Vorgestern kam der Spaßbefehl.
Ich versuche, mein Leben normal weiterzuleben, aber jedesmal, wenn ich die Trommeln höre, pocht mir das Herz bis zum Hals. Während ich mich zwischen palmbewedelten Ständen durchschleiche und Kokosnüssen mit Strohhalmen ausweiche, die in meine Richtung gestreckt werden, habe ich das Gefühl, dass das Wort „Deserteur“ mir auf die Stirn tätowiert ist. Einige schauen mich mit der besonderen Feindseligkeit an, die Feinden in den eigenen Reihen vorbehalten ist.
Zur Arbeit muss man ja, selbst wenn sie im Karnevalsgebiet ist. Dort geht es erstaunlich glimpflich ab, Querschläger und Festivitanten höre und sehe ich nur aus der Ferne, fast, als fände dieser ganze Irrsinn irgendwo in einem anderen Land statt, nur in den Nachrichten. Dann werde ich auf dem Heimweg von einem Regengewitter überrascht und sehe die tanzenden Repräsentanten mehr oder weniger imaginärer Weltkulturen, die sich krakeelend im Wasserbad härten. Ich renne.
Zuhause frage ich mich, ob der alte Reaktionär Huntington sich darüber amüsiert hätte, wie die Realität seine Brühe vom „Kampf der Kulturen“ als „Karneval der Kulturen“ in einem Abwasch auftischt und abserviert. Ich finde es jedenfalls nicht besonders lustig.
Früher einmal bot mir zumindest der Alkohol Trost, doch seit man ihn zur Waffe im Karnevalstreiben gemacht hat, ist auch der mir verleidet. Ohnehin sollte ich besser nüchtern bleiben. Ich muss alle meine Sinne beisammen haben, wenn ich heute Abend wieder da raus gehe …