Archiv für Mai 2013

Zachary Jernigan, No Return

Komisch, warum man ein Buch manchmal unbedingt lesen will – Cover und Klappentext von „No Return“ haben mich aus irgendeinem Grund an Roger Zelazny denken lassen, einen Autor, den ich in meiner Schulzeit zwar gelesen, aber nie so richtig genossen habe; irgendwie hatte ich immer das Gefühl, dass er großartig ist, ich ihn aber nicht verstehe. Diese Erfahrung hat bei mir den Wunsch hinterlassen, einen Autor wie Zelazny zu für mich zu entdecken, den ich verstehe. Und obwohl ich nach wie vor nicht weiß, ob Jernigan und Zelazny vergleichbar sind, habe ich bekommen, was ich wollte: Einen abgedrehten, sinnlichen SF-Fantasy-Hybriden mit rätselhafter Kosmologie, der mir Spaß gemacht und mich gelegentlich zum Staunen gebracht hat.

Im Prolog von No Return wird ein degeneriertes Volk beschrieben, das in einem abgeschiedenen Tag am Ufer eines Salzsees lebt – „perhaps the most beautiful lake in the world. A deep and flawlessly clear cerulean blue under the cloudless sky … the people neither fished nor set craft upon its surface. Now and then, they drank and collapsed on the shore, subject to visions induced by the ensorcelled liquid.“ Ein wunderbar dichter Einstieg, der nicht nur verrät, dass es auf dieser Welt verhexte Gewässer gibt, sondern auch eine Vorliebe der Talbewohner für psychotrope Substanzen andeutet. Tatsächlich trinken sie nicht nur verzaubertes Salzwasser, sie verzehren auch die Haut und die Knochen (nicht aber das ungenießbare Fleisch) der zahllosen mumifzierten Leichen einer älteren Vorgängerspezies, die über das ganze Tal verstreut liegen. Wir erfahren, dass ein solcher Reichtum an Älteren-Leichen überall anders auf der Welt als gewaltiger Schatz gelten würde (später im Buch stellt sich heraus, dass der Knochenstaub der älteren auf dem Rest der Welt als Währung verwendet wird); die Talbewohner wissen allerdings nichts davon, wie sie überhaupt von so ziemlich nichts eine Ahnung haben, weil der Verzehr der Älteren-Leichen sie nämlich nicht nur langlebig, sondern auch strohdumm macht. Anschließend erfahren wir, dass sie in einer diffusen, abergläubischen Furcht vor einer Ansammlung von Kugeln am Himmel leben, die immer wieder ihre Formation ändern. Schnitt zum Himmel: Dort schwebt Adrash, ein Wesen, das wie eine sexualisierte Mischung aus Zeus und Superman mit einer Prise alttestamentarischem Gott wirkt. Während er die Kugeln, bei denen es sich um Massenvernichtungswaffen handelt, über Jahrtausende hinweg immer wieder zu neuen Mustern ordnet, sinniert er darüber, ob er die Menschheit auslöschen oder weiterexistieren lassen soll.

Auf diesen ersten zehn Seiten wird der Leser nicht nur recht elegant in die Kosmologie der Welt Jeroun eingeführt, sondern auch auf einige wichtige Aspekte von Jernigans Roman eingestimmt. Macht, Lust, und moralische Autorität, wie sie sich im höchst fleischlichen Gott Adrash vereinen, bilden in dem Roman ein so dichtes und widersprüchliches Gefüge, dass der späte Foucault seine Freude daran gehabt hätte. Gleichzeitig verrät das Durcheinander aus magischem und technischem Vokabular, dass die erforderlichen Leseprotokolle für Jeroun zwischen SF und Fantasy changieren – wobei sich, ähnlich wie bei Gene Wolfes Book of the New Sun, gegen Ende des Romans die Hinweise häufen, dass wir es mit einer SF-Welt zu tun haben, die von ihren Bewohnern in magische Begrifflichkeiten gefasst wird. Die Genre-Ambivalenz ist erfreulicherweise nicht nur absolut organisch, sie stützt auch das Thema von (Selbst-)Auslieferung an magische/religiöse Kräfte vs. Eigenverantwortung und Urteilsfähigkeit.

Nach diesem intensiven und gehaltvollen Einstieg werden wir als erstes mit Vedas Tezul bekanntgemacht, einem „Black Suit“ – Angehöriger des Ordens der Anadrashiten, welcher seine Ablehnung des Gottes Adrash mittels mehr oder weniger ritualisierter Bandenkämpfe gegen die Adrashiten oder „White Suits“ zum Ausdruck bringt. Beide Orden tragen Anzüge, die aus der Haut von Älteren gefertigt sind, eine symbiotische Verbindung mit ihren Trägern eingehen und ihre Kraft, Schnelligkeit und Widerstandsfähigkeit steigern. Vedas ist ein treuer Gefolgsmann, der für seinen Orden lebt und sogar freiwillig sexuelle Enthaltsamkeit übt, um sich nicht von seinen Pflichten ablenken zu lassen. Kein blinder Fanatiker, aber durchaus eine Person mit stark eingeschränktem Horizont. In Begleitung der auf den Hund gekommenen Gladiatorin Churls und des magischen Konstrukts Berun, eines aus beweglichen Kupferkugeln zusammengefügten Golems, tritt er die weite Reise in die Stadt Danoor an, wo bei einem blutigen Turnier Schwarz- und Weißgewandete gegeneinander antreten, um symbolisch um die Vorherrschaft zu ringen.

Während der Reise nach Danoor muss man sich als Leser umstellen (was mir dummerweise erst verspätet gelungen ist). Ich habe damit gerechnet, das jetzt noch mehr Weltenbau und Kosmologie aufgefahren wird – stattdessen konzentriert sich der Roman aber auf die Entwicklung der Freundschaft zwischen Vedas, Churls und Berun. Jernigan erzeugt eine ziemlich interessante Dynamik zwischen den dreien. Churls begehrt Vedas sexuell, während Vedas, der offenbar unter einer tiefsitzenden Bindungsangst leidet, narzisstisch um seinen von dem magischen Anzug verstärkten Körper kreist – was Churls Begehren nur noch anheizt. Churls ist die erwachsene Figur in diesem Ensemble, fähig, über ihre eigenen Gefühle und die anderer zu reflektieren; mein erster Leseeindruck, dass es sich bei ihr um die weibliche Version des Klischees vom abgehalfterten Privatdetektiv handelt, hat sich glücklicherweise schnell zerstreut. Berun schließlich stellt eine interessante Variante des Androiden-als-Kind dar, sowohl fähig zu überraschender Empathie als auch zu überraschender Grausamkeit.

Es ist jetzt nicht so, dass No Return mit einem Mal zur Charakterstudie auf Samtpfötchen mutiert. Vedas, Churls und Berun schlagen sich auf dem Weg durchaus auch mal mit dem einen oder anderen blutdürstigen Geschöpf (oder Menschen) herum und lassen die Blicke über bizarre Landschaften oder über das seichte, von Ungeheuern wimmelnde und unbefahrbare Meer schweifen. Außerdem gibt es noch einen zweiten Handlungsstrang, der einen mit mehr Magotech und Kosmologie versorgt und der eher leisen Geschichte um Freundschaft und Begehren fast als eine Art Gegenthese eine wilde Mixtur aus Intrigen, Grausamkeit und schmierigem Sex gegenüberstellt (besonders schaurig-schönes Weltelement sind hier die diversen Varianten von Half- und Quarterbreeds, die mit Genmaterial der Älteren gezeugt werden und seltsame Mutationen wie lüsterne Zungen in den Handflächen oder Fäuste, die sich unter der Brusthaut abzeichnen, aufweisen). Dieser zweite Strang bleibt allerdings geographisch und auch inhaltlich fast vollkommen gelöst von der Geschichte um Vedas, Churls und Berun. Ein etwas versierterer Autor hätte die beiden Handlungsstränge sicher organischer ineinander greifen lassen; Jernigan verknüpft sie lediglich über die gemeinsame Welt und gemeinsame Themen, nicht aber auf der Handlungsebene. Da aber beide Stränge in sich schlüssig sind, hat mich das nicht besonders gestört. Etwas problematischer fand ich dagegen, wie subtil Vedas‘ Veränderung vonstatten geht, was zur Folge hat, dass sein Wandel in den Momenten, in denen er dann tatsächlich Überzeugungen umstößt und sein Selbstbild in Frage stellt, zu abrupt erscheint. Kann allerdings auch damit zu tun haben, dass ich eine Weile gebraucht habe, um mich umzustellen und zu kapieren, dass das Buch sehr viel mehr um den Mikrokosmos der drei Hauptfiguren geht als um den Makrokosmos der Welt Jeroun.

Insgesamt ist No Return ein wirklich gelungener (wenn auch nicht perfekt strukturierter) Roman mit einem eigenwilligen, sinnlichen Weltentwurf und Figuren, die sich beim Lesen gar nicht so leicht erschließen, aber nachwirken.Und auch thematisch holt Jernigan einiges aus dem Komplex Macht/Verantwortung/Sexualität heraus. Ein beeindruckendes Erstlingswerk. Ich weiß jetzt zwar immer noch nicht, ob es irgendwelche Ähnlichkeiten zwischen Zelazny und Jernigan gibt, aber immerhin habe ich letzteren für mich entdeckt!

Da war doch was …?

Richtig. Schlotzen & Kloben. Morgen um 20.15 in der Z-Bar. Von mir: Trauriger Text über einen Fahrradunfall und fröhlicher Text über seelensaugende Monster. Was will man mehr? Natürlich die Texte von Jasper Nicolaisen und Svenja Schröder. Bekommt man auch!