Archiv für Juni 2012

Benjamin Stein, Replay

Nach Moxyland blogge ich nun zum zweiten Mal über einen Roman, zu dessen Lektüre ich mich ein Stück weit überwinden musste; Diesmal, weil Replay von Benjamin Stein meinen wohltrainierten Abwehrreflex gegen Bücher ausgelöst, die ich verdächtige, sich bei den Themen der Science Fiction zu bedienen, sich von ihr gleichzeitig als Hochliteratur abzugrenzen und dabei aufgrund reiner Unkenntnis im Endeffekt weit hinter die durch gute SF gesetzte Standards zurückzufallen. Der Satzbau verrät, dass es sich um ein verwickeltes Vorurteil handelt, deshalb habe ich redlich versucht, es auszublenden.

replay

Replay dreht sich um den Softwareingenieur Ed Rosen, der aufgrund eines lebenslangen Traumas – er ist mit einem starren Auge zur Welt gekommen, durch das er sich entstellt fühlt – ein Seh-Implantat erfindet, es im Selbsttest an sich ausprobiert und damit die technische Grundlage für eine gläserne Zukunftsgesellschaft bereitstellt, in der alle Wahrnehmungen und Erinnerungen nicht nur aufgezeichnet werden, sondern auch beliebig wiederhol- und zum Teil variierbar sind. Diese Gesellschaft vereint zwei altbekannte SF-Motive: Zum einen die Dicksche Unsicherheit über den Wirklichkeitsstatus des eigenen Erlebens, zum anderen die Orwellsche Totalüberwachung. Benjamin Stein gibt diesen Motiven einen durchaus reizvollen Twist: Er stellt die gesellschaftliche Veränderung als quasinatürlichen, marktdemokratischen Wandel dar und nicht als Unterdrückung von oben oder Manipulation durch eine Verschwörung.

Interessanter als die genaue Charakterisierung der ohnehin nur angerissen und auch nur aus sehr parteiischer Perspektive vorgestellten Zukunftsgesellschaft ist aber eigentlich das seltsame libidinöse Verhältnis, in dem Ed Rosen zu ihr und zu seiner gesamten Umwelt steht. Rosen wird als typischer verklemmter Intellektueller eingeführt, dem sein eigener Körper ein Feind ist. Über die Beziehung zu seiner fitnessbegeisterten Freundin und über die Notwendigkeit, sich für sein Implantats-Selbstexperiment fit zu machen, entdeckt er aber eine narzisstische Lust, die sich erst auf seine Füße bezieht und dann auf seinen ganzen Körper ausdehnt, vor dem Makel seines starren Auges jedoch haltmacht. Der wird erst durch das künstliche Auge behoben, das ihn dann zum Prototyp der miteinander verschalteten Menschheit macht. Ab da richtet sich seine libidinöse Energie dann auf die Durchdringung seiner Selbst mit anderen, die ihn in einen Taumel zwischen Macht- und Abhängigkeitsgefühlen stürzt. Dabei springt immer wieder ein furchteinflößender bocksfüßiger Pan als Verkörperung bedrohlicher sexueller Lust durchs Bild, der sich zum Ende hin ganz buchstäblich als Projektion von Ed und als möglicher Ausweis der Fiktivität seines gesamten Erlebens entpuppt.

Die symbolische Rahmung für diese Ereignisse liefert der Roman zu Beginn, wenn Eds Bar-Mizwa-Lehrer ihm vom Höllenreich Sheol erzählt, das die Menschen nach ihrem Tod durchwandern müssen und in dem all ihre Sünden sich als Gebrechen an ihren Körpern manifestieren – Ed fühlt sich zu Beginn selbst im Sheol, gezeichnet durch sein starres Auge. Indem Ed sich durch Training und Technik von seinen körperlichen Makeln befreit, könnte man vermuten, entkommt er auch dem Sheol, doch stattdessen ist Eds mal feindseliges, unterworfen-unterwerfendes, mal narzisstisches Verhältnis zu seinem Körper gerade die Hölle, die er sich selber macht und in der er den gesamten Roman verlebt. Das ist ein interessanter Gedanke, das gefällt mir an dem Buch (ich habe ihn ja auch selbst hineininterpretiert).1

Man sieht schon, thematisch finde ich die Verknüpfung von Sexualität, Selbstzurichtung und libidinöser Besetzung der Gemeinschaft wirklich spannend, dafür hat sich die Lektüre durchaus gelohnt. Andererseits ist Replay aber auch nerviges, irgendwie eingebildetes Buch voller hochtrabend schwafelnder männlicher Philosophen und Genies (ächz, diese Schachpartien zwischen Ed und Matana, geht es bitte noch etwas aufgeblasener und klischeemäßiger?), voller Frauen, die entweder ein tiefer, dunkler Abgrund oder eine reizvolle Oberfläche sind und voller Ideen, die sich selbst zu wichtig nehmen, weil, und damit sind wir wieder am Anfang: Weil der Autor wahrscheinlich einfach nicht weiß, dass sie so neu nicht sind. Letztlich erinnert Replay gewaltig an Dicks Ubik (das auch in einer Art Hölle spielt und Interessanteres mit dem abgeschmackten Motiv der unergründlichen Weiblichkeit anstellt), ist aber weniger surreal, weniger witzig und weniger vielschichtig. Als besondere Fehlleistung empfinde ich es dann noch, dass Julian Assange in relativ prominenter Rolle als Anführer einer Widerstandsbewegung gegen die gläserne Zukunftsgesellschaft eingeführt wird – da heischt das Buch für mein Gefühl doch sehr plump und unbedarft um politische Relevanz.

Da das Buch mit rund 170 Seiten recht schmal ist, hat sich die Lektüre gelohnt, mehr hätte aber auch tatsächlich nicht sein müssen.

  1. Auch interessant ist, dass Eds Vorgesetzter Matana, der weit stärker entstellt ist als Ed, sich anscheinend absolut selbstsicher und mit seinem Körper im Einklang fühlt und deshalb nicht durch die Hölle geht, sondern durch das Leben. Andererseits ist Matana gerade der, der Ed auffordert, sich „vorzeigbar“ zu machen, ein gesundes Verhältnis zu seinem Körper zu entwickeln – und der ihn zu dem Selbstexperiment überredet, das die menschliche Gesellschaft revolutionieren wird. [zurück]