Dietmar Dath, Pulsarnacht

Den Dath habe ich ja eine Weile links liegen lassen, nachdem ich irgendwo in Abschaffung der Arten steckengeblieben war. Das war mir zu dick und zu voll mit Arten, lauter Lebensformen mit Lebensweisen, die man erst einmal begreifen musste, bevor man sich auch nur ansatzweise einen Reim auf das machen konnte, was sie gerade taten …

Pulsarnacht habe ich dagegen in 3 Tagen weggelesen, was zugegebenermaßen auch an meinem süffigen Weihnachtsurlaub gelegen haben mag. Süffig ist auch Pulsarnacht, ein Far-Futre-Roman mit einer zwei Galaxien umspannenden Menschenzivilisation, zu Unrecht als echsen- und hundeartig bezeichneten Alienvölkern, Raumbewohnern, Stargates (okay, Athotüren), Bewusstseinsspeicherung und kosmischen Umwälzungen. Mit Humor und mit interessanten Figuren in vernünftigen Konflikten – also in solchen, in denen jede Seite vernünftige Gründe für ihre Position anbringen kann, weshalb eine Lösung, bei der eine Seite allein gewinnt, nur reaktionär sein kann (Dath bleibt eben Marxist und Darwinist).

Neben den intelligenten, kompetenten, leidenschaftlichen Hauptfiguren, mehreren knackigen Kampfszenen, bestaunenswerten Dysonsphären mit gefalteten Räumen und lustigen Begegnungen mit Möchtegern-Weltraumdiktatoren in Phantasieuniformen ist an dem Buch vor allen Dingen toll, wie es Geschichte und Fortschritt als eine Art leicht verknotetes altmodischen Telefonkabel (ihr wisst schon, diese geringelten Dinger) darstellt. Es ist eigentlich nie ganz ersichtlich, ob es gerade vorwärts oder rückwärts geht, und obwohl Wiederholungen des Bekannten einen zu der Vermutung verleiten könnten, dass die Geschichte ein Kreislauf wäre, der jedes Mal wieder an den Anfang zurückkehrt, handelt es sich in Wirklichkeit immer um Schlaufen, die sich vielleicht auch mal in älteren Schlaufen verhaken und sie mit nach vorne ziehen, letztlich aber doch etwas anderes als das Vorangegangene bleiben und sich zu noch etwas anderem entwickeln. Die Rollen der Herrscher und Beherrschten, der der Daheimgebliebenen und der Exilierten, werden dabei zwar regelmäßig neu verteilt, aber auch das geschieht nicht nach irgendeinem abstrakten Umschlagmodell, in der die Schweine von Heute die Schinken von Morgen und die Schlachter von Übermorgen sind; es handelt sich vielmehr um einem tatsächlichen politischen Wandel, der mit Verfügung über Technologien, Wissen und Machtmittel zu tun hat und nichts mit plattgetretener Geschichtsphilosophie.

Man kann über dieses Buch gar nicht schreiben, ohne überquellende Sätze zu schreiben, weil es nämlich selbst auf jene wunderbare Art überquillt, die für ganz außergewöhnlich gute, maßlos überdeterminierte SF typisch ist. Es ist ein schönes Buch. Es ist ein trauriges Buch. Es ist ein Knall-Bumm-Buch. Bitte lest es!


10 Antworten auf “Dietmar Dath, Pulsarnacht”


  1. 1 Frank Böhmert 12. Januar 2013 um 12:49 Uhr

    Ich habe deine Empfehlung sicherheitshalber nicht zuendegelesen – weil ich die PULSARNACHT nämlich gerade schon genieße! Ein Hammer und ein toller Schmöker, das Buch! Und das sage ich als jemand, der bisher keins von Daths Büchern gelesen hat. Der Roman erinnert mich angenehm an intelligente Space Operas, die ich als junger Erwachsener gelesen habe; Delanys NOVA etwa und die Geschichten von Cordwainer Smith.

    Also, Leute: Ich unterstütze Jakobs dringende Leseempfehlung!

  2. 2 Administrator 12. Januar 2013 um 18:44 Uhr

    Jau, an Delany musste ich auch denken. Was man vorwegnehmen kann: Im Nachwort schreibt der Autor, dass er mit dem Buch eine Art Dialog zwischen Werken von Robert A. Heinlein und Joanna Russ versucht hat. Ich bin mit beiden Autoren gar nicht so besonders gut vertraut, aber rein von der politischen Spannweite zwischen den beiden ist das auf jeden Fall eine spannende Idee.

  3. 3 Frank Böhmert 15. Januar 2013 um 12:10 Uhr

    Ich habe das Buch zwar erst zu zwei Dritteln durch, aber heute schon mal einen Nominierungsvorschlag für den Kurd-Laßwitz-Preis 2013 abgegeben. Sicherheitshalber. Man vergisst sowas ja gern.

  4. 4 Administrator 15. Januar 2013 um 13:09 Uhr

    Damit ist dann schon mal gesichert, dass das Buch es in die Vorauswahl schafft, meine Stimme hat es auch!

  5. 5 Frank Böhmert 15. Januar 2013 um 13:29 Uhr

    Drei Einzelvorschläge braucht ein Buch, glaube ich, um sicher dabeizusein. Bei zweien kann es in manchen Jahren passieren, dass die Vorauswahljury noch dafür votieren muss, und das klappt nicht immer.

    (Ist ein fließendes Verfahren, abhängig von der Anzahl der vorgeschlagenen Werke.)

  6. 6 Gerda Hanebuechen 16. Januar 2013 um 13:03 Uhr

    Ich finde das Buch nicht schlecht geschrieben, aber im Gegensatz zum Jahrhundertwerk „Die Abschaffung der Arten“ sehr sperrig. Vielleicht hat sich Dath hier (anders als im Arten-Buch und auch in „Für immer in Honig“) doch zu weit von aktuellen Gestalten der Lebewesen und der Gesellschaft entfernt? Irgendwie fehlt mir der Anknüpfungspunkt. Würde mich darum über weitere Hilfestellungen, Kommentare, Leseerfahrungen freuen.

  7. 7 Administrator 16. Januar 2013 um 16:43 Uhr

    „Abschaffung der Arten“ und „Für immer in Honig“ habe ich beide auf der Hälfte aufgegeben, weil ich einfach nicht mehr mitkam. „Pulsarnacht“ finde ich viel verständlicher, vielleicht, weil ich die SF-Protokolle, die er da befolgt, so gut kenne. Bewusstseinsspeicherung? Check. Vorläuferzivilisationen? Check. Sternentore? Check. Koniken? Okay, der Begriff war mir neu, aber das Problem der Zeitdifferenzen in galaktischen Reichen: Check. Ein gewisser Militarismus in den Köpfen einiger Hauptfiguren? Check. Das sind so viele Punkte, bei denen ich mich in meinen Lesegewohnheiten abgeholt gefühlt habe, und gleichzeitig so viele Punkte, die Dath ein Stück weiterentwickelt, dass das Buch für mich die perfekte Mischung aus Unterhaltung und anregendem Gedankenspiel darstellt.
    Vielleicht hängt es ja einfach daran, dass „Pulsarnacht“ (neben „Das versteckte Sternbild“) sein „reinster“ SF-Roman ist.

  8. 8 Frank Böhmert 20. Januar 2013 um 21:07 Uhr

    Molo hat jetzt auch PULSARNACHT zur Nominierung vorgeschlagen – damit ist der Dath drin:

    http://molochronik.antville.org/stories/2149529/

    Besten Gruß,
    Frank

  9. 9 Frank Böhmert 21. Januar 2013 um 22:30 Uhr

    Gerda, ich habe jetzt in meinem Blog mal beschrieben, wieso ich PULSARNACHT genießen kann. Vielleicht hilft’s:

    http://frankboehmert.blogspot.de/2013/01/wie-man-ein-kompliziertes-buch-wie.html

  1. 1 Matthias Falke, Ruinenwelt « Jakobs Blog Pingback am 17. Februar 2013 um 18:51 Uhr
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