Archiv für Mai 2011

Schlotzen&Kloben im Mai

Eure Lieblings-Maiopais, die Herren Nicolaisen, Schmidt und Weinert, treten auch diesen Monat wie gewohnt in der Tristeza auf, und um euch in gewohnter Länge, Breite und Dichte zu erfreuen, haben einige von ihnen glatt ganz den Kampftag der ArbeiterInnenklasse ganz privat zum Tag der Textarbeit umgeweiht – wenn man das denn Arbeit nennen will. Politisch ist das natürlich völlig falsch, politisch aber noch falscher als Arbeit am 1. Mai ist Selbstausbeutung am 1. Mai. Um uns also nicht ganz so übel als kleinbürgerlichen Klassenfeind dastehen zu lassen könnt ihr – was? Richtig, uns am Donnerstag Geld in die Büchse werfen, damit die Selbstausbeutung sich nachträglich in kaum verhohlenem Stolz doch noch als Arbeit bezeichnen darf!
Die kritische Frage darf aber auch hier nicht fehlen: Cui bono? Na ihr! Um den Wortmehrwert einzustreichen, müsst ihr allerdings schon persönlich in die Tristeza kommen. Am 5. Mai um 20 Uhr ist Zahlnacht!

Deutsche SF ist flüssiger als flüssig

I refuse to join any club that would have me as a member.
Groucho Marx

Seit März 2011 ist unter der Regie der SF-Autoren Uwe Post und Sven Kloepping die Webseite deutsche-science-fiction.de online. Die Vernetzung und gezielte Bewerbung deutschsprachiger SF-Autoren ist sicher eine gute Idee: Der deutschsprachige Markt für alle Formen der Phantastik jenseits von „Völkerbuch-Fantasy“ über Elfen, Zwerge, Orks und Trolle ist klein und bietet praktisch keinen Raum für professionelle Mittelfeld-Autoren. In Deutschland ist die SF nach wie vor weitgehend abgekanzelt vom sonstigen Literaturbetrieb – Ausnahmen, die mehr Aufmerksamkeit erhalten, werden entweder als Wissenschaftsthriller, wie die Romane Schätzings und teilweise die von Eschbach, vermarktet oder als (vielleicht etwas abgedrehte) Hochliteratur – Bücher von Juli Zeh, Christian Kracht oder Dietmar Dath. Nicht nur das, sondern auch die Szene-Mentalität innerhalb der hiesigen SF-Klüngel führt dazu, dass sich kaum ein deutschsprachiger SF-Autor dem Urteil entweder des Marktes oder des Feuilletons stellen muss. Deshalb ist es nur bedingt die Schuld individueller Autoren, dass die deutschsprachige SF handwerklich und kreativ im Vergleich mit der englischsprachigen ziemlich arm aussieht. Es gibt weder einen Druck, an den eigenen schriftstellerischen Fähigkeiten zu arbeiten, um zugleich den eigenen Ansprüchen zu genügen und markttauglich zu sein, noch gibt es die ökonomische Freiheit, auch von Auflagenstärken im unteren Mittelfeld zu leben und sich dabei beruflich der Entfaltung des eigenen Stils zu widmen. In Deutschland hat man als SF-Autor etwa folgende Möglichkeiten: Man kann radikal das eigene Schreiben entwickeln und hoffen, es irgendwie in die Hochliteratur mit ihren zumindest zuweilen halbwegs passablen Auflagenzahlen zu schaffen; man kann sich als Autor von Wissenschaftsthrillern versuchen oder ins Elfen- und Zwergenfach wechseln; oder man kann das Schreiben als Hobby betreiben und seine Portion Anerkennung nicht aus der Auflagenstärke oder den Feuilleton-Besprechungen beziehen, sondern aus den wohlwollenden Forenkommentaren anderer Hobby-Autoren. Alle drei Möglichkeiten sind legitim, und auch auf den letzteren beiden Wegen kann durchaus mal ein gutes Werk zustande kommen. Die Wahrscheinlichkeit dafür ist jedoch eher gering.
Insofern ist erst einmal jede Bemühung zu begrüßen, deutschsprachigen Autoren die weitere Verbreitung ihrer SF-Werke zu ermöglichen. Vielleicht schafft der eine oder andere dabei ja tatsächlich den Sprung aus der Szene heraus und erhält dadurch die Möglichkeit, seinen Stil ernsthaft zu entfalten. Am besten für Geld.
Dazu muss man aber erst einmal anerkennen, dass es mit der deutschsprachigen SF im Argen liegt, und nicht nur, insofern sie nicht die gebührende Anerkennung erfährt, sondern vor allem, insofern die meisten Werke, die aus der Szene heraus entstehen, bestenfalls passabel sind, sich aber qualitativ nicht mit englischsprachigen Werken messen können. Das ist an sich noch gar nicht schlimm. Es hat eben mit dem deutschsprachigen Buchmarkt zu tun. Will man etwas dagegen unternehmen, dann müsste vor allem vielversprechende Autoren in ihren jeweils individuellen Ansätzen fördern und für sie um Aufmerksamkeit werben.
Wenig hilfreich ist es dagegen, so zu tun, als wäre das Produkt „Deutsche SF“ eine Spitzensache, die man nur etwas besser bewerben und am besten mit einer klaren, griffigen Markenidentität namens „deutsch“ versehen müsse.
Noch weniger hilfreich ist es, wenn man sein Anliegen in jenem typisch deutschen Beleidigt-weil-zu-kurz-gekommen-Tonfall vorträgt und sich als Opfer einer amerikanischen „Leitkultur“ geriert.
Ganz und gar nicht hilfreich ist es, wenn man das Anliegen, SF-Autoren, die auf Deutsch schreiben, eine Plattform zu bieten, mit der Frage nach „deutschen Themen“ in der SF, nach „gesundem Nationalismus“ und nach „Unterdrückung durch die US-Kulturindustrie“ vermanscht.

Hauptsächlich macht sich mein Genervtheit über das Projekt deutsche-science-fiction.de an dem Streitgespräch zwischen den Initiatoren Uwe Post und Sven Kloepping fest. Was daran ärgerlich ist und wie die dort vorgetragenen Standpunkt eher noch zusätzlich zu ästhetischen und inhaltlichen Verarmung deutschsprachiger SF beitragen, lässt sich sehr schön vor allem an Uwe Posts flammender Fürrede darlegen:

Die bösen Verlage sind schuld daran, dass die SF-Autoren hierzulande am Hungertuch nagen müssen. Oder die Leser, die lieber FBI-Agenten mit Namen wie Smith und Wesson bei ihren Ermittlungen in L. A. beobachten als Herrn Steffens aus Feucht bei Nürnberg? Und ich dachte immer, Lokalkolorit kommt an. Aber, nein: Selbst in Bernhard Schneiders »Ardennen-Artefakt« rufen die Franzosen gleich mal die NSA zu Hilfe, damit bloß keine Europäer die Ermittlungen übernehmen müssen … wäre ja auch uncool.
Uwe Post, http://deutsche-science-fiction.de/?p=10

Klar ist Uwe Posts ironischer Tonfall hier nicht zu überhören. Aber diese diffuse Form der Uneigentlichlichkeit, in der alles mit einem Augenzwinkern gesagt wird, ist unredlich: Sie dient nicht dazu, eine Aussage durch Kontrastierung zu ihrem Gegenteil zu unterstreichen, sondern lässt vielmehr durchblicken, dass man das Gesagte durchaus auch so meint, aber vielleicht nicht ganz so doll, weil man ja vielleicht auch kritisch beäugt werden könnte, würde man tatsächlich in solcher Schärfe seine Ansichten vorbringen, die man (durchaus zu unrecht) für „unbequem“ hält. Es ist eine Ironie, die man bei der Bewertung des Aussagegehalts außer Acht lassen kann, weil sie nur zur Verwischung dient, als präventives Rechtertigungsmanöver.
Zieht man die inhaltslose Ironie ab, bleibt Posts Aussage: Schuld an der Misere der deutschsprachigen SF sind die Verlage, die lieber auf eingekaufte US-Erfolgstitel setzen, und die deutschen Leser, die Amerikanisches Irgendwie „cooler“. Wenig später fügt Post hinzu: „Ich prangere an, dass selbst deutsche Autoren klassische Ami-Motive nachplappern.“ Schuld ist der Umstand, „dass die Amis immer noch so eine Art Leitkultur sind, geprägt durch Hollywood.“ Dass es ihm mit dem Anprangern bei aller stumpfen Ironie durchaus ernst ist, verrät der Schluss seines Plädoyers: „Warum lassen wir nicht die Amis die Ami-SF schreiben und erschaffen selbst deutsche und europäische? Wer soll es denn sonst tun, wenn nicht wir, hm?“ Ein Schuft also, ein Wasserträger der imperialistischen „Leitkultur“ gar, wer deutsch ist und doch keine „deutsche SF“ schreiben will!
Was „deutsche SF“ enthalten soll, das wird (nicht ohne den bekannten uneigentlich-ironischen Unterton) auch gleich in Form eines Arbeitsauftrags an die deutschen SF-Schaffenden bekanntgegeben:

Wir können auch eine Zukunft zeigen, die anders ist – selbst wenn es nicht das wahrscheinlichste Szenario ist, dass mal eine Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Raumstation im Orbit schwebt. Ich glaube, dass es eine nationale und europäische Identität gibt, die glücklicherweise heutzutage nicht mehr mit Nazi-Ideologie verwechselt wird, und die durchaus eine Menge Leser ansprechen kann.

Nationale Besinnung ist also gefragt, im Dienste der Sache, nämlich der „deutschen SF“. Was rührt der Post denn da bitte alles zusammen? Warum wird SF besser, wenn eine Kaiser-Wilhelm-Raumstation im Orbit schwebt oder wenn statt der NSA der poplige MAD bemüht wird? Und was soll die von hinten links durchs Auge geschossene Abwehr gegen den Nazi-Vorwurf? Geht es mal wieder darum, dass man „nun endlich wieder Sachen sagen darf“, die man irgendwie mal „nicht sagen durfte“? Leider hat Uwe Post durch den scharfsinnigen Einsatz von Ironie die Seriennummern seiner Aussagen abgefeilt, man kann also nur spekulieren …
Lässt man den ganzen Nazikram beiseite, den Post befremdlicherweise selbst aufs Tapet bringt, dann sieht es für mich danach aus, dass Uwe Post spezifisch deutsche SF für eine Spitzensache hält, die nur noch ein wenig klarer als deutsch erkennbar werden muss und ein bisschen weiter verbreitet – möglichst auch in die USA, über die er (weil man sich dort nicht für seine Werke interessiert) klagt: „Sehen amerikanische Leser nicht über den Tellerrand oder trauen ihnen ihre Verlage das nicht zu?“
Die Lösung scheint ihm zu sein, dass man der Marke mittels deutscher Alleinstellungsmerkmale (kaiserliche Gedenk-Orbitalstationen!) mehr Profil verleihen muss, und dass man mehr Webung machen muss. Dass man das jeweils einzelne Produkt – und zwar nicht „die deutsche SF“, sondern schlicht und einfach die ganz individuellen, eventuell kein bisschen als spezifisch deutsch erkennbaren Werke auf Deutsch schreibender Autoren aufgrund ihrer ganz eigenen ästhetischen und inhaltlichen Qualitäten besser bewerben könnte, und dass man dazu beitragen könnte, einen Raum zu schaffen, in dem Autoren den Themen nachgehen können, die ihnen individuell liegen, und nicht spezifisch „deutschen“ Themen, darauf scheinen weder Post noch Kloepping zu kommen. Anscheinend geht es hier gar nicht so sehr um gegenseitige Unterstützung, sondern um einen Appell an die deutschen SF-Schaffenden, ihren Beitrag zum nationalen Projekt zu leisten. Offenbar ist man – verständlicherweise – vergnatzt darüber, dass der Markt hierzulande von Übersetzungen plus ein, zwei deutsche Namen beherrscht wird, sieht das Problem im in der Dominanz des angloamerikanischen Marktes, fühlt sich einmal mehr als deutsches Opfer und trumpft dann trotzig mit dem Gegenprojekt auf, dessen Qualitätsmerkmal eben allein das irgendwie Deutsche (vielleicht auch mal: Europäische) ist. Dass man dabei einerseits über derivativen amerikanischen Schund herzieht, andererseits aber die dümmlichen Gesichter der Orion-Besatzung und Perry Rhodans in der Kopfzeile hat und auf der Webseite derart unerträglichen, nur schwerlich als „deutschsprachig“ zu bezeichnenden Schund wie Ren Dhark bewirbt, ist da bloß das I-Tüpfelchen. Vielleicht, ganz vielleicht, interessiert man sich im englischsprachigen Raum ja völlig zu Recht nicht für die deutsche SF – die man eigentlich wirklich nicht so dringend braucht, wenn man Dick und Delany hat, Neal Stephenson und William Gibson, Doris Lessing und James Tiptree Jr.

Die Macher der Website wollen „deutsche SF“ zur Erfolgsmarke machen. Qualitative Erwägungen sind bei so einem Projekt zwangsläufig zweitrangig – wichtig ist, dass die Markenidentität ausreichend Profil hat, um nach außen hin vom Rest abgrenzbar zu sein und gleichzeitig eine gewisse Homogenität zu versprechen, in der die Leser es sich häuslich einrichten können. Das ist nicht weit entfernt von dem, was die großen Publikumsverlage vor einigen Jahren mit der „neuen deutschen Fantasy“ gemacht haben. Das war nicht nur schlecht, immerhin hat es einigen hervorragenden deutschsprachigen Fantasy-Autoren auch den Weg zum kommerziellen Erfolg geebnet. Gleichzeitig hat es aber zweifellos die kreative Eigenständigkeit zahlreicher vielversprechender Fantasy-Autoren erstickt.
Aber bei den Völker-Büchern von Heyne, Piper und co. stand wenigstens noch Geld dahinter. Beim Projekt „deutsche SF“ scheint es dagegen allein um Identitätsstiftung zu gehen – der/die deutsche SF-Schaffende soll nach Willen Posts und Kloeppings allein deshalb die gestellten „deutschen“ Themen behandeln, um dazuzugehören und seinen Beitrag zu leisten. Was ein noch sehr viel schlechterer Grund ist, sich künstlerisch zu verbiegen, als das liebe Geld.

Es mag gut sein, dass der Erfolg den Machern recht geben wird – wenn es jemals einen deutschsprachigen SF-Boom geben sollte, dann wohl eher aufgrund einer griffigen, deutsch-europäischen Markenidentität als aufgrund der individuellen Qualitäten außergewöhnlicher Werke. Mich persönlich würde ein solcher Boom höchstens so weit interessieren, wie mich der deutsche Fantasy-Boom interessiert hat: Insofern auch er sicher einigen eigensinnigen Autoren Chancen eröffnen wird, die sich querstellen, die deutsche Markenidentität unterwandern oder sie verdientermaßen der Lächerlichkeit preisgeben. Ich wünsche auch den mit deutsche-science-fiction.de assoziierten Autoren als Autoren ehrlich viel Erfolg (gerade Uwe Post weiß ich als Storyautor sehr zu schätzen, während seine Romane mich leider kaltlassen). Das Projekt „deutsche SF“ hingegen ist mir ein Ärgernis. Mich interessiert nicht, ob SF deutsch ist (übrigens auch nicht, ob sie im Sinne irgendeiner Definition „richtige SF“ ist), sondern ob sie gut ist. Damit neue, gute SF geschrieben werden kann – auch auf Deutsch – müssen die SF-Schaffenden einander unterstützen, sich vernetzen und um Aufmerksamkeit werben. Aber eins müssen sie ganz sicher nicht: deutsch sein.