Archiv für März 2009

What is it with all the cool people dying?

Andy Hallett ist am Sonntag im Alter von 33 Jahren verstorben..

KLP

… heißt Kurd Laßwitz Preis. Beim Preis der deutschsprachigen SF-Schaffenden sind 2009 auch Hannes Riffel und ich für unsere Arbeit an der Pandora nominiert. Die vollständige Nominierungsliste hier.

Harlan Ellison ist die Macht!

Aber echt!

Keith Herber ist tot

Am Freitag, dem 13. März 2009 starb Keith Herber.

Gute Rollenspielautoren sind wie andere gute Autoren auch: Fremde, denen man sich durch ihre herausragende Arbeit verbunden fühlt und die dann plötzlich sterben. Und statt einem Nachruf möchte man eigentlich nur auf das scheißgleichgültige Universum fluchen.

Hal on fire!

Auf Hal Duncans Blog ist derzeit eine täglich erweiterte Reihe von Posts unter dem Titel „Arguing with Geeks“ lesen. Nicht nur amüsant, sondern auch durchaus nicht frei von tieferen Einsichten über das Problem der Online-Kommunikation. Möchte allerdings nicht wissen, welche Erfahrungen ihn zu einer derart ausführlichen Beschäftigung treiben.

Watchmen im Dschungel

In der jungle world ist ein Artikel von mir zu Watchmen erschienen, zu lesen

… hier.

Leider ist der Artikel redaktionell in einer Art und Weise gekürzt und teilweise auch geändert worden, die mir nicht gefällt: Der wichtigste Argumentationsstrang wurde beseitigt, und das Ergebnis liest sich in meinen Augen nur noch wie dröge Klugscheißerei über die Kulturindustrie. Da ich keine Gelegenheit hatte, meinen Namen zurückzuziehen, poste ich hier die Vollversion, dann können Interessierte ja selbst entscheiden, was ihnen besser gefällt.

Streicheleinheiten für den inneren Nazi
Alan Moores und Dave Gibbons’ Comic Watchmen gibt den Faschismus der Lächerlichkeit preis. Zack Snyders zynische Verfilmung macht eine Lightshow draus. Von Jakob Schmidt

Ex-Monty-Python Terry Gilliam bemerkte einmal, dass es unmöglich wäre, Watchmen zu verfilmen, es sei denn, man würde ihn dreieinhalb Stunden lang machen. Zack Snyders Watchmen-Verfilmung ist immerhin 164 Minuten lang. Gelungen ist sie deshalb noch lange nicht.
Bei seinem Erscheinen im Jahre 1985 hat der legendäre Comicroman von Alan Moore und Dave Gibbons das Superheldengenre auf den Kopf gestellt – heute ist das nicht mehr nötig, die dreißigfache postmoderne ironische Brechung ist schließlich längst schon fester Bestandteil des Genres selbst. Watchmen (der Comic) ist nur deshalb auch heute noch gut, weil er sich nicht auf diesen Gimmick verlässt. Ein Teil von dieser Größe färbt auf die Filmversion ab, vor allem, weil diese sich in Sachen Dialoge und Bilder ziemlich dicht an die Vorlage hält.
Ziemlich deutlich kommt im Film rüber, dass Watchmen ein Kind der desillusionierten 80er und ein Abgesang auf den amerikanischen Traum ist. Zu den Hauptfiguren gehört der »Comedian«, ein maskierter Vigilant, der sich selbst zur miesen Parodie Amerikas erklärt. Dieses reaktionäre Arschloch mordet und vergewaltigt – gern auch mal im Auftrag der Regierung und unter anderem in Vietnam – nach Lust und Laune. Das kaputte Amerika, das der atomaren Apokalypse entgegensieht, kriegt Snyder in seiner Filmfassung bestens adaptiert. Klar, Fucked Up America ist auch einfach – eine gehörige Portion Zynismus, ein bisschen Punk, ein bisschen Melancholie und zur Untermalung ein paar Songs, die auf die richtigen Knöpfe drücken. Genau so funktioniert auch die rundum gelungene Titelsequenz des Films, die zu den Klängen von Bob Dylans »The Times They Are A-Changin’« gerafft vom Aufstieg und Niedergang des maskierten Heldentums im Amerika der 30er bis 80er erzählt.
Nicht nur in dieser Eingangscollage wird die Superhelden-Kostümparade ganz angemessen als spießig-verklemmte Rebellion dargestellt. So nörgelt man im Internet schon jetzt über die peinliche Sexszene zwischen Nite Owl und Silk Spectre, dabei handelt es sich um einen der wahrhaftigsten Momente, die der Film zu bieten hat. Natürlich ist es peinlich, wenn Ultranormalos sich Fetischkostüme anziehen, Verbrecher jagen und dabei so richtig geil werden. Das hat man auch bei der Verfilmung durchaus kapiert.
Doch beim schwierigsten und wichtigsten Aspekt der Geschichte versagt Regisseur Snyder erwartungsgemäß. Denn der Comedian ist vielleicht das dreckigste Schwein in Watchmen, keinesfalls aber das größte. Diese Rolle bleibt seinem ehemaligen Mitstreiter Ozymandias vorbehalten, der unter seinem bürgerlichen Namen Adrian Veidt zum Multimilliardär aufgestiegen ist. Sonnyboy Veidt wünscht sich nichts mehr als den Weltfrieden, und um ihn herbeizuführen, braucht es lediglich eine Riesenlüge und einen Massenmord … Moore und Gibbons machen in ihrem Comic keinen Hehl daraus dass Veidt ein wohlgesinnter Faschist ist, ein Verbrecher, der die schlimmsten Eigenschaften des Visionärs und des Realisten auf sich vereint. Er ist zugleich pragmatischer Modernisierer und begeisterter Fan der Antike, der natürliche Star eines jeden Leni-Riefenstahl-Films. Die Autoren gehen verdammt sicher, dass die Leser Veidt auch wirklich als Faschisten erkennen: »Krystallnacht« heißt beispielsweise ein Bandname, der ganz zufällig über dem von Veidt angerichteten blutigen Massaker in New York prangt. Im Comic ist diese Referenz auf den Holocaust legitim – der Massenmord wird in einer so dissonanten Mischung aus grellblutiger Gewalt und nüchternem Entsetzen zu Papier gebracht, dass ihm tatsächlich ein Moment des Unbegreiflichen innewohnt. Er ist ein schlechter Witz ohne Pointe.
Gleichzeitig haftet schon dem Comic eine gewisse Lust am Spektakel des Faschismus an. Der geistige und körperliche Übermensch Veidt in seinem Modern-Antiken Utopia zieht unweigerlich auch Bewunderung auf sich, seine Vision erhält einen Hauch Legitimität. Sind ein paar Millionen Menschenleben nicht ein kleines Opfer für den Weltfrieden? Watchmen lässt die Attraktivität des Faschismus im Raum stehen, direkt neben seiner Absurdität und Widerwärtigkeit. Angesichts dieser Gegenüberstellung erkennt jeder zurechnungsfähige Leser schnell, dass Veidts hypercharismatische Maskerade ebenso lächerlich (wenn auch nicht so harmlos) ist wie die Verklemmungen von Nite Owl und Silk Spectre. Wenn man sich schon in den eigenen inneren Nazi einfühlen will, dann bitte so: Indem man ihn der Lächerlichkeit preisgibt. Das tut auch beim fünften oder zehnten Lesen immer noch richtig weh, und das muss es auch.
Zack Snyder möchte seinem inneren Nazi aber offenbar nicht gerne wehtun. Wen wundert’s, hat er ihn doch schon in seiner vorangegangenen Männerfantasie 300 an lockerer Leine geführt. Und deshalb fummelt er am Ende rum. Obwohl bis dahin alles andere als zimperlich, was Blut und Eingeweide angeht, ersetzt er Veidts dreckiges Massaker durch eine saubere, weißblaue Energieentladung. Veidts Opfer an den Fortschritt werden nicht abgeschlachtet, sie werden regelrecht entrückt, und mit ihnen verpufft die verstörende Wirkung, die Gibbons mit seinen Comicbildern erzeugte. So gesehen ist es wahrscheinlich ein Glücksfall, dass Matthew Goode, der den Veidt gibt, als einziger Hauptdarsteller eine Fehlbesetzung ist und nicht mehr Charisma hat als ein dahergelaufener Bond-Schurke aus der Pierce-Brosnan-Generation – andernfalls wäre der Film glatt zum Massenmord-Werbespot geraten.
Zu allem Überfluss garniert Snyder die Schlusssequenzen, bei denen in der Comicvorlage benommene Eiseskälte herrscht, mit melodramatischem Getöse. Sogar ein lautes »Neeeeiiiiin!« wird dort geschrieen, wo es nun wirklich nicht hingehört. Veidt darf am Ende noch ein wenig menscheln, indem er sich, ganz der Märtyrer, ohne Gegenwehr den wütenden Schlägen Dan Dreibergs ausliefert. Um zu sehen, das all das gelogen ist, muss man nicht mal den Comic kennen. Man weiß auch so, dass Dan kein Typ ist, der angesichts maßloser Verbrechen in maßlose Wut ausbricht, sondern jemand, der sich arrangiert. Man weiß auch so, dass der selbstherrliche Veidt nicht stillhalten würde.
Die Kritik der beinharten Comic-Fans liegt deshalb in gewisser Weise richtig, wenn sie sich an vermeintlichen Oberflächlichkeiten und Kleinigkeiten abarbeitet: das veränderte Ende bricht dem Film tatsächlich das Genick, nicht, weil es anders ist als im Comic, sondern weil es eine zynische Bereinigung des Massenmords von seinem absurd hässlichen Gesicht darstellt. Und selbst der Umstand, dass Snyder die im Original recht bodenständigen Kampfsequenzen mit Kung-Fu-Akrobatik aufgematrixt hat, läuft den Figuren völlig zuwider und zeigt, dass der Regisseur für Übermenschen doch mehr übrig hat als für Menschen.
Was soll’s. Letztlich will die Watchmen-Verfilmung das, was Superheldenfilme für gewöhnlich eben wollen: beeindrucken. Snyders Interesse gilt dem Spektakelwert des Faschismus und nicht der Erzeugung von Unbehagen am Spektakel. Alan Moore hat seinen Namen von bislang allen Filmadaption seiner Comics zurückgezogen, und er hat auch diesmal gut daran getan.