Archiv für Januar 2012

Karla Schmidt, Die Rote Halle

rotehalle

Ich finde es ja meistens albern, wenn Rezensenten schreiben, dass sie „nicht zu viel über die Handlung“ verraten wollen, um den Lesern nicht die Freude an der Lektüre zu nehmen. Im Falle von Karlas neuem Buch, Die Rote Halle, geht es mir aber ausnahmsweise auch einmal so, dass ich nicht zu viel über die Handlung verraten will. Das Buch ist einfach zu schön exakt aufgebaut, die Offenbarungen und Pointen sind zu punktgenau gesetzt, als dass man etwas davon vorweg nehmen wollte. Vorweg nehmen kann und darf man das eine oder andere über die Figuren:

Die Hauptfigur ist Janina, Mitte 30 und Mutter eines fünfzehnjährigen Sohns, diffus unglücklich über ihre eigene Mami-haftigkeit, auf der Suche nach einem Stück verlorener Jugend. Wunderbar gelungen an dieser Figur ist, dass ihr ein ganzer Haufen glaubwürdiger Schwächen mitgegeben werden (viel Angst und körperliche und soziale Unsicherheit), ohne dass sie dabei schwach erscheint oder handlungsunfähig wird und ohne, dass die Geschichte zu einem Vehikel wird, das nur dazu dient, sie über sich selbst hinauswachsen zu lassen. Janina ist tatsächlich mal eine ganz normale Hauptfigur, die unter Extrembedingungen glaubwürdig reagiert – verstört, mal unentschlossen, mal überstürzt und bisweilen einfach falsch, aber mit dem Nachdruck eines Menschen, für den wirklich alles auf dem Spiel steht.

Als Nebenfigur am interessantesten Fand ich Janinas Ex-Freund Josef Rost, einen körperlich in sich zusammenfallenden Tanztheaterregisseur am Rande des Wahnsinns, der sich über sein Krankheitserleben in eine schon fast magische Trance hineinsteigert, die ihn mal wie einen übermächtigen Zauberer wirken lässt, nach dessen Willen die Welt sich fügt, und mal einfach nur bemitleidenswert. Bei dem ist es ziemlich unglaublich, wie tief man in diese total kaputte Figur, furchteinflößende Figur eintaucht und wie genau man plötzlich begreift, was in ihm vorgeht. Das ist nicht nur jemand, bei dem man ein wenig mitleidig versteht, was das Leben aus ihm gemacht hat (ein Monster), sondern jemand, der bis zum Ende noch in diesem Leben steckt und handelt (ein Mensch).

Es gibt auch ein Monster in dem Buch, aber hier fängt jetzt das Zu-weit-Vorgreifen an …

Und ein paar Worte zum Setting und zu den Gimmicks: Verlassener Flughafen Tempelhof. Geisterhafte Sichtungen hinter schalldichten Glasscheiben. Mit Latexhaut bespannte Bühne. Schauspieler, die zur Kostümierung in die Häute frisch geschlachteter Schweine eingenäht werden. Und immer wieder Momente des Body Horror, die sehr eindringlich vermitteln, wie die Wahrnehmung der Figuren angesichts einer Schockerfahrung ins Surreale kippt: Menschen, die bei der Folter ihren Körper verlassen (kein bisschen Erleichterung beim Leser, sondern zusätzliche Verstörung), Verletzungen in Zeitlupe, Momente der Lähmung …

Auf jeder Ebene Thema ist: In seinem Körper fremd sein, zuhause sein, seines Körpers mit Gewalt beraubt werden, den Kontakt zu seinem Körper wiederfinden oder aufgeben … ein Motiv, das ziemlich viel Horror, aber letztlich auch eine schöne Katharsis hergibt.

Insgesamt für mich Karlas bisher bester, weil konzentriertester und von den Figuren her klarster und eindringlichster Roman – einzige Minuspunkte sind ein etwas blasser, spät eingeführter Kommissar, der mehr Raum erhält als nötig und vor allem dem Zweck dient, noch ein paar lose Enden zu verknüpfen, die auch lose hätten bleiben dürfen, und ein, zwei Momente, in denen das Buch etwas zu rasch und gefällig Erwartungen bedient. Wunderbar dafür der makabere Humor, der immer glaubwürdig in der Situation und den Figuren verankert bleibt und die ansonsten enorm grausige Geschichte verdaulich macht und eine ordentliche Spaßkomponente ins Spiel bringt. Und natürlich: Spannend. Habe ich in nur drei Tagen gelesen, was bei mir eine absolute Seltenheit ist.

Also: Dicke Empfehlung für Thriller- und Horrorleser und für Leser sowieso!

Über Markolf Hoffmann

Markolf Hoffmanns neuer Roman, das Jugendbuch Ines öffnet die Tür, erscheint diesen Monat. Ich habe ein Vorabexemplar ergattert und mit viel Genuss und Erheiterung gelesen – ein sehr ruhiges, etwas altmodisches Stück Jugend-Fantastik mit einer kleinem Prise sozialem Realismus und vielen skurrilen Details. Anlässlich dessen habe ich auf meinem englischsprachigen Blog einen längeren Text über den Autor veröffentlicht.

K.J. Parker: Purpur & Schwarz erschienen

Noch ganz kurz vor Jahreswechsel ist die Briefnovelle Purpur & Schwarz von K.J. Parker bei Golkonda erschienen. Die Übersetzung stammt aus meiner Feder – und es handelt sich um den bislang ersten und einzigen Fall, in dem ich einen Verleger fast schon bekniet habe, dieses ganz bestimmte Buch für ihn übersetzen zu dürfen, und meinen Wunsch erfüllt bekommen habe!

purpurschwarz

K.J. Parker ist eine meiner absoluten Lieblingsautorinnen, von der u.a. einer der beiden mehr als 2000-seitigen Fantasy-Zyklen stammt, die ich nicht nur bis zum Ende durchgehalten, sondern dabei auch maßlos genossen habe (namentlich die Engineer-Trilogie, die es leider nicht auf Deutsch gibt). „Fantasy“ ist dabei etwas irreleitendes Attribut, denn Parkers Werke spielen zwar allesamt in Sekundärwelten, allerdings gibt es dort im Allgemeinen weder Monster noch Magie. Dafür allerdings jede Menge Menschen, die meist einen scharfen Verstand haben, eine Reihe höchst idiosynkratischer Unzulänglichkeiten oft emotionaler Art aufweisen sowie über einen knochentrockenen Sinn für Humor verfügen.

In Purpur & Schwarz geht es darum, dass politischer Idealismus manchmal mehr mit politischen Realitäten zu tun hat, als einem lieb sein kann. Es geht darum, was es für eine Freundschaft bedeutet, wenn sie zu einem nicht geringen Teil auf der Abmachung beruht, dass man gemeinsam die Welt verändern will – und wenn jemand sich Jahre später auf die Buchstaben dieser Abmachung beruft. Es geht in dem Buch tatsächlich sogar ein bisschen um mich. Ich weiß wirklich nicht, wie die Autorin das alles über mich rausgefunden hat …