Indiana Jones und die Kritik der instrumentellen Vernunft

(Exkurs: Um die Indiana-Jones-4-Vorpremiere im englischen Original zu besuchen, blieb mir nichts anderes übrig, als mich zum CinMen-Männerabend im CineStar zu begeben, bei dem es zur Kinokarte neben der peinlichen Identitätszuschreibung immerhin noch ein Bier dazu gab. Dabei sprang dann sogar ein halber Rucksack voller Krombacher raus, weil die Hälfte meiner BegleiterInnen keinen Alkohol tranken.)

Bei Indiana Jones ging es vor allem immer darum, dass man am Ende nichts von dem ganzen Ärger hat: Die Bundeslade landet im geheimen Lagerhaus, der Zauberstein geht an die indischen Dorfbewohner zurück, der heilige Gral kann nicht über das Siegel getragen werden. Dr. Jones ist immer ein bisschen schlauer, aber nie reicher und berühmter. Teil 4 macht dieses Prinzip dann so richtig zum Prinzip, da geht nämlich der ganze Film nur noch darum, den schon längst gefundenen Kristallschädel zurückzubringen. Begründet wird dieses konstante Elend mystisch, nämlich damit, dass manches Wissen und manche Macht halt nix für die Menschen sind. Die Bösen sind immer die, die das nicht kapieren und sich deshalb auch regelmäßig die Finger an dem verbrennen, worauf sie den ganzen Film über scharf waren.
Sicherlich können wir das als olle, protestantische Entsagungsmystik auslegen. Oder aber wir gestehen Steven Spielberg ein bisschen credibility zu und kommen zu dem Schluss, dass es sich bei der Indiana-Jones-Reihe eigentlich um eine geschickt als Abenteuertrash getarnte Kritik der instrumentellen Vernunft handelt. Zumindest bei Teil 1 und 3, wo die Nazis als Gegenspieler herhalten, lässt sich tatsächlich eine gewisse Einsicht in eine der zentralen Lügenstrukturen des Faschismus wiederfinden: Bei aller Beschwörung des Mystischen gilt das Interesse der Schurken nämlich immer nur seiner Verwertbarkeit in Sachen Weltherrschaft. Und steht nicht irgendwo in der Dialektik der Aufklärung oder in einer von Adornos kleinen Kritik-Schriften, dass die Nazis ihr eigenes mystisches Getue selbst nicht so richtig glauben können, dass gerade daher der irre Zwang rührt, Blut und Boden pausenlos hysterisch zu beschwören, damit man die Lüge gerade noch so verdrängen kann? Steht da garantiert irgendwo, außerdem klingt’s gut.
Das Wissen um den Lügencharakter der eigenen Mythelei zeichnet übrigens den gelungensten aller Indiana-Jones-Gegenspieler aus, den zynischen Archäologen Belloq, der kein Nazi ist, aber für die Nazis arbeitet. In einer hübschen kleinen Rede legt er dar, wie absurd es ist, für archäologische Schätze zu töten, die in ihrer Zeit möglicherweise nicht mehr waren als langweilige Gebrauchsgegenstände. Und macht dann trotzdem genau damit weiter.
Na schön, die Bundeslade ist eine Nummer größer, und in ihren tatsächlich magischen Qualitäten kommt wohl der infantile Wunsch zum Ausdruck, dass der Mythos sich seine Instrumentalisierung nicht gefallen lassen möge und vernichtend auf die zurückschlägt, die sich auf seine Macht berufen um die Herrschaft des Menschen über den Menschen zu festigen. Anders gesagt: noch lieber als den Nazis unterwirft man sich ja doch den Gewalten „echter“, vorzeitiger und unbegreiflicher Magie-Natur, der man immerhin noch als kleiner Mensch andächtig furchterfüllt gegenüberstehen kann (nur nicht hinschauen!), anstatt sich in der Verwertung des Selbst für Volk, Vaterland oder Weltherrschaft gänzlich verlieren. Fortschritt lässt sich also mit Indiana Jones nicht so recht begründen, aber zumindest doch Faschismus zurückweisen. Die Nazis sind mehr als nur austauschbare Schurken, sie sind wirklich Nazis, in dem was sie wollen und tun; und Indiana Jones ist ein pragmatischer Antifaschist, der den Kräften des „echten“ Mythos im Notfall vertraut, ganz einfach, weil es sie in seiner Welt wirklich gibt, der sich aber ganz offensichtlich wohler fühlt, wenn er sich auf seinen Verstand und auf sein soziales Netzwerk verlassen kann. Insofern könnte er dann mit der Bundeslade oder dem heiligen Gral eh nicht viel anfangen. Er betet das Zeug nicht als Gott oder als Superwaffe an, sondern muss halt irgendwie mit seiner Existenz umgehen.

Deshalb ist das mit den Sowjets als Bösewichten in Indiana Jones and the Kingdom of the Crystal Skull dann auch doch nicht 100%ig gelungen. Gar nicht, weil ihr Auftreten als Nazi-Nachfolger so schrecklich totalitarismustheoretisch wäre oder weil ihre Motivation unpassend erschiene. Sie sind nur einfach unterm Strich nicht besonders böse. Man hat einfach keine Angst davor, was sie tun könnten, wenn sie die Macht des Kristallschädels in die Finger kriegen. Die Herrschaft über die Köpfe der Amerikaner übernehmen? Was solls, schließlich sind die Sowjets in diesem Film eh schon überall am Start und können auch ganz ungehindert in Uniform und mit Panzern in Amerika operieren (die im Film wenig wohlwollend dargestellten US-Geheimdienste haben also eigentlich völlig Recht mit ihrer Paranoia) – und trotzdem sieht Amerika in den 50ern aus wie Amerika in den 50ern mit Freiheit, Autos, Rockmusik und Haargel. Kann also gar nicht so schlimm sein, wenn die Kommunisten die Weltherrschaft übernehmen, weil sie sie offenbar eigentlich eh schon haben.

Abgesehen macht der Film aber trotz einiger allzugroßer Albernheiten doch Spaß. Harrison Ford ist in Würde gealtert, und die Dramaturgie folgt ziemlich genau der gelungenen des ersten Teils. Der südamerikanische Dschungel ist allemal ein besserer Schauplatz als ein Schloss an der Grenze zu Österreich (wie in Last Crusade), und obwohl die Prügeleien ein bisschen unübersichtlicher und undramatischer ausfallen als in den vorangegangenen Teilen, machen sie doch Freude und laute Piff-Paff-Geräusche (Dass Dr. Jones den Dolph-Lundgren-artigen Überrussen allerdings am Ende einfach austrickst, indem er einen Stock aufhebt und ihn damit haut, ist schon eine kleine Enttäuschung). Cate Blanchett als Psyho-Russin ist außerdem obercool. Alles vielleicht keine historisch bedeutsame Rennaissance für Indiana Jones und ganz sicher auch nicht der beste Abenteuerfilm aller Zeiten (wie Raiders of the Lost Ark es war und ist), aber doch zufriedenstellend und angemessen originell.


4 Antworten auf “Indiana Jones und die Kritik der instrumentellen Vernunft”


  1. 1 Jasper 24. Mai 2008 um 12:28 Uhr

    Jaja, so war es wohl. Muss ich ja gar nichts mehr zu sagen.

  1. 1 Die Beste Aller Zeiten - Eike Pierstorff : Blog Archive : Why bother, indeed Pingback am 23. Mai 2008 um 15:50 Uhr
  2. 2 Abgehakt: Indy IV gucken | Karwan Baschi | Paules Blog Pingback am 31. Mai 2008 um 15:00 Uhr
  3. 3 Bauhaustapete :: Tapete guckt Filme für euch vor Pingback am 06. Juni 2008 um 14:21 Uhr
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