Archiv für Juni 2013

David Anthony Durham, Acacia

(Beitrag vom neuen Otherland-Blog)

Eine ganze Weile musste ich in mich gehen, um endlich ausführlich über Acacia von David Anthony Durham zu schreiben. Endlich habe ich mich mal wieder an eine Fantasy-Trilogie herangewagt, trotz meines grundsätzlichen Misstrauens gegen alles, was mit einem Volumen von über 500 Seiten daherkommt. Meinen spontanen Eindruck habe ich schon in Form eines Otherland-Lesetipps kundgetan: Durham hat einen intelligenten, sprachlich schönen, angenehm ruhigen Fantasy-Roman mit einem interessanten Figurenpersonal hingelegt. Ein paar Aspekte von Acacia lassen mir allerdings keine Ruhe (ob im positiven oder negativen Sinne hängt dabei maßgeblich von den nächsten beiden Bänden ab, die ich noch nicht gelesen habe).

Wer Wert darauf legt, vom Verlauf des Romans, vor allem von der Entwicklung der Figuren, vollkommen überrascht zu werden, sollte nicht weiterlesen; ich habe zwar nicht vor, mit Spoilern um mich zu werfen, aber der eine oder andere wird unvermeidlich sein.

Acacia spielt in einem Großreich, dass von der Dynastie der Akarans beherrscht wird, das auf einer mediterran anmutenden Insel residiert und den Rest der bekannten Welt mittels einer Droge namens „Nebel“ in seinem Bann hält. Um diese Droge zu bekommen und den Frieden mit dem Nachbarkontinent aufrechtzuerhalten, liefern die Akarans den rätselhaften Lothan Aklun regelmäßig ganze Schiffsladungen mit Kindern, deren Schicksal im Dunkeln bleibt. Klingt nach einem ziemlichen Schweineimperium, was? Nur dass König Leodan Akaran ein melancholischer Humanist ist, der sich dafür schämt, dass er nie den Mut aufgebracht hat, etwas am System zu ändern. Deshalb fasst er den Plan, seine vier Kinder in alle Winkel der bekannten Welt zu entsenden. Sie sollen jenseits des behüteten königlichen Mikrokosmos aufwachsen und dadurch eines Tages zu besseren, weiseren und mutigeren Herrschern werden. Wahrscheinlich hätte Leodan diesen Plan aus Angst um seine Kinder niemals umgesetzt, doch dann lehnt sich das Volk der Mein auf, dass vor Jahrhunderten nach einem Machtkampf in den unwirtlichen Norden verbannt wurde, und überrennt mithilfe seiner gruseligen kannibalischen Verbündeten und durch fiese biologische Kriegsführung das Imperium. Der engste Vertraute des Königs, Thaddeus Clegg (der als Verräter gleichzeitig für den Fall des Imperiums mitverantwortlich ist) gibt dem nach einem Giftanschlag im Sterben liegenden Leodan das Versprechen, seine Kinder in Sicherheit zu bringen.

Zehn Jahre später hat Hanish, der Anführer der Mein, es sich zusammen mit seiner Adelsschicht im warmen Acacia als neuer Herrscher gemütlich gemacht. Natürlich sind die Mein kein bisschen bessere Herren als die Akaraner und betreiben auch fleißig weiter Kinder- und Drogenhandel. Drei der vier Königskinder leben derweil versteckt in entlegenen Winkeln der Welt – der älteste Sohn, Aliver, bei einer Stammesgesellschaft, die Tochter Mena als Hohepriesterin eines grausamen Vogelgotts auf einer tropischen Insel, und der jüngste Sohn Dariel als Pirat, der der abscheulichen Seehandelsgilde ordentlich zusetzt. Nur die Flucht der ältesten Tochter Corinn ist missglückt; sie lebt als Trophäe an Hanishs Hof.

Der Hauptteil des Romans handelt davon, wie drei der Geschwister zusammenfinden und mithilfe der sozialen Bande, die sie in ihren jeweils neuen Leben geknüpft haben, eine Armee für den Aufstand gegen die herrschenden Mein sammeln. Parallel dazu wird Corinns Geschichte erzählt, die sich schließlich in ihr Schicksal als Gefangene im goldenen Käfig fügt (wobei sie – zumindest zwischenzeitlich – auch anerkennt, dass die Mein keine besseren oder schlechteren Herrscher sind als die Akaraner) und sich sogar in Hanish verliebt. Dumm nur, dass der sie eines Tages wird opfern müssen, um den Blutdurst seiner durch einen Zauberbann zu ewigem Unleben verdammten Vorfahren zu stillen …

Die Geschwister Dariel, Aliver und Mena sind die eindeutigen Sympathieträger in Durhams Roman und streben allesamt eine bessere, gerechtere Weltordnung an, als es sie je gegeben hat. Die Frage drängt sich auf, woher die drei diesen (durchaus praktischen) Idealismus beziehen. Zum einen rührt er natürlich von der humanistischen Grundbildung her, die ihnen ihr Vater hat angedeihen lassen. Entscheidend scheint aber zu sein, dass sie alle in kleinen Gemeinschaften aufgewachsen sind, in denen die Konsequenzen ihrer Entscheidungen für sie unmittelbar ersichtlich sind und auch Verantwortung für Missstände sich klar benennen lässt. Sie stellen damit die erfolgreiche Verknüpfung abstrakter Ideale, deren Herausbildung überhaupt erst durch die Existenz einer Herrscherschicht ermöglicht wurde, die sich dem ausgedehnten Müßiggang und der persönlichen Bildung widmen konnte, mit konkret erfahrener Solidarität dar.

Corinn dagegen, die weiterhin bei Hof lebt (wenn auch unter einem neuen Regime), bewegt sich in einem System, in dem Verantwortung nur schwer klar zuzuweisen ist, Sachzwänge regieren und Ungerechtigkeiten sich größtenteils außer Sicht ereignen. Die Herrschaft von Hanish Mein wird für sie ein dunkles Spiegelbild der Herrschaft ihres Vaters – das geht soweit, dass sie sich nicht bloß in Hanish verliebt, sondern sich durch ihn zwischenzeitlich bewusst an ihren Vater erinnert fühlt. Doch auf die Liebe folgt die buchstäbliche Enttäuschung, als Hanish sich zum Verräter an ihrer Liebe wandelt. Das grausame Herrschaftssystem sowohl der Akaraner als auch der Mein erscheint nun endgültig zur Kenntlichkeit entstellt. Corinn, die nie eine Alternative zum Leben bei Hofe kennengelernt hat, wandelt sich darüber zur Zynikerin, die erkannt zu haben meint, dass gutes Regieren nichts anders ist als eine möglichst effektive Verwaltung und straffe Kontrolle des Elends. In ihr verbindet sich die konkrete Regierungspraxis mit der vermeintlichen Abstraktheit des durch sie verursachten Elends.

Das Konzept dieser positiven und negativen Synthesen von Herrschaft und Freiheitsstreben ist interessant und mittels der Figuren auch gut umgesetzt – auch wenn die Figuren selbst dadurch gelegentlich etwas zu schematisch wirken. Tatsächlich sind Figuren wie der verräterische Berater Thaddeus und der designierte Thronerbe Aliver zu Beginn des Romans nuancierter gezeichnet, während sie zum Ende hin immer stärker auf eine bestimmte und bestimmende Eigenschaft festgelegt werden. Das ist der eine Aspekt, der mich an Acacia gestört hat: die psychologische Komplexität der Figuren (vielleicht mit Ausnahme von Corinn und Mena) nimmt tendenziell ab.

Ein zweiter störender Aspekt ist, dass die Schrecken der Herrschaft von Akarans und Mein nicht nur für die Königskinder abstrakt bleiben, sondern auch für die Leser. Der systematische Kinderraub und die Sklavenarbeit, die zahlreiche Untertanen des Reichs von Acacia leisten müssen, werden niemals greifbar, weil sie zu keinem Zeitpunkt Figuren betreffen, die einen Namen haben. Einerseits finde ich es sehr angenehm, dass sich Durham von der Grim’n Gritty-Welle abhebt, die die Fantasy durchschwappt und darauf abhebt, möglichst hart Dreck, Gewalt und Verrohtheit einer pseudomittelalterlichen Welt zu darzustellen. Andererseits ist es problematisch, wenn ein Roman einerseits nahelegt, dass zum Erkennen ungerechter Herrschaft die persönliche Erfahrung ein entscheidender Schritt ist, diese Erfahrung dem Leser aber andererseits vorenthalten wird.

Am nächsten kommt Durham der Darstellung eines grausamen Herrschaftssystems in dem Handlungsstrang um Mena, die durch einen seltsamen Zufall Hohepriesterin der rachsüchtigen Vogelgöttin Maeben auf einer kleinen Insel wird. Maeben zeichnet sich dadurch aus, dass sie mit Vorliebe Kinder raubt, und Menas Aufgabe als Hohepriesterin ist es, den Eltern ihren Verlust als schicksalhaft oder gar selbstverschuldet (weil sie es an der gebührenden Demut haben fehlen lassen) zu verkaufen. Der Kult um Maeben taugt damit als eine Art Miniaturversion der Akaraner/Mein-Herrschaft; deren Konsequenzen versucht Durham offenbar, für die Figuren und den Leser erfahrbar zu machen, indem er sie auf einen wesentlich kleineren, persönlichen Maßstab herunterbricht. Mena lernt, den Mythos von der Gottgegebenheit der Herrschaft zurückzuweisen (sie legt nicht nur ihr Amt als Hohepriesterin nieder, sondern zieht sogar aus, um ihre Göttin zu töten), macht sich dabei aber gleichzeitig wichtige Aspekte der Maeben-Religion zu eigen (Durham scheint dieses Motiv der Synthese von Elementen der Herrschaft und Befreiung wirklich zu mögen!). Dummerweise bleiben aber auch Maebens Raubzüge ziemlich abstrakt – irgendwann kommen mal trauernde Eltern vor, real wirkt das aber irgendwie nicht.

Natürlich handelt es sich bei dieser Kritik um Jammern auf sehr hohem Niveau. Es gibt sehr wenige Fantasy-Romane, die sich derart vielschichtig mit Herrschaft und ihrer Reformierbarkeit und/oder Abschaffung befassen; und dabei habe ich einen Haufen interessanter Aspekte und Figuren (allen voran Hanish und Thaddeus) kaum angesprochen. Dazu kommt, dass Acacia mit mehreren höchst unerwarteten und trotzdem glaubwürdigen Wendungen aufwartet, interessante Magie-Spielarten entwickelt und wirklich gut, streckenweise sogar wunderschön erzählt ist. Zuguterletzt stehen mir ja auch noch Band 2 und 3 bevor, die möglicherweise alles nachliefern, was ich in Band 1 vermisst habe. Vergleiche ich mit Acacia beispielsweise mit einem anderen großen Fantasy-Werk, R. Scott Bakkers Prince-of-Nothing/Aspect-Emperor-Reihe, stelle ich fest, dass Durham mir mit seiner ruhigen, sorgfältigen Reflektion deutlich mehr zu denken gibt als Bakker mit seiner apodiktischen Wucht.