Kim Stanley Robinson, 2312

Diesmal keine Rezension: 2312 von Kim Stanley Robinson ist erschienen. Die deutsche Übersetzung stammt von mir (und das insbesondere in naturwissenschaftlichen Fragen unverzichtbare Lektorat von Birgit Herden).
Dieses Buch hat für mich nicht nur gut 4 Monate extrem fordernder und interessanter Arbeit bedeutet; Es ging mir auch persönlich ziemlich nahe, weil es sich unter anderem um die Frage dreht, ob und wie eine Liebesbeziehung gleichzeitig verbindlich sein kann und den Beteiligten nicht nur alte Freiheiten lassen, sondern neue geben kann. Die Liebesgeschichte, die Robinson erzählt, ist mit all ihren inneren Widersprüchen so ernst und glaubwürdig und steht den fingierten Beziehungskonflikten von Schnulzen der Marke True Blood so fern, dass sie die bestaunenswerten Planetenkulissen, vor denen sie spielt, fast schon zum Beiwerk macht. Nicht, dass der stahlflüssige Sonnenaufgang auf dem Merkur, ein Flug durch die zehntausende von Kilometer tiefen Sturmtäler des Saturn oder ein New York, das nach dem Anstieg des Meeresspiegels zum Venedig der Zukunft geworden ist, Bilder wären, die man so schnell vergisst.

2312 ist für mich einer der ganz großen optimistischen SF-Romane der Gegenwart, ein Buch darüber, dass der Mensch trotz aller Rückschläge ein gesellschaftliches Wesen bleibt, das prinzipiell über die Fähigkeit verfügt, sich seine Verhältnisse bewusst (besser) einzurichten; ein Buch darüber, dass auch die nichtmenschliche Welt der Steine, Tiere, Gasstürme und Qbits uns immer wieder Respekt abnötigt; darüber das wir hier sind, um sie zu verändern und uns von ihr verändern zu lassen; ein Buch nicht vom Erschrecken und Strampeln, sondern vom Abwägen, Handeln und Staunen.


5 Antworten auf “Kim Stanley Robinson, 2312”


  1. 1 Frank Böhmert 11. März 2013 um 9:46 Uhr

    Oh, das klingt so gut, wie ich gehofft habe!

  2. 2 Administrator 11. März 2013 um 9:52 Uhr

    Ja, ich kann mir vorstellen, dass dir der gut gefällt – da du ja mit dem Übersetzen von James Tiptree Jr. so viel Freude hast. Robinson schreibt zwar ganz anders, schafft aber etwas Ähnliches – bei allen fantastischen Einfällen ist er genau wie Tiptree immer sehr dicht an den Menschen, und die Menschen, egal was für ein fremdartiges Leben sie in was für fremdartigen Welten führen, sind immer sehr nah an uns dran. Wenn ich so etwas lese, bin ich tatsächlich geneigt zu glauben, dass es Autoren gibt, die ein besonderes Gespür dafür haben, was wirklich universell menschlich ist …

  3. 3 Lutz Gauer 05. April 2013 um 11:33 Uhr

    Wie sehr habe ich gute SF vermisst, jetzt ist endlich wieder ein veritables Häppchen da. Ich finde den Roman großartig, voller universeller Fragen, jenseits der technischen Ausgestaltung und natürlich bombig geschrieben bzw. übersetzt. Tatsächlich stimmt der Roman auch mich optimistischer, zwar geht die Erde zum Teufel (aber tut sie das nicht schon eine Weile), aber der Mensch entwickelt sich eben doch, dann halt woanders. Und, Last but not least, er wird einen Platz in unserer Buchhandlung finden, auch wenn die SF -Ecke praktisch nicht existiert.

  4. 4 Administrator 07. April 2013 um 19:42 Uhr

    Das freut mich zu hören! Ich bin ja der festen Überzeugung, dass 2312 eigentlich auch ein Buch ist, dass man getrost Nicht-SF-Lesern ans Herz legen kann – denn irgendwie ist es ja auch schlicht und einfach ein großer Roman über die Gesellschaft der Zukunft, genau, wie ganz viele Romane aus dem Literatursegment Bücher über die Gesellschaft der Gegenwart sind.

  5. 5 Peter Herfurth-Jesse 11. April 2013 um 9:56 Uhr

    Ich habe „2312″ gerade durch – und das Buch hat mich beinahe weggehauen. Weiteres vermutlich im nächsten fandom observer.

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