Archiv für Juli 2008

Höhlenmenschen

Ok, natürlich glauben wir alle nicht, dass Menschenmännchen instinktiv um Menschenweibchen kämpfen und deshalb natürliche Konkurrenten sind.
Trotzdem habe ich ihn kürzlich erfahren: den sofortigen, atavistischen Hass zwischen zwei Männern, die sich zum ersten Mal treffen, noch kein Wort gewechselt haben und den jeweils anderen nicht nur als Konkurrenz erkennen, sondern: als zutiefst unsympatische, selbstgefällige und schlecht gekleidete Konkurrenz, die mit ihrem scheußlichen Stil auch noch Erfolge verzeichnen kann.
Na schön, ich weiß nicht, ob der andere mich als unsympathisch, selbstgefällig und schlecht gekleidet empfand, und wahrscheinlich hatte er auch nicht den Eindruck, dass ich besonders erfolgreich war. Auf jeden Fall bin ich mir aber sicher, dass er mich auch nicht mochte.

Am liebsten hätte ich ihm mit einer Feuersteinaxt eins übergezogen oder ihn mit einem selbstgeschnitzten Speer fortgejagt. Leider hatte ich keins von beidem zur Hand, also habe ich mir mit Alkohol beholfen. Es lebe der zivilisatorische Fortschritt.

Horror-Tagungsband aus dem gastfreundlichen Bremen!

Immer zieht es mich nach Bremen, wenn dort mal wieder zu einem Kongress geladen wird, der sich mit SF oder neuerdings auch Horror befasst – wie könnte ich auch dieser Versuchung widerstehen (obwohl ich nicht Eva Longoria Parker bin)?. Zu letzterem Thema (Horror, nicht Eva Longoria Parker) ist unter dem Titel On Rules and Monsters nun auch ein Tagungsband erschienen, und als Referent bin ich mit einem Beitrag über George A. Romeros Zombie-Filme, Naturverfallenheit und andere Adornismen darin vertreten (Der Text enthält übrigens mindestens einen peinlichen Fehler, mal sehen, welcher Splatter-Spezi ihn entdeckt!).

Außerdem enthalten: Beiträge von den Herausgebern Benjamin Moldenhauer, Christoph Spehr und Jörg Windzus sowie von Udo-Franke Penski, Dieter Wiene, Verena Kuni,Tim Schomacker, Dietrich Kuhlbrodth, Linnie Blake und Uche Nduka, und zwar über Filme wie Saw, Ringu, Texas Chainsaw Massacre, Regisseure wie George A. Romero, Jörg Buttgereit und Joss Whedon, und AutorInnen wie Poppy Z.Brite und Stephen King. Habe in die anderen Beiträge bislang erst oberflächlich reingelesen – von essayistisch bis akademisch und auch thematisch bunt gemischt, würde ich sagen. Besonders angetan hat es mir Benjamin Moldenhauers „Teenage Nightmares“, der sich ganz grundsätzlich und abseits von platter Reiz-Reaktions-Soziologie und Kulturpessimismus mit der Anziehungskraft von Gewalt und Ekel auseinandersetzt.

Blindflug: Gutes, böses Buch

Manchmal ist ein Buch eben doch gut, obwohl der Autor es gar nicht gut gemeint hat. Blindflug von Peter Watts ist so ein Fall. Eine ganz gewöhnliche Alien-Erstkontakt-Story, gewürzt mit posthumaner Spekulation und – im zur Abwechslung durchaus wohltuendem Gegensatz zum Yippie-ya-yeah!-Transhumanismus – zutiefst pessimistisch. Dementsprechend auch ganz trockenen Tons dargeboten, abgesehen von ein paar trefflichen Hässlichkeiten (einige der Erstkontaktler erleiden, ganz wie zu erwarten, unschöne Arbeitsunfälle). Hübsch fremdartige und gut konzeptionierte Aliens. Und sogar schweinespannend (also eben so spannend wie das Leben gerade für das Schwein wird, wenn es sich fragt, was der Mann mit der Schürze und dem Messer will). Check, check, check, alles bestens.

Nur ideologisch ist das Buch natürlich ganz tief in der Kacke. War ja klar.

Peter Watts erklärt sich im Nachwort selbst als gläubiger Anhänger der internationalen Kirche des Soziobiologismus und hegt nicht zuletzt deshalb den Verdacht, dass das menschliche Bewusstsein vom evolutionären Standpunkt aus betrachtet ein nutzloser Parasit ist, der Energieressourcen verbracht und Entscheidungsprozesse in sinnlosen Reflektionsschleifen versanden lässt, anstatt sie der kompetenteren unbewussten Verdrahtung zu überlassen. Dabei tut er wieder mal so, als sei erst die Hirnforschung auf die Idee gekommen, dass es auch so etwas wie unbewusste Entscheidungen geben könnte (Oh! Ah! Uh! Echt?, rufen Freud, Lacan, Deleuze und noch so ein paar Franzosen im Chor …).
Der ganze Biologismus entlarvt sich natürlich als cartesianischer Dualismus, der an seiner Unhaltbarkeit verzweifelt und glaubt, dass Problem zu lösen, indem er die „geistige“ Hälfte seiner selbst einfach verleugnet (wenn es Materie ist, kann es kein Bewusstsein oder freier Wille sein, weil es ist ja Materie … Aaargh! Wir sind alle eine Illusion!). Dumm, das. Fehlt Dialektik.
Wenn der Biologismus wenigstens konsequent wäre, ging’s ja noch. Aber irgendwie erliegt er dann doch wieder dem Antropomorphismus und projiziert die Kategorien des Bewusstseins in die bewusstlose Natur: So kann’s dann passieren, dass am Ende von Blindflug über ein „altes Unrecht“ im Evolutionsprozess filosofiert (ja, in diesem Fall mit Klein f) wird sowie dessen Wiedergutmachung. Hallo? Wenn’s um blinde Naturprozesse geht, was können die dann mit so bewussten ethisch-moralischen Kategorien wie Recht zu tun haben?

Und eigentlich interessiere ich mich ja durchaus für das Biologisten-Zeug. Wissenschaft gehört natürlich ernstgenommen, auch Hirnforschung und der ganze Schnickschnack. Nur warum müssen die immer mit erkenntnistheoretischen Kategorien von vor fünfhundert Jahren hantieren?

Super Buch voll dumm gelaufen. Macht aber nix, enthält nämlich trotzdem einen ganzen Haufen hübsche Gedankenspiele. Außerdem muss man dem Autor hoch anrechnen, dass er an seiner Hauptfigur aufzeigt, wie wenig förderlich für erträgliche zwischenmenschliche Beziehungen der soziobiologische Blablubb ist. Selbstkritik ist immer gut, wusste schon Stalin. Außerdem und wie erwähnt: Originelle Aliens. Im Weltraum hört dich niemand dekonstruieren.
Und: erwähnte ich die Vampire, die epileptische Anfälle kriegen, wenn sie aufeinandertreffende horizontalen und Vertikalen sehen, weil sie eine unpraktische Verdrahtung im Gehirn haben? Also, wenn mir mal eine rationale Vampirerklärung gefallen hat, dann die!

zweifelhaftes Glück

Heute ist mein Steuerbescheid für 2007 reingeflattert. Und nun endlich kann auch ich im Brustton gerechter Empörung verkünden:

„Und det alles von meine Steuerjelder!“

Ach weh …