Altmodisches mit kleinen Freuden & Ärgernissen

Weil ich kürzlich gebeten wurde, für eine englischsprachige Zeitschrift ein paar herausragende deutschprachige Phantastik-Titel rauszupicken und kurzzubesprechen, habe ich mal wieder meine Vorurteile gegen die Mehrzahl ebensolcher überwunden und angefangen, Karsten Kruschels Vilm – Der Regenplanet zu lesen. Nach Fastabschluss des ersten Bands sage ich: Gar nicht übel, auf ne Art sogar sehr gut, von der Erzählweise her altmodisch, aber angenehm und ein bisschen wie Kim Stanley Robinsons Mars-Trilogie (wenn auch, soweit ich das bisher beurteilen kann, weniger komplex und politisch).

Minuspunkt: Telepathische Aliens. Immer das gleiche.
Pluspunkt: Die Alien -Telepathie wird als sexuelles Erlebnis beschrieben, sogar (und gerade) im Kontakt mit Kindern. Das macht es etwas gruseliger und interessanter und wirkt wunder gegen den in der Sache angelegten Kitschfaktor.
Minuspunkt: Es gibt irgendwelche noch nicht näher definierten reichen Mistkerle namens „Goldene Bruderschaft“. Die werden nur ganz am Rande als verantwortliche für eine Raumschiffkatastrophe benannt, und Sympathieträgerin A sagt zu Sympathieträger B: „Die konnte ich noch nie leiden“, und schon ist Gemeinsamkeit gestiftet zwischen den beiden. Diesen Erzähltrick, um Gut und Böse herzustellen, konnte ich noch nie leiden (harhar!). Da klingt für mich gleich wieder der Stille Konsens über „die da, die nicht zu uns gehören“ an, die Herstellung von Gemeinschaft über Ablehnung des Dritten, mitsamt Das-musste-mal-gesagt-werden-Gestus. Wenn ich das lese und es mir als Identifikationsangebot mit der Gemeinschaft der Anständigen unterbreitet wird, dann schaudert es mich ein bisschen, auch, wenn’s nur ein ganz beiläufiger Satz ist.
Mal sehen, was das wird mit den Goldenen. Vielleicht relativiert sich mein Unbehagen ja noch, vielleicht spielen die gar nicht die Rolle des bösen Dritten.

Trotzdem bereue ich es nicht, das Buch schon ein paarmal im Laden empfohlen zu haben, ist einfach sehr gelungene, wunderbar lesbare SF mit guten Figuren.


2 Antworten auf “Altmodisches mit kleinen Freuden & Ärgernissen”


  1. 1 Ernst 24. Januar 2010 um 10:36 Uhr

    Du musst unbedingt auch den 2. Teil lesen, weil beide Bücher ja ursprünglich ein Roman sind. Wir mussten nur wegen der Länge splitten.
    Beim nächsten Roman von KK wagen wir uns erstmals an einen Ziegelstein, da wird nichts gesplittet.

  2. 2 Administrator 24. Januar 2010 um 14:34 Uhr

    mach ich ganz sicher – allerdings musste ich vor Band 2 erst mal aus ähnlichen Gründen was Böses von Boris Koch zwischenschieben, und jetzt bin ich mit Frank Böhmerts Storyband beschäftigt. Aber wie das mit Vilm ausgeht, will ich schon noch wissen, insbesondere auch, um endgültig zu erfahren, welche Rolle die „Goldenen“ spielen.

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