung. Sofort startet das mentale Getriebe: Will jemand Geld von mir? Habe ich Schulden, von denen ich nichts weiß? Wirft man mir Straftaten vor? Rationalisierungsstrategie: Es ist Post von der Sparkasse, die mir die Unterlagen zum Online-Banking schickt. Aber nein, dafür würden die nicht extra Einschreib-Gebühren zahlen. Oder ich habe was geerbt? Klingt auch unwahrscheinlich. Also ganz sicher: schlechte Nachrichten. Und weil ich diese diffuse Phobie gegen alles Amtliche habe, weil es mir wie das Lacan’sche Reale willkürlich ins Imaginäre meines beschaulichen Leben hereinzubrechen scheint, gleichsam sinnfreies und unkontrollierbares Zeichen reinen Schreckens … also, jedenfalls tue ich die halbe Nacht kein Auge zu.
Heute Morgen bei der Post sucht der freundliche Beamte dann auch noch Minutenlang nach dem Schreiben (ich beruhige mich schon: Es ist alles ein Irrtum, es ist gar nichts für mich da. Oder ich beunruhige mich: Es ist verloren gegangen, und ich werde vielleicht in einem Monat erfahren, dass ich verhaftet bin oder 10.000 Euro Mahngebühren bezahlen muss); Dann schließlich schaut er eine Schublade tiefer und findet: Ein flaches, Großformatiges Päckchen. Er kehrt damit zu mir an den Schalter zurück und erklärt, es sei gar kein Einschreiben gewesen, der Postbote habe die Karte falsch ausgefüllt. Ich reiße mich schwer zusammen, nicht da und dort in Tränen ungläubiger Erleichterung auszubrechen. Der Absender auf dem Päckchen ist der Sighpress-Verlag. Sigh … Damit weiß ich auch, was mich im Innern erwartet, nämlich: das heißersehnte Quellenbuch „Postmoderne Magie“ zum Rollenspiel Unknown Armies.

Jetzt kann ich leider nicht wieder schlafen gehen, sondern sitze im Buchladen und trinke Kaffee. Ich hasse Postboten und die Welt ist schlecht, aber heute hätte sie auch schlimmer kommen können.