Archiv für Mai 2012

Marcus Hammerschmitt, Nachtflug

nachtflug
Jetzt ist er auch bei mir eingetrudelt, der von mir lektorierte und bei Shayol erschienene Erzählungsband Nachtflug von Marcus Hammerschmitt. Die lakonischeTitelgeschichte, die bei mehrmaligem Lesen immer lustiger wird, gab es bereits vorab in der Jungle World. Wie auch die restlichen Geschichten hat sie mir viel Freude und Schmerz bereitet – alles, was ich bisher von Marcus Hammerschmitt gelesen habe, tut auch immer mindestens ein bisschen weh, weil er nämlich so unglaublich gut darin ist, Menschen zu zeigen, die verstrickt in unmenschliche Systeme ganz selbstverständlich das scheinbar vernünftige tun und dabei hinter jede Erwartung an Humanität zurückfallen. Besonders gelungen, ätzend und tragisch: Die Novelle „Die Lokomotive“, in der ein Ingenieur in einem sozialistischen Kleinstaat alles, aber auch alles tut, um seinen Staatsbürgerpflichten gerecht zu werden – wobei ihm immer ein ganz kleiner, belangloser und nicht mal verwerflicher Betrug im Nacken sitzt und ihn von einer Schandtat zur nächsten treibt. Im besten Sinne auch übel die kleinen, kalten Grotesken „Glatze“ und „In der Zentrale“, und ein kleines bisschen menschlicher, humor- und geheimnisvoller „Vanille“. Richtig schönen Postapokalypse-Wahnsinn bietet „Reinhold Messner überlegt den Dritten Weltkrieg“, aber auch diese Geschichte ist kein reines Mutantenkabinett, sondern geht einmal mehr um den ruhigen Wahnsinn eines Menschen, der sich mit einer absurden Welt abfindet. „Die Gilde“ zeichnet ein verstörendes Bild von der gedankenlosen Arroganz einer kryptofaschistischen kulturellen Elite, „Das Büro“ legt die ganze Gewalt des Wissenschaftsbetriebs offen, „Evo“ und „Staub“ sind klassische, böse gewendete SF-Visionen von der Weiterentwicklung der Menschheit. Nur „Der Ethiker“, in der deutsche Militärs unter Aufsicht einer Ethikkommission internationale Terroristen in Pressearbeit ausbilden, ist zwar auch eine gute Geschichte, war mir persönlich aber einfach zu viel mit der schmierigen, widerwärtigen Hauptfigur und dem Autounfall-Hinstarr-Effekt …

Wir sind immer noch außer uns vor Glück

marusek

Für die Übersetzung von David Maruseks Erzählungen in dem Band Wir waren außer uns vor Glück, erschienen im Golkonda-Verlag (wo sonst?), wurden Jasper Nicolaisen und ich mit dem Kurd-Laßwitz-Preis ausgezeichnet. Das ist um so toller, weil damit nicht nur unsere Arbeit gewürdigt wird, sondern auch die der Lektoren Andy Hahnemann und Hannes Riffel (ich sag nur Bejing). Und schließlich hätte die Übersetzung der Geschichten von David Marusek schwerlich preiswürdig sein können, wenn Maruseks Geschichten es nicht schon an sich wären.

Mission 2312

2312

Endlich darf ich verraten, was mein nächster Übersetzungsauftrag ist: Kim Stanley Robinsons neuer Science-Fiction-Roman 2312. Ich habe gerade erst in die ersten fünfzig Seiten reingeschnuppert, die sich, wie man von KSR erwarten darf, ganz wunderschön ruhig und teilweise fast ein wenig lyrisch (ach, dieser sonnendurchwaberte Prolog!) lesen – und gleichzeitig so spannend sind, dass ich durch den ersten Übersetzungsdurchgang trotz sprachlich anspruchsvollem Text wahrscheinlich nur so durchfliegen werde, einfach weil ich wissen will, wie es weitergeht!
Eine wirklich erstaunliche Fähigkeit von KSR ist es, auf eigentlich recht engem Raum ungeheuer viele Einzelheiten über eine Zukunftswelt zu vermitteln, ohne dabei zu dozieren und ohne dass die Informationen irgendwie gedrängt wären. Im Gegenteil, das Buch liest sich wie gesagt sehr ruhig und legt den Schwerpunkt auf die Figuren. Und trotzdem sind auf 50 Seiten schon eine Stadt, die den Merkur auf Schienen umrundet, um dem tosenden Feuer der Sonne zu entgehen, Naturkünstler, Sonnenläufer, künstliche Ökosphären in ausgehöhlten Asteroiden, rhetorikbegeisterte und minderbemittelte KIs und ein anscheinend subtil aber nachhaltig verändertes Wirtschaftssystem eingeführt. Aufgefallen ist mir das eigentlich erst, als ich meiner Freundin von dem Buch erzählt und dabei festgestellt habe, dass ich gar kein Ende fand …
Bei all dem lässt Robinson den Leser nicht im Regen stehen – tatsächlich erscheint mir 2312 (soweit ich das nach den ersten paar Kapiteln beurteilen kann) wie ein im besten Sinne leichtes Buch, das mit den denkbar klarsten und schönsten Mitteln genau das sagt, was es zu sagen hat, ohne jede Geheimniskrämerei, aber auch ohne jede Geschwätzigkeit.

So sehr habe ich mich schon lange nicht mehr auf die Arbeit gefreut!
Falls die Mayas sich geirrt haben, erscheint 2312 im März 2013 bei Heyne.