Archiv für April 2013

Jo Walton, In einer anderen Welt

Seit rund zwei Wochen versuche ich jetzt schon, über diesen tollen Roman zu bloggen, und fange immer wieder von vorne an, weil es einfach zu viele Zugänge zu In einer anderen Welt gibt, die alle an erster Stelle genannt werden sollten. Was die Autorin hier erstaunliches mit dem Genre macht. Wie es ihr gelingt, eine Offenheit für neue Leseeindrücke zu erzeugen, die weit über die Lektüre dieses einen Romans hinausreicht. Wie sie die Motive der Jugend-Fantasy vom Kopf auf die Füße stellt.

Weil ich das alles nicht sortiert kriege, fange ich einfach mit der Handlung an: Wales, 1979. Die fünfzehnjährige Mori flieht vor ihrer Mutter, einer Hexe, zu ihrem Vater, der für sie ein Fremder ist und bei seinen drei sonderlichen Schwestern lebt. Auf ihrer Flucht hat sie sich nicht nur eine Verletzung zugezogen und muss seitdem am Stock gehen, sie hat auch ihre Zwillingsschwester verloren.
Moris Verwandte schicken sie auf ein Eliteinternat. Da Mori am täglichen Sportunterricht nicht teilnehmen kann, zieht sie sich stattdessen in die Schulbibliothek und such Zuflucht in der Lektüre von Fantasy- und SF-Romanen …

Als Leser von Waltons in Tagebuchform verfassten Roman kommt man so in den Genuss von Moris leidenschaftlicher Auseinandersetzung mit der ganzen Bandbreite der SF und Fantasy der 60er und 70er. Ihre literarische Lichtgestalt ist Tolkien, gleichzeitig verehrt sie Heinlein, LeGuin und Delany, erfreut sich an Poul Anderson und Roger Zelazny und befasst sich mit Isaac Asimov und Philip K. Dick. Jedes Buch ist für sie ein Anlass, ihre Sicht auf die Wirklichkeit zu überprüfen, ist ihr Schlüssel, Anleitung oder Stein des Anstoßes. Das ist die erste großartige Sache an In einer anderen Welt: Wer als Teenager leidenschaftlich gelesen hat, wird in Moris Begeisterung und Ernsthaftigkeit nicht nur sich selbst wiederfinden, sondern sich auch daran erinnern, wie unglaublich wichtig Geschichten waren, um sich in der Welt zu verorten und eine eigene Ethik zu entwickeln, zu überprüfen und zu revidieren. Jo Walton hat ganz offensichtlich einen guten Draht zu ihrer inneren Fünfzehnjährigen, die eine sehr viel offenere, aufmerksamere und klügere Leserin ist, als die meisten Erwachsenen es sind, so wie die meisten fünfzehnjärigen Leserinnen und Leser wahrscheinlich offener, aufmerksamer und klüger an ihre Lektüre herangehen als Erwachsene – denn schließlich geht es für sie bei jedem Buch ums Ganze. Diese schon fast vergessene Bereitschaft zu neuen (Lese-)Erfahrungen hat mir In einer anderen Welt zurückgegeben.

Jo Waltons zweite großartige Leistung mit In einer anderen Welt besteht darin, das Genre des Fantastischen … na ja, nicht direkt neu zu bestimmen oder über sich hinauszutreiben, weil das nach einem lauten Knall oder nach einem heroischen Konzeptionsleistung klingt, während das, was in Waltons Roman mit der Fantasy passiert, eher ruhig vonstatten geht. Fantasy durchströmt dieses Buch, ohne jemals zum festen Bezugsrahmen zu gerinnen. In einer anderen Welt lässt sich ebensogut als Geschichte mit Hexen, Magie und Naturgeistern inerpretieren wie als mimetischer Roman, in dem Hexen, Magie und Naturgeister „nur“ Moris Bewältigungsstrategie für all den Mist, mit dem sie sich herumzuschlagen hat, darstellen. Doch der Roman macht kein Aufhebens um diese Frage, er fordert einem weder eine Entscheidung über die Natur der Wirklichkeit ab noch inszeniert er die Ambivalenz als unauflösliches Dilemma. Stattdessen schildert er Moris Welt einfach als magisch in dem Sinne, in dem die menschliche Welt eben immer mit Bedeutung aufgeladen ist, manchmal in klaren, symbolischen Relationen, manchmal diffus.
Diese Form der Magie ist auch nicht Ausdruck einer kindlichen Weltsicht, die dem rationalen Erwachsenen verlorengeht; sie ist die Wirklichkeit der Bedeutsamkeit der Dinge und Verhältnisse, und Erwachsenwerden im besten Sinne bedeutet, eine verantwortungsvolle Haltung zu den Dingen und Verhältnissen zu entwickeln. Zu Beginn des Buches steckt Mori bereits mittendrin in der harten Arbeit eines so verstandenen Erwachsenwerdens, und am Ende des Buches ist sie keinesfalls fertig damit.

Das hat dann wieder mit der dritten großen Leistung dieses Buches zu tun, damit, wie es das Hauptmotiv zahlreicher Jugend-Fantasy-Romane in ein neues Licht rückt: Der Idee, auserwählt zu sein und einer vom Schicksal bestimmten Liebe/Magie/Bürde teilhaftig zu werden, stellt Walton das Streben nach einem eigenverantwortlichem Handeln entgegen, welches der Verstrickung in Magie (also Bedeutung) und Kontingenz erstmal entrungen werden will. Hier wird nicht das Klagelied der ewigen Außenseiterin gesungen, und auch nicht das Epos von der Hand des Schicksals erzählt, die die einsame Heldin schließlich zu Glück und Anerkennung führt; Glück und Anerkennung sind in Moris Welt, genau wie in unserer, etwas, das nur zwischen Menschen hergestellt, bewahrt und immer wieder neu definiert werden kann, nicht durch Magie oder höhere Mächte. Die Arbeit nimmt einem keiner ab.

Viel zu kurz kommt bei allem, was ich jetzt geschrieben habe, dass In einer anderen Welt einfach ein tolles, ein lustiges, bezauberndes Buch mit einer starken und sympathischen Heldin ist, die das Beste daran verkörpert, fünfzehn zu sein und auf der Suche – offen, sehr ernsthaft, nicht ohne eine gewisse Arroganz, die zum Vertrauen in die eigene Urteilsfähigkeit dazugehört. Eine Erinnerung daran, was man aus dieser für viele sicher ziemlich verkackten Zeit seines Lebens mitnehmen kann.