Archiv für April 2011

Felix Woitkowskis Wanderdüne oder warum ein Buch, das ich nicht zu Ende gelesen habe, mir Hoffnung macht

Warum hatte ich eigentlich noch immer nichts unternommen, fragte ich mich? Ich schlenderte ziellos durch die Straßen, tat dies und das, aber bei der Polizei war ich noch nicht gewesen.
Felix Woitkowski, Die Wanderdüne, S. 34

Wenn einem als Leser eines Romans oder einer Erzählung allzu klar ins Bewusstsein dringt, welche ästhetische Wirkung der Autor erzielen will, dann kann das daran liegen, dass die Regel des „Show, don‘t tell“ verletzt wurde. Die Lektüre von Felix Woitkowskis surrealem Roman Die Wanderdüne habe ich wegen wiederholter derartiger Regelverletzungen schließlich abgebrochen. Natürlich ist der eine oder andere gezielte Regelverstoß beim Schreiben die Butter zum Fisch. Aber gezielt muss er eben auch sein, bewusst und gekonnt, und für die speziellen Verstöße, die Woitkoswski sich erlaubt, reichen seine schriftstellerischen Fähigkeiten – ich sage mal optimistisch: noch – nicht aus.

Offenbar soll in Die Wanderdüne eine traumartige Atmosphäre vermittelt werden, und das gelingt in mehreren eindrücklichen Szenen auch wunderbar. Da gibt es zum Beispiel die Sequenz, in der ein Mann von innen heraus zu Sand zerfällt:

Die letzten Worte verschluckte er im Sand. Er spuckte ihn nicht aus, sondern atmete ihn ein, als wäre es eine Droge, die er zum Leben brauchte. Mit Entsetzen sah ich, wie Justus‘ Haut durchsichtig wurde. Kein Blut, kein Fleisch, keine Muskeln umlagerten mehr seine Knochen sondern – Mit einem dumpfen Ton bahnte sich der Sand seinen Weg nach draußen. die Körner stoben auseinander, während der schwarze Mantel wie eine leere Hülse in sich zusammenfiel.
S. 57

Man kann sich über stilistische Feinheiten streiten – ist ein Mantel wirklich eine Hülse oder nicht doch einfach eine Hülle? Können Blut, Fleisch und Muskeln die Knochen wirklich „umlagern“? Trotzdem ist das Bild wirkungsvoll und prägnant, und Woitkowski vertraut auf seine Wirkung und beschränkt die Innenschau des Erzählers klugerweise darauf, dass er in diesem Moment „Entsetzen“ empfindet.

Dummerweise hat Woitkowski in den seltensten Fällen solches Vertrauen in seine Bilder. Um den Leser daran zu erinnern, dass der Erzähler in einem bizarren Albtraum gefangen ist, verwendet er deshalb immer wieder explizite Formulierungen wie die eingangs zitierte, oder wie diese:

Ich wunderte mich, wie selbstverständlich ich diesen Gedanken gedacht hatte. Als ob es etwas Alltägliches wäre, zum Sekundanten eines mir unbekannten Mannes erklärt zu werden, der sich ein Duell leisten wollte.
S. 30

Anstatt die scheinbare Selbstverständlichkeit von bizarren Traumereignissen atmosphärisch einzufangen, erinnert Woitkowski den Leser hier explizit daran, dass er sich eben dieses Gefühl vergegenwärtigen soll. Und zwar in ziemlich regelmäßigen Abständen. Genau das verhindert leider das Entstehen einer traumartigen Atmosphäre. es ist etwa so, als würde man vom Musikgenuss abgehalten, weil jemand neben einem steht, der immer wieder nachdrücklich auf gewisse interessante Eigenheiten der laufenden Musik hinweist. Der Autor scheint mehr in die eigene künstlerische Absicht verliebt als in die schriftstellerische Technik, die es bräuchte, um ihr Ausdruck zu verschaffen.

Dazu kommt, dass Woitkowski die Traumartigkeit der Ereignisse zuweilen als Vorwand gebraucht, um seiner Hauptfigur ein Eigenleben zu verweigern und sie mit Formulierungen in der Art von „Ich wusste selber nicht, warum es mich dorthin zog“ an die Leine zu nehmen. Die Psychologie des Träumers – in einem Traumszenario fast zwangsläufig der rote Faden, ohne den die Ereignisse zusammenhanglos erscheinen müssen – enthält leider bis zu dem Punkt, an den ich mit der Lektüre vorgedrungen ist, kaum Raum, um sich zu entfalten.

Was zu Langeweile führt, und bei mir zum Einstellen der Lektüre.

Nun ist mein Urteil unfair, nicht nur, weil ich nur etwa ein Drittel von Die Wanderdüne gelesen habe, sondern auch, weil ich parallel dazu Thomas Mann gelesen habe – neben dessen Wortkunst der etwas geschraubte und altertümelnde Stil von Woitkowski zwangsläufig gewollt wirkt (warum z.B. muss es im obigen Zitat heißen, dass sich jemand „ein Duell leisten wollte“, wenn man auch einfach von einem Duellanten reden könnte?); und weil ich zugleich Gero Reimanns surreales Meisterwerk Sonky Suizid lektoriere. Irgendwo zwischen den Polen Mann und Rei-Mann (haha) lässt sich der ästhetischen Absicht nach wohl auch Die Wanderdüne ansiedeln, ein philosophischer Roman, vielleicht auch ein verschlüsseltes Sittengemälde.

Um nicht gar so unversöhnlich zu verbleiben, möchte ich anmerken, ist dass mir Woitkowskis Roman eine Menge Hoffnung gemacht hat, auch und insbesondere bezüglich möglicher späterer Werke. Die Wanderdüne scheint mir alle typischen Schwächen eines Erstlingswerks zu haben: Strukturlosigkeit, Verkrampftheit, mangelndes Selbstvertrauen gepaart damit, dass der Autor sich vielleicht ein bisschen zu wichtig nimmt. Genug, um ein Buch zu ruinieren und genug, damit ein junger Autor daraus lernen kann, wie es richtig geht.

Noch erfreulicher ist, dass Die Wanderdüne bei aller Bemühtheit doch sichtlich genau das Buch ist, das Woitkowski schreiben wollte, ohne Rücksichtnahmen auf Erwartungen dieser oder jeder Szene. Im Moment gefällt mir das besonders gut, weil ich derzeit eher angenervt den Versuch einer SF-Schaffender verfolge, mit der Webseite deutsche-science-fiction.de für ein nationales Genre-Erweckungsprojekt mit diffusem und unglaubwürdigem ironischen Unterton werben. Darüber müsste man Ausführlicheres schreiben – mir ist das Projekt eher unsympathisch, was weniger mit dem Label „deutsch“ zu tun hat und mehr mit der selbstverständlichen und schon etwas dummdreisten Art, mit der vorausgesetzt wird, dass deutschsprachige SF-Schaffende sich im Sinne der Macher als „deutsche“ SF-Schaffende begreifen, deren Werke sich noch dazu bitte durch spezifisch „deutsche“ Charakteristika auszeichnen sollen.

Okay, ich gebe zu, der Zusammenhang ist lose und besteht vor allen Dingen in meinem Kopf und darin, dass ich bei Die Wanderdüne eben vor allen Dingen einen Woitkowski lese und kein Werk, das gerne als Aushängeschild einer wie auch immer gearteten deutschen Phantastik verstanden werden will. Solche Bücher machen mir Hoffnung auf das Fortbestehen individueller schriftstellerischer Integrität (im Gegensatz zum wichtigtuerischen Bewegungsschreiben, das mir deutsche-science-fiction.de zu propagieren scheint), und falls Woitkowski sich in drei oder vier Jährchen mal entschließt, ein Manuskript bei Shayol einzureichen, würde ich mich durchaus freuen.