Archiv für April 2012

Phantastische Literatur aus Afrika

Wie bin ich eigentlich darauf gekommen, Moxyland zu lesen? Weil ich zuvor für den Shayol-Verlag die Satzkorrektur des Buchs Phantastische Literatur aus Afrika von Christian Hoffmann gemacht habe. Das ist jetzt erschienen und sehr zu empfehlen, falls man sich Lesestoffmäßig mal ein bisschen abseits der gewohnten Kost umschauen möchte. Der Inhalt besteht im Prinzip aus einer ganzen Reihe Essays zu AutorInnen aus verschiedenen afrikanischen Ländern, wobei der Begriff der Phantastik recht weit gefasst wird. Nicht akademisch, trotzdem klug und und lässt sich wunderbar weglesen. Einzig die Einleitung von Alexander Kellner finde ich nicht so gelungen – da wird ein bisschen sehr selbstgefällig vom postkolonialen hohen Ross über rassistische Afrikabilder hergezogen. Obwohl dabei eine Menge Richtiges gerade über Exotismus und affirmativen Rassismus gesagt wird, reproduziert Kellner mit seinem Pochen auf „ich als Ethnologe weiß es besser“ dann doch wieder bloß die Zugriffsgeste des Spezialisten. Irgendwie gut gemeint und trotzdem leicht, daneben, finde ich. Das sind aber nur zehn Seiten, und dann folgt Haufenweise Informatives zur Literatur!

Lauren Beukes, Moxyland

moxyland

Moxyland ist ein saucooler Near-Future SF-Roman über saucoole junge Leute, der damit eigentlich so gar nicht in mein Lese-Beuteschema passt. Coole junge Leute in Büchern reden ja immer so fuckin‘ prätentiös, und dann haben sie auch noch viel mehr Sex mit viel mehr verschiedenen Leuten als ich, und das mit so einer lapidar-angstfreien Einstellung dazu, das macht sie mir schon mal grundsätzlich unsympathisch.
Das trifft alles auch weitgehend auf die Hauptfiguren in Moxyland zu, ich musste also fröhlich links und rechts und quer über meinen Schatten springen, um dieses Buch anzufangen, weiterzulesen und die Lektüre zu beenden. Gemacht habe ich das vor allem, weil es in Südafrika spielt und von einer südafrikanischen Autorin geschrieben wurde und ich gerade voll auf diesen authentischen Charme stehe. Es hat sich dann auch gelohnt, das Buch ist durchaus gut.
Wie schon erwähnt geht es um die Sorte junge Leute, die man, wenn man an der UdK Berlin studiert hat, wohl empathisch als Prekariat bezeichnen würde: Eine analoge Kunstfotografin im digitalen Zeitalter, die sich einen Gen-Cocktail reinfährt, der sie zum lebenden Werbeträger macht; Ein sensationsgeiler, aber trotzdem irgendwie total lässiger Blogger; Ein politischer Aktivist, hauptberuflich; Eine aufstiegsorientierte Programmiererin bei einem Schweinekonzern. Wie es die postmoderne Netzwelt will, sind die alle in komplizierter Weise miteinander verschaltet, verstrickt, verkoppelt. Als Inventar kommen hinzu: Handys, die als Ausweis, Existenzberechtigung und polizeiliche Überwachungsapparate zugleich fungieren; Genmanipulierte, intelligente Polizeihunde; Allerlei Spielwirklichkeiten von der ultrabrutalen bubblegum-farbenen VR für Sechsjährige bis hin zur Terroristenjagd in der U-Bahn als Real-Life-Rollenspielerfahrung. Alles verdichtet zum Bild einer polizeistaatlichen Informationsgesellschaft, die nicht mehr, wie im Cyberpunk, postapokalyptisch anmutet, sondern als blühendes Fortwähren der permanenten Katastrophe des Jetzt-Zustands auftritt. die Zukunft ist, wie es jetzt auch ist, nur mit neuen Apps.
Was tun diese Leute? Einer von ihnen, der Berufsaktivist Tendeka, arbeitet im Auftrag einer ihm nur aus Online-Games bekannten grauen Eminenz namens skywards* an einer ganz großen symbolischen Aktion gegen den Status Quo. Um die Sache durchzuziehen, muss er alle seine Kontakte spielen lassen – und so werden alle Figuren des Romans in seinen Versuch verstrickt, dem Polizeistaat die ohnehin ziemlich fadenscheinige Maske vom Gesicht zu reißen. Sofern sie es nicht ohnehin schon sind, denn natürlich schließt sich der eine oder andere Kreis, die Programmiererin, die für’s Schweinesystem arbeitet, weiß eigentlich mehr, als sie weiß, der politisch unzuverlässige, aber beim Scheißen bauen immer dabei-e Blogger erfüllt Multiplikatorfunktionen … Niemand weiß so richtig, was er oder sie warum und für wen tut, aber alle strampeln sich aktivistisch und/oder selbstverwirklichend ab. Unschwer zu erkennen: Etwas ist da eingefangen, das man auch als BerlinerIn kennt. Dafür, dass dem Buch das gelingt, hat es schon mal einen ganz dicken Stein im Brett, der die saucoolness der Protagonisten mehr als aufwiegt. Der zweite Stein: Was zwei Drittel des Buchs lang als lustiges buntes Schillern zwischen Kultur, Marketing und Kleinkriminalität erscheint, wird zum Ende hin ein richtig mieses Spiel mit Toten. Der Titel Moxyland, der den im Roman nur am Rande auftauchenden Onlinespiel für Grundschulkinder entliehen ist, verrät das Programm des Romans: „Alles so schön bunt hier … aargh, meine Gedärme!“
Was dann aber wieder Schade ist, wie diese Unübersichtlichkeit am Ende sauber eingeschnürt wird – natürlich laufen die Fäden irgendwo zusammen, und natürlich steckt hinter dem zum Terror eskalierten politischen Idealismus in Wirklichkeit eine von den Herrschenden™ bewusst betriebene Politik der Erzeugung und Verwaltung von Angst. Im Klappentext heißt es: „Who’s really in charge? You have no fuckin‘ idea“, nur hab ich’s ganz ehrlich die ganze Zeit geahnt. Die Feststellung, dass alle irgendwie mit drinstecken beim Schweinesystem wird in die Vorstellung übersetzt, dass alle irgendwie gelenkt werden von den Machthabern im Schweinesystem. Das ist eine wackelige bis unwahrscheinliche These über die Funktionsweise von Gesellschaft, deren Begründung dann auch eher mit diffusen Phrasen angedeutet wird. Wahrscheinlich sollte die Geschichte am Ende rund werden, wie man das eben von Geschichten erwartet. Aber das Runde mutet hier doch eher platt an, sodass man letztlich „nur“ einen etwas abgdrehten Polit-Thriller gelesen hat. Ist ja auch was, aber ich hätte lieber noch mehr von der glänzend fiktionaliserten Unübersichtlichkeit der Wirklichkeit gelesen als deren fiktive Bündelung.
Fazit: trotzdem Gut, und auch sprachlich (auf so eine prätentiös-hippe Art) höchst gelungen.