Archiv für Februar 2013

Matthias Falke, Ruinenwelt

Nachdem Dietmar Daths Pulsarnacht mich kürzlich derart vom Hocker gerissen hat, dachte ich mir, dass ich auch mal wieder einem „kleineren“ Deutschsprachigen SF-Autor die Chance geben könnte, mich positiv zu überraschen. Mit Ruinenwelt ist das Experiment geglückt: Von der Idee, dem Aufbau der Geschichte und der Entfaltung des wissenschaftlich-fantastischen (ja, der anheimelnde und etwas angestaubte Klang dieser beiden Worte trifft es ganz gut) Motivs war ich tatsächlich positiv überrascht. Andererseits ist mir extrem sauer aufgestoßen, wie die Figuren gestrickt sind. Auch, was die stilistischen Qualitäten des Romans angeht, bin ich gespalten: Falke wechselt in schöner Regelmäßigkeit zwischen wunderschönen, melancholischen Beschreibungen einer toten, fremden Welt einerseits und Stilblüten und fremdschaminduzierenden, schmierigen Metaphern bei der Beschreibung von Menschen und ihren Handlungen andererseits.

Die Handlung, die ein bisschen nach einem frühen Lem-Roman klingt, ist schnell zusammengefasst: Ein Forschungsshuttle des Raumschiffs Marquis de Laplace landet auf dem verlassenen Planeten 3Alpha-X (ja, echt, so heißt der, und der Erzähler erklärt einem auch, warum das die astronomisch korrekte Bezeichnung ist) und kann nicht wieder starten, weil auf der Planetenoberfläche offenbar andere Naturgesetze gelten, die alle komplexeren Maschinen unbrauchbar machen. Das Forschungsteam entdeckt Gänge mit Computeranlagen, bei denen es sich offenbar Hinterlassenschaften einer längst ausgestorbenen Zivilisation handelt. Bald bahnt sich innerhalb des Außenteams ein Konflikt darüber an, ob man seine Energien eher in die Erforschung der Ruinen stecken sollte, oder besser alle Anstrengungen darauf richten, den Planeten zu verlassen – für ein Entkommen gibt es nämlich nur ein Zeitfenster von wenigen Wochen, bevor das Mutterschiff durch irgendein Hyperraum-Wurmloch oder so auf Nimmerwiedersehen verschwinden wird. Erzählt ist das ganze aus der Ich-Perspektive des Kommandierenden Offiziers Frank Nilsson (auf den Klappentexten zu anderen Romanen der Reihe heißt er komischerweise Norton), der versucht, das Team irgendwie beisammenzuhalten und sicherzustellen, dass nicht nur dem Forschungsauftrag genüge getan wird, sondern auch alle am Ende auch wohlbehalten heimkehren …

Zuerst einmal das Positive: Die trostlose, leicht unheimliche Atmosphäre der titelgebenden Ruinenwelt fängt Falke in zum Teil wunderschönen Bildern ein. Das liest sich dann zum Beispiel so:

Die letzten bogenförmigen Ausläufer der toten Sonne waren untergegangen. Die Dämmerung hatte sich dadurch geringfügig vertieft. Wenn man auf den Boden sah und den Augen Zeit ließ, sich an das schwache und zugleich diffuse Licht zu gewöhnen, schienen die Felsbrocken in intensivem Violett zu leuchten. Wie faust- oder kopfgroße Kristalle von Permanganat nahm ihr dichtes Schwarz dann einen geheimnisvoll um die Bruchkanten spielenden Purpurton an. Im Norden waren einige Sterne sichtbar geworden. Von den wenigen streifigen Wolken, die den Himmel verkratzten, war der zinnoberrote Nachhall des unwirklichen Sonnenuntergangs abgefallen. Sie zogen sich in stumpfem Kobaltblau über den Zenit, der nach Süden und Westen hin in unwesentlich helleres Blaugrau überging. Der Wind schien mir aufzufrischen. In plötzlichen eruptiven Böen rempelte und stieß er die Planen des Kuppelzeltes.

An den Einzelheiten einer solchen Beschreibung gibt es durchaus was zu meckern – der um die Bruchkanten spielende Purpurton muss ja nun nicht unbedingt auch noch „geheimnisvoll“ sein, und Böen, die plötzlich und eruptiv sind, erscheinen mir nicht mehr nur doppelt-, sondern eher dreifachgemoppelt. Aber Bilder wie das von den „streifigen Wolken, die den Himmel verkratzten“, machen das für mich mehr als wett, und insgesamt finde ich die Passage atmosphärisch sehr dicht. Derartige Glanzmomente gibt es in Ruinenwelt immer wieder, wenn die schroffe Welt 3Alpha-X beschrieben wird. Ansonsten neigt Falke manchmal zu gewundenen Beschreibungen (Handbewegungen, die die Figuren machen, werden meistens entweder umständlich erklärt, oder sie sind einfach nur ein „Good-to-go-Zeichen“, was mir persönlich nicht das Geringste sagt). Aber all das sind eigentlich Lektoratsfehler, über die man mit etwas gutem Willen locker hinwegsehen kann.

Über den zweiten positiven Aspekt des Romans, nämlich das Geheimnis, das sich hinter den „Blaue Kammern“ genannten Computerhöhlen der Vorläuferzilisation verbirgt, will ich mich hier gar nicht weiter auslassen. Die Idee ist nicht ganz neu, wird aber hübsch erkenntnistheoretisch ausgearbeitet und wartet mit ein paar originellen Schnörkeln auf. Das hat vielleicht nicht die Schuhgröße von Lems Solaris, aber durchaus eine ähnliche Hausnummer. Vor allem verteilt Falke die Erkenntnisfortschritte so gut über den mit über 300 Seiten nicht ganz dünnen Roman, dass trotz wenig Action immer eine gute Grundspannung bestehen bleibt – da folgt tatsächlich ein Problem recht logisch aus dem anderen, und der Autor muss keine völlig unerwarteten Komplikationen aus dem Hut zaubern, um die Lage der Protagonisten zu verschärfen. Ein Buch mit einem langsamen, aber stetig anziehenden Spannungsbogen.

Was mich an Ruinenwelt aber wirklich fertiggemacht und mich bisweilen fast dazu gebracht hat, meinen teuren E-book-Reader an die Wand zu pfeffern, waren die Figuren. Das fängt mit Commander Nilsson oder Norton an und hört mit ihm auf und lässt sich in den Worten „Sexismus“ und „autoritärer Charakter“ sehr schön zusammenfassen. Das wäre an sich überhaupt nichts Schlimmes, wenn die Figuren des Romans beispielsweise nur Pappkameraden wären, die den nötigen Technobabble ausspucken und die nötigen Handlungen vollführen, um die Geschichte in Gang zu halten. Es wäre auch nicht schlimm, wenn Nilsson/Norton erkennbar ein unzuverlässiger Erzähler wäre, der aus purer Selbsteingenommenheit alle anderen Expeditionsteilnehmer als Feiglinge und Vollidioten hinstellt. Aber beides ist nicht der Fall: Der Roman legt tatsächlich großes Gewicht darauf, die Reaktionen der Expeditionsmitglieder auf den zunehmenden existenziellen Druck glaubwürdig zu schildern, und er präsentiert den Erzähler Nilsson als sozial kompetenten Tatmenschen, dessen Glück und Leid wir trotz einiger kleiner Charakterfehler (wie zum Beispiel pathologischer Misogynie) offenbar mitfühlen sollen, und der zum gelungenen Abschluss seiner Mission Applaus und einen Orden verdient.

Wie gesagt, nichts gegen Hauptfiguren mit Fehlern. Nichts gegen unsympathische Hauptfiguren (Immerhin ist eine meiner Lieblingsromangestalten der abscheuliche Massenmörder Kellhus aus Scott Bakkers Prince-of-Nothing-Trilogie). Aber ein Ich-Erzähler, dessen hasserfüllte Perspektive mir derart penetrant nicht nur als „normal“, sondern auch als sozialverträglich aufgedrängt wird, ist mir ein bisschen zu viel des Schlechten …

Ich versuche mal, die Gründe für meinen Rant zu spezifizieren:

Erstens: Jill Lambert. Das ist die schrecklich ängstliche Ko-Pilotin des abgestürzten Forschungsshuttles, bei der Nilsson/Norton von Anfang an seine Zweifel daran hegt, ob es klug ist, sie auf eine gefährliche Mission mitzunehmen. Obwohl er selbst sie (anscheinend gegen ihren Willen) mit auf die Mission beordert hat, bringt er in der Folge in regelmäßigen Abständen seine Verachtung für sie zum Ausdruck, beschwert sich, dass sie die Mission in Gefahr bringt und macht sie mit kleineren und größeren Gemeinheiten zur Schnecke. Gegen Ende tritt Nilssons unterschwellige Aggression gegen Jill dann offen zutage:

Sie plärrte jetzt hemmungslos. Dazwischen fuchtelte sie mit den Armen und verzerrte das Gesicht zu entstellenden Grimassen. Vor genau dieser Szene hatte ich seit zehn Wochen Angst gehabt. Plötzlich warf sie sich mir entgegen, trommelte mir mit ihren kleinen spitzen Fäusten gegen die Brust und schrie auf mich ein, wobei mir Tränen, Rotz und Speichel ins Gesicht flogen.
»Daran sind Sie schuld«, gellte sie. […] Weiter kam sie nicht. Auch meine Selbstbeherrschung ist irgendwann am Ende. Ich knallte ihr eine, dass sie um die eigene Achse wirbelte und lang hingeschlagen wäre, wenn Jennifer sie nicht aufgefangen hätte. Die Kleine brüllte irgendetwas, das nicht zu verstehen war. Es waren keine menschlichen Laute mehr, die sie von sich gab. Jenny legte schützend den Arm um sie und zog sie von mir fort. Im gleichen Augenblick tat sie mir schon wieder leid.

Da ist wirklich alles drin: Nilsson, der sich selbst als unangreifbaren Berg empfindet (das Bild wiederholt sich noch expliziter an anderer Stelle), der sich geradezu vor diesem weinerlichen Etwas ekelt, das eigentlich schon kein Mensch mehr ist, und es aus einer Position überlegener Stärke mit einem wuchtigen Schlag zunichte macht. Das Mitleid, dass Nilsson am Ende der Passage äußert, hat dabei nichts mit Reue zu tun und führt auch zu keinerlei Wiedergutmachungshandlung. Für’s Trösten der geschlagenen Jill ist stattdessen Nilssons Verlobte Jenny zuständig. Wer erwartet, dass die ihm hinterher die Leviten für seinen Gewaltausbruch lesen wird, hat sich getäuscht: »Es war ein harter Tag für dich«, sagt sie stattdessen wenig später „sanft“ zu ihrem Verlobten und tröstet auch ihn nicht etwa über seine nichtvorhandenen Schuldgefühle hinweg, sondern darüber, dass alle anderen ihm das Leben so schwer machen. Schön auch eine Szene, in der Nilsson die verängstigte Jill brutal niederblafft und dem Leser anschließend verkündet, dass seine eigene Angst immer in dem Moment verfliegt, in dem er in dieser Weise „Verantwortung für andere übernehmen“ muss. Schon klar, Verantwortung übernimmt man, indem man nervigen Weibsstücken den Kopf geraderückt. Schön auch, dass Jill öfters salopp als „die Kleine“ bezeichnet wird, und schön, dass sie natürlich irgendwann die hauswirtschaftliche Betreuung des Basislagers als ihre Berufung entdeckt (wobei sie von Nilsson nicht mal gönnerhaft-patriarchale Anerkennung dafür erhält).

Zweitens: Alle anderen Männer. In Gedanken ist Nilsson beständig mit der Abwertung seiner Expeditionskollegen beschäftigt – sagt einer etwas Kluges oder setzt gar sein Leben für die Mission aufs Spiel, nötigt ihm das vielleicht auch einmal Respekt ab, der aber mit dem nächsten Satz schon wieder verspielt sein kann – wie zum Beispiel beim wissenschaftlichen Offizier Legrand, über den Nilsson nach einer ihm nicht gefälligen Bemerkung sinniert: „Der aus Erbarmen mit seinem verausgabten Zustand gespeiste Respekt, den ich für ihn empfand, schlug um in Verachtung. Er war ein Bürokrat, ein Forschungsbeamter, der sich bis zur Karikatur mit Formalien und Formulierungen beschäftigen konnte, aber keine ausgewachsene Vision zustande brachte.“ Ich dachte immer, dass man seinen Kollegen in einem Arbeitsverhältnis zumindest dem Anspruch nach prinzipiell mit Respekt begegnet. Nilsson bringt als Grundhaltung dagegen Verachtung für alle anderen Teilnehmer seiner Mission zum Ausdruck und macht sich bestenfalls mal Sorgen, dass sie mit überlegenem Wissen ihm gegenüber brillieren und damit seinen Status ankratzen könnten. Für den Fall hat er dann noch „ein paar besonders fiese Psychotricks“ auf Lager, wie er einmal stolz verkündet. Auch die Existenzialurteile über andere („Er war ein Bürokrat“) sind typisch für den Ich-Erzähler: Ständig werden Menschen (typischerweise negativ) einsortiert, und nie kommen Nilsson ernsthafte Zweifel an der Gültigkeit seiner ad-hoc-Urteile.

Drittens: Jennifer, seine Verlobte. Na schön, die verachtet er nicht, sie ist ja auch klug und schön und, wie er irgendwann mal einräumt, „eigentlich die Stabilere von uns beiden“. Trotzdem oder gerade deshalb ist sie ausschließlich damit beschäftigt, Nilsson bei seinen kindischen Kompetenzrangeleien und seinen Versuchen psychischer Gewaltanwendung moralisch zu unterstützen. Mehrmals gibt es die beknackte Formulierung, dass sie ihm „jubelnde Blicke“ zuwirft, während er gegenüber einem anderen Mann mit überlegener Logik oder Rhetorik oder einer halbschlauen Idee auftrumpft (einmal „taucht“ er sogar „in Jennifers jubelnder Blick“ ein, brrr, schmier, schmier!). In einer Szene, die sogar richtig gut hätte sein können, aber leider endgültig ins Widerwärtige kippt, erlebt Nilsson sich aus Jennifers Perspektive – da fühlt sie sich einsam und sieht ihn als ungehobelten Klotz, der nicht zum Ausdrücken von Emotionen fähig ist. Aber anstatt das als Kritik der Figur gelten zu lassen, zeigt Jennifer sich in der Folge Nilsson gegenüber um so verständnisvoller und hilft ihm, die schwere Bürde des Mannseins zu schultern. Eine Idolosierung der Stand-by-your-Man-Ehe, bei der es einem kalt den Rücken runterläuft: Wenn er ein eingebildeter Scheißkerl ist und Frauen gerne mal eine scheuert, heißt das eben nur, dass er es schwer hat im Leben.

Viertens: Der Sexismus in diesem Buch. So ganz allgemein. Tut. Wirklich. Weh! Da kommt dann allen Ernstes ein Satz wie: „Frauen sind in solchen Momenten weniger skrupulös als wir“ vor, den ich als dumme Verallgemeinerung aus Nilssons Perspektive ja noch durchgehen lassen würde, der aber dadurch geradezu abstrus wird, dass der Erzähler hier offenbar als Leser prinzipiell einen Mann voraussetzt – und noch dazu einen, der in so eine anbiedernde sexistische Kumpelei miteinbezogen werden möchte. Von solchen Aussagen über „Männer“ und vor allem „Frauen“ ist das Buch voll. Dazu kommen die zahlreichen Bilder, bei denen Frauen als etwas beschrieben werden, was an Männern dranhängt oder von ihnen abprallt/abgleitet (dauernd „hängt sich“ Jennifer völlig unmotiviert an Nilssons Schulter, und einmal, als er sich im Bett aufrichtet, heißt es: „Sie glitt an meiner Seite hinunter wie eine Lawine, die sich von einer Bergflanke löst.“ Ganz zu schweigen davon, was für eine bescheuerte Metapher das schon ohne die sexistische Konnotation ist.)

Was Ruinenwelt in Bezug auf Geschlechterverhältnisse so schmerzhaft macht, ist eigentlich die Glaubwürdigkeit der Perspektive des Ich-Erzählers. Das Buch könnte wirklich eine hervorragende Charakterstudie eines von Frauenhass zerfressenen, eitlen kleinen Mistkerls sein, der sein ganzes Selbstwertgefühl aus seinem militärischen Rang bezieht und ab und zu darunter leidet, dass es eben hart ist als Mann in einer Männerwelt, wo man sich dauernd beweisen muss. Aber weil alle Figuren um Nilsson herum darauf ausgelegt sind, die Legitimität seiner Haltung zu bestätigen, verpufft jedes kritische Potential der Darstellung, und was bleibt, ist das Gefühl, einen Abend bei einem CSU-Stammtisch verbracht zu haben.

Als durchdachte, etwas altmodische SF mit einigen wirklich schönen, kosmischen Naturbeschreibungen kann ich Ruinenwelt empfehlen. Man muss aber schon einen Haufen Toleranz oder Ignoranz mitbringen, um den sexistischen und teilweise fast schon menschenfeindlichen Grundton des Romans an sich abgleiten zu lassen. Ich war froh, als ich dieses Buch hinter mir hatte, aber auch ein wenig traurig – von Falkes Ideen und von seinen hier und da durchaus großartigen Bildern würde ich gerne noch mehr lesen. Wenn ich mir dazu aber jedesmal eine Dosis heftiger Misogynie reinziehen muss, passe ich doch lieber.

Kij Johnson, At the Mouth of the River of Bees

Die meisten Geschichten in diesem Storyband haben Tiere im Titel – darunter Affen, Füchse, Katzen (4x), Pferde, Drosseln, Fische, Bienen, Wölfe, Ponys und Hunde – und handeln davon, wie Tiere stellvertretend für Menschen etwas Ausdrücken, wie Menschen und Tiere einander verändern, wie es sich anfühlt, Angst vor Tieren zu haben oder ein Tier sein zu wollen. Etwa die Hälfte von ihnen hat mich nachhaltig beeindruckt – erfreulicherweise waren das tendenziell die längeren Geschichten, weshalb sicher gut 2/3 dieses Storybands ein Genuss für mich waren.
Die meisten der Geschichten haben ein fantastisches Element, einige wenige („The Horse Raiders“, „Dia Chjerman’s Tale“, „The Man who Bridged the Mist“) spielen in echten SF- bzw. Fantasy-Sekundärwelten, aber die genretreue ordnet Johnson klar den Erfordernissen der jeweiligen Geschichte unter. Manchmal besteht das fantastische Element einfach nur in einem einzigen starken Bild – beispielsweise in dem Titelgebenden „River of Bees“, ein wogender, summender Strom aus Bienen, dem die Protagonistin benommen-betört bis zu seiner Mündung folgt.

Zu den herausragendsten Geschichten des Bands gehören für mich:

Die im mythischen Japan angesiedelte Fantasy-Novelle „Fox Magic“, in der eine Füchsin eine Scheinwelt erschafft, um einen menschlichen Liebhaber zu verführen, und sich selbst in ihr verstrickt – das Wechselspiel zwischen Illusion und Wirklichkeit wird mit einer Mischung aus Melancholie und Humor beschrieben; vor allem wirkt die Magie echt und glaubwürdig, gerade in ihren Tücken.

„Bitey Cat“, eine Geschichte um ein kleines Mädchen, das in einer absolut unerträglichen familiären Situation Hilfe von einer garstigen, bissigen Katze erhält. Eigentlich keine Fantasy-Geschichte; für mich hat sie sich so wirklich angefühlt, dass sie mir beim Lesen mitten auf dem Berliner Hauptbahnhof ein paar Tränchen entlockte.

„The Horse Raiders“, eine SF-Novelle, die sich um technologisch zurückgefallene Nomaden auf einem fremden Planeten und ihre Beziehungen zu den Tieren, mit deren Hilfe sie überleben, dreht. Ruhig und ein wenig unterkühlt erzählt, obwohl (bzw. wahrscheinlich gerade weil) das, was der Hauptfigur widerfährt, ziemlich traumatisch ist. Die Einfühlung in eine fiktive fremde Kultur gelingt Johnson so gut, dass man sie glatt mit Ursula K. LeGuin vergleichen möchte und sollte.

Am besten gefallen hat mir „The Man Who Bridged the Mist“ – fast ein kurzer Roman über Fortschritt und Liebe und darüber, wie beide radikale Eingriffe in die Lebensweise von Gemeinschaften bzw. Individuen darstellen. Obwohl es um den unwiederbringliche Verlust bestimmter Lebensweisen geht, ist die Geschichte erfreulicherweise kein bisschen technologiefeindlich, im Gegenteil. Was aber noch toller ist: „The Man who Bridged the Mist“ ist voll mit Figuren, die verantwortungsbewusst, liebevoll und nachsichtig handeln. Das zu schaffen, ohne in Kitsch und Gefälligkeit abzugleiten, ist wirklich eine herausragende Leistung. Eine der ganz wenigen Geschichten, die mit guten Argumenten den Glauben an die Menschheit aufrichten, weil sie glaubwürdige Figuren zeigt, die aus ihren Stärken heraus handeln und sich selbst und anderen ihre Schwächen verzeihen.

Ganz knapp auf Platz 2 kommt für mich die letzte Geschichte des Bands, „The Evolution of Trickster Stories Among the Dogs of North Park“, in der es darum geht, dass die Hunde mit einem Mal sprechen lernen, was das Verhältnis zu ihren Herrchen und Frauchen nachhaltig trübt. Die schräge Idee wird absolut nüchtern – und ernüchternd – umgesetzt, und die Geschichte ist bei allem Witz eher traurig und leicht verstörend als komisch.

Trotz drei oder vier schwacher Stories ein wahnsinnig gutes Buch. Nebenbei vermute ich stark, dass mindestens bei der Entstehung der letzten beiden Geschichten des Bands Donna Haraways feministische Trickstermythen im Spiel waren …