Archiv für Juni 2008

Dr. Horrible’s Sing-Along Blog

Kein Kommentar, außer: Whedon!

Welle der Verstümmelung?

cease to resist, giving my goodbye
drive my car into the ocean
you‘ll think i‘m dead, but i sail away
on a wave of mutilation
a wave
wave

i‘ve kissed mermaids, rode the el nino
walked the sand with the crustaceans
could find my way to mariana
on a wave of mutilation,
wave of mutilation
wave of mutilation
wave

wave of mutilation
wave

- Pixies, Wave of Mutilation

Ich weiß zwar nicht so richtig, was es bedeutet, höre es aber gerade täglich sechs- bis zehnmal. Fünftgenialster Punkrock-Song der Welt. Kommt übrigens auch in „Southland Tales“ vor, deshalb bin ich überhaupt wieder drauf gekommen.

Tripod-Trauma

Samstag und heute hat mich eine nette Kundin im Otherland mal wieder an mein Dreibeiner-Kindheitstrauma erinnert, indem sie die Romane von John Christopher gekauft hat. Die englische Fernsehserien-Verfilmung war das gruseligste, was ich so mit neun oder zehn jemals gesehen hatte. Nun hatte ich vor ein paar Jährchen Gelegenheit, die erste Staffel noch mal zu sehen, musste das dann aus diversen Gründen abbrechen – und das, obwohl ich das alles immer noch gruselig und spannend fand! Jetzt werde ich allerdings schnellstens Nachforschungen anstellen, wie ich doch noch mal an die übrigen Folgen rankomme (ich habe da ja so meine Kontakte …).
Los, Leute, outet euch: Wer ist noch Dreibeiner-traumatisiert?

Die beste Philip-K.-Dick-Verfilmung …

… ist gar keine, sondern Richard Kellys Film Southland Tales. Und da ich ganz und gar kein kompromissloser Dick-Fan bin, hat mich auch der Film nicht hundertprozentig vom Hocker gerissen – was seine schätzenswerten Qualitäten allerdings nicht mindert.
Von einer Zusammenfassung der Geschichte nehme ich Abstand. Es sei genug gesagt, dass es um den War on Terror, um Neo-Marxistische Medienguerilla, um Zeitreisen und Dimensionsrisse, die Verlangsamung der Erdrotation, den größten Zeppelin aller Zeiten, Quantenverschränkung und Popstars in Identitätskrisen geht. Dass das recht verwirrend, lustig, episodisch, romantisch und 139 Minuten lang ist. Dass mit den Worten „Flow my tears“ aus dem Mund eines Polizisten sogar der Titel eines Dick-Romans zitiert wird. Dass ich das Ende nicht mochte, einige Minuten davor aber vor unerklärlicher Rührung fast weinen musste.

Allgemein gilt der Film übrigens als grandios gescheitert. Ich halte dagegen: heroisch gescheitert. Besser ein Film, der vermessenes versucht und auf den Arsch fällt als einer, der von Anfang an auf selbigem Sitzen bleibt.

Die Darsteller sind übrigens genial-eklektisch hauptsächlich aus der Mittelgarnitur des Genre-Kinos zusammengestückelt: Ex-Wrestler Dwayne „The Rock“ Johnson als Filmstar auf dem Weg zum Dokumentarfilmer, Ex-Vampire-Slayer Sarah Michelle Gellar als Porno-Starlet mit poprevolutionären Ambitionen („Teenage Horniness is not a Crime“ heißt ihr Song, yeah, yeah, „can‘t stop the masturbation!“), der große Nagus Wallace Shawn als irrer Wissenschaftler (wer hat dem armen Ferengi die Ohren abgeschnitten?), ganz nebenher noch Leute wie Christopher Lambert (es gibt ihn immer noch, den Einen!) und Justin Timberlake (der SINGT! im Film).

Schon gut, das Teil, wenn man ein bisschen Geduld mitbringt … ich hab mir erst mal den Prequel-Comic bestellt, nach dessen Lektüre angeblich alles klar wird.

Wo die wilden Proletarier wohnen

Gestern habe ich mich bei der immer wieder erbaulichen Verbrecher-Versammlung rumgetrieben, wo diesmal ausnahmsweise nicht gelesen, sondern geglotzt wurde, und zwar der Mockumentary-B-Movie-Agit-Prop-Crossover Hölle Hamburg von Peter Ott und Ted Geier. Nachdem Kerstin Stakemeier den Film in der Jungle World trefflich zu loben wusste und ihn gar dem Zombiegenre zuordnete, konnte ich mir das natürlich nicht entgehen lassen.
Hölle Hamburg ist hauptsächlich eine okkulte Geschichte um schlecht bezahlte Matrosen, die die Geister proletarischer Führer aus alten Zeiten beschwören, um so den nächsten dialektischen Schritt in der Entwicklung der gesellschaftlichen Produktions- und Ausbeutungsverhältnisse herbeizuführen. Dazu heften sie sich Elektroden an den Kopf, fangen an zu zucken und zu sabbern und geben sich der „reflektorischen Erregung“ hin. Eine Dokumentarfilmerin wird in die Gruselrevolte hineingezogen, offenbar ist sie die Wiedergeburt von Genossin Vera, die das Agitprop – die nervliche Erregung, die als Bindegleid zwischen Organisation und Masse fungiert – beherrscht. Die Revolutionsrhetorik dieser Leute ist eine Mischung aus 20er-Jahre-KP-Dogmatismus und Informationstheorie, die dazugehörigen Rituale stellen eine Verschmelzung von Voodoo und geheimen Gehirnexperimenten, wie man sie sonst nur skrupellosen Regierungen zutraut, dar. Gefilmt ist das ganze im verdreckten Halblicht des hamburger Hafens, manchmal auch im sämigen Wasser des Hafenbeckens (inklusive Glucksgeräusche), alles surreal verstärkt durch assoziative Schnitte und immer wieder asynchrone Lippenbewegungen. Der Soundtrack ist spitzenmäßg, gotisch, metallisch, verzerrt und hier und da gespickt von verfinsterten SunRa-Anklängen. Der glücklicherweise untertitelte Sprachmix aus Englisch, Französisch und Platt tut ein übriges zur irren Soundcollage.

Tatsächlich erinnert die Mischung aus unverblümtem Horror-Trash, fast schon aufdringlicher Sozialkritik und vereinzelten ästhetisch radikalen Momenten verblüffend an George A. Romero. Romero ist natürlich besser, Hölle Hamburg im Vergleich ein bisschen zu künstlerisch-affektiert. Beiden gemein ist der sozialromantische Kern der ganzen Unternehmung, an dem auch die beste Zombie-Ästhetik nichts ändert und der offenbar wird, wenn man die Handlung auf ein paar Sätze eindampft:

Linksintellektuelle Dokumentarfilmerin – Raucherin, eisenhart und sexy angeknackst – entdeckt ihre Gemeinsamkeit mit dem revolutionären Subjekt, tritt der Organisation bei, bewährt sich trotz Folter durch den Klassenfeind und darf am Ende mit dem Schiff in einen proletarischen Sonnenuntergang fahren. Zwischendurch wird animalisch getanzt und wahrscheinlich auch Sex gehabt.

Gut wird das Ganze freilich durch den Gruselfaktor der Revolution, der sich sowohl im Lebensstil finsterster Verelendung zeigt als auch in einer Rhetorik der Selbstaufgabe, gegen die sich jedes bürgerliche Individuum (gibt es derzeit andere?) sträuben muss („Du gehörst nicht dir. Du gehörst der Revolution, bis die Revolution gesiegt hat.“). Die proletarisch Kämpfenden in Hölle Hamburg verstehen sich nicht als Menschen, sondern als Teil einer objektiven Bewegung, als Informationswelle (-teilchen? was weiß ich) der Geschichte. Kurz: Die Menschen, die vom Kapitalismus unter das Niveau des Menschlichen herabgedrückt werden, machen sich genau dort, wo man sie hingetreten hat, zum kollektiven Subjekt der objektiven Bewegung.

Wie kritisch oder agitatorisch das von den Filmemachern gemeint ist, spielt eigentlich keine Rolle. Jedenfalls dürfte es auf allen Seiten für Unbehagen sorgen, was eine zu begrüßende Leistung ist. Kein Spaß, aber sehr zu empfehlen.

Soeben erschienen: „Alle Zeit der Welt“

Soeben ist die Ausgabe 13 der Nova erschienen, die unterm Oberthema „Dystopie“ steht. Ich habe mit „Alle Zeit der Welt“ eine Romero-inspirierte Geschichte beigesteuert: Ein Mann erwacht in einer Kältschlaf-Anlage. Seine tödliche Krankheit ist, entgegen den Versprechen, die man ihm vor Jahrzehnten machte, nicht geheilt. Dafür streift etwas sehr, sehr hungriges in der verlassenen Anlage umher …

nova13

Außerdem enthält die Ausgabe Ralph Doeges wunderbar bizarre Sozialdemokratie-Dystopie „Balkonstaat“ und Frank Hebbens im besten Sinne finstere Weltkriegs-Vision „Imperium Germanicum“. Und einiges mehr, was ich noch nicht gelesen habe.

Märchenhaftes und Regressives

Maßgeblich durch Paule bin ich auf diverse Internettexte aufmerksam geworden, die vielleicht nicht das Herz, aber doch den Kopf erfreuen. Diese sind zu Gliedern in:

- den Michael-Ende-Komplex, bestehend aus Paules Hinweis, einem Bahamas-Artikel (dem ersten seit Jahren, den ich las&genoss) sowie ergänzenden (bzw. eigentlich vorangegangenen) Texten von nichtidentisches, die sich mit Momo und dem Wunschpunsch sowie mit der Jim Knopfs Inzestwunsch befassen. Rundum sehr empfehlenswerte Mittel gegen die Verklärung der Kindheit meiner Generation!

- Den Einhorn-Komplex. Hier verweist Paule auf Teil 2 des zutiefst verstörenden Charlie-the-Unicorn-Internetcartoons. Wer den kürzeren, weniger abgdrehten aber besser auf die Pointe zugespitzten Teil 1 sehen will, findet ihn z.B. auf youtube hier. Die macher präsentieren sich auf dieser website. Auch hier würde sich eine psychoanalytische Lektüre sicher lohnen („put a banana in your ear“ lässt sich eigentlich nur als Aufforderung zur Selbstpenetration, analog etwa zu „fick dich ins Knie!“ verstehen, auch der „Vortex“ in Charlies Rücken erscheint mir irgendwie verdächtig, und von der Kopfform des magischen Lioplurodon sowie den lacanaschen Implikationen der fundamentalen Unintelligibilität seiner wegweisenden Artikulatationen wollen wir mal gar nicht reden …). Darüber hinaus handelt es sich um Filme, deren tiefer, unhintergehbarer Wahrheitsgehalt Eltern und Fantasy-Rollenspielern unmöglich verschlossen bleiben kann.

Schlafwandeln gegen den Kapitalismus

„Du musst wissen, dass es einen geheimen esoterischen Orden gibt, der auf Rasputin – wenn nicht noch weiter – zurückgeht, und der als einziges Ziel die Mehrung seiner Macht kennt. Dieser Orden hat die eigentlich gut gemeinte Idee des Kommunismus noch in ihrer Genese vergiftet. Seinen Mitgliedern ist ein Rezeptur bekannt, zu deren Zutaten das Gehirn eines tollwütigen Fuchses gehört – das Tier, dass für seine Zutraulichkeit ebenso wie für die tödliche Gefahr der Raserei, die von ihm ausgeht, bekannt ist. Die aus diesem Gehirn und zahlreichen anderen Beigaben gebraute Tinktur muss nicht eingenommen werden, um zur Wirkung zu gelangen. Es handelt sich um ein Kontaktgift, das zum Beispiel auch in Druckerschwärze verwendet werden kann – beispielsweise auf den Flugblättern, die du dort in der Hand hältst.
Wer häufiger mit der Tinktur in Berührung kommt, wird zu dem, was Voodoo-Priester einen ‚zombi‘ nennen, zu einem willenlosen Schlafwandler, der jede Anweisung seines Meisters ohne Widerworte, ohne Zögern ausführt. Leichtgläubige Menschen werden schneller zu solchen ‚zombis‘, intelligente Menschen – Menschen wie du – können sich manchmal dem Einfluss entziehen, wenn sie ihn rechtzeitig erkennen.“

Das sagte mein Vater zu mir, worauf ich ihn gerne ausgelacht hätte, wäre ich nicht zu wütend gewesen über diese waghalsige Unterstellung – mich zum Opfer zu erklären und meine Intelligenz zu beleidigen, noch während er an sie appelierte, was für eine Unverfrorenheit! Ich antwortete also: „Du liegst ganz und gar falsch. Natürlich gibt es zombi-Meister, aber ihre Mittel sind noch weit subtiler, und nicht ich arbeite für sie, sondern der Rest der Gesellschaft. Meine Genossinnen und Genossen dagegen teilen ihr Geheimwissen ohne Vorbehalt mit mir. Es handelt sich dabei um das Wissen, wie man die zombi-Meister bekämpft, und ich bin in den höchsten Kreisen unserer egalitären Organsation an der strategischen Planung seiner Verabreichung an die Bevölkerungsmassen beteiligt. Unser Ziel ist die Aufklärung, unsere Methode die Radikalisierung. Es gibt in unserer Organisation kein Geheimnis vor mir oder einem anderen als das vom Pragmatismus der Konspirativität geforderte, und unsere Verpflichtung gilt keinem Führer, sondern allein der Sache.“

Damals war mir natürlich nicht klar, dass es zombi-Meister in Wirklichkeit überall gibt – und dass sie genau wie ihre Gefolgsleute schon mit Druckerschwärze an den Fingern zur Welt gekommen sind. So dienten bei uns alle aufrichtig und wahrhaftig der Sache, und weil sie es aus strategischen Gründen in verschiedenen Positionen und Funktionen tun mussten – in der Anpolitisierung, Radikalisierung, militanten Praxisvermittlung, Organisierung, Kontinuitätssicherung –, mussten sie einander und sich selbst unablässig belügen und betrügen, indem sie sich und andere anpolitisierten, radikalisierten, militante Praxis vermittelten, organisierten und für Kontinuität sorgten.

Soviel als Anreißer zur waghalsigen semi-biographischen Retrospektive. Einzelheiten emnächst hier auf diesem blog!