Lektoriert und erschienen: ein totes im see‘bolo

Gecko Neumckes soeben in unserem Verlag das Beben erschienene Buch ein totes im see‘bolo war von allen Manuskripten, die uns Ende letzten Jahres hereingeflattert sind, sicher das überraschendste. Erst mal sperrig – hä, warum ist da alles klein geschrieben? Was sind das für komische Zwei-Silben-Wortbestandteile in schuh‘bolo, oldie‘gana, cono‘rüben, chip’sibi? Warum wimmelt es von lauter „Es‘“ statt „Ers“ und „Sies“? Da schwant einem Politisches …
Beim Weiterlesen wurde alles ganz schnell nicht absolut klar, aber doch irgendwie nachvollziehbar. Ich konnte mir einen groben Reim auf die sprachlichen Eigenwilligkeiten machen, begriff, wie die Protagonisten drauf sind und habe langsam angefangen, mich nicht nur ein bisschen zu amüsieren, sondern richtig breit über dieses Buch zu grinsen. Gnihihi, dachte ich mir, da lebt die Hauptfigur im schönsten Anarchokommunismus, und was denkt sie sich? Zum Beispiel das:

in den alten zeiten wär ich einfach müllmensch gewesen und gut, acht stunden keulen, dann feierabend. jetzt war der müll mein notwendiges viertel, und dann kam noch dieser quatsch mit dem repro und der politik und dem freien für mich. danke, santa frigga. keine ahnung, warum ich schon wieder so ne scheißlaune hatte

Oder: Gnihihi, diese knörzigen Altautonomen, die zwei Generationen später noch immer von der Niederringung des Kapitalismus rumpoltern wie irgendwelche Weltkriegsveteranen, die kenn ich doch auch. Und das mit der aufgehobenen Zweigeschlichtlichkeit war zur Abwechslung richtig schön locker und beiläufig erzählt. Vor allem aber hatte ich beim Lesen das Gefühl, dass es richtig Spaß machen würde, in so einer gut organisierten, aber leicht verpeilten befreiten Gesellschaft irgendwo zwischen William Morris und Elektrifizierung zu leben. Und den Spaß hatte ich auch beim Lesen. Wo gibt’s denn bitte so was, eine Utopie, in der das Leben nicht langweilig ist? In der Kinder ziemlich oft nerven, lästige Pflichten nur unter Maulen erledigt werden und plötzlich so aufschreckende und aufregende Dinge passieren wie ein Mord?

Irgendwann am Ende habe ich auch kapiert, dass die ganzen komischen Begriffe und die politische Organisation der geschilderten Gesellschaft maßgeblich auf dem Buch bolo‘bolo des ziemlich seltsamen Schweizer Autors P.M. beruht. Von P.M. hatte ich irgendwann mal Weltgeist Superstar gelesen und erinnere mich dunkel, dass ich zum Teil belustigt und zum Teil aus weltanschaulichen Gründen sehr verärgert darüber war. Zum P.M.-Fan hat es jedenfalls nicht gemacht, deshalb habe ich auch nie bolo‘bolo gelesen, obwohl das Buch so eine Art Bibel meiner Wagenplatz-FreundInnen war. Trotz dieser Bildungslücke habe ich ein totes im see‘bolo uneingeschränkt genossen und wollte es hinterher gleich noch einmal lesen.

Da traf es sich ganz gut, dass es sich um ein bei uns eingesandtes Manuskript handelte, das noch dazu dem ganzen Verlagsteam gefiel. Ich meldete mich also flugs freiwillig als Lektor und habe mich an den zweiten und dritten Lesedurchgang gemacht. Und zusammen mit Gecko natürlich noch ein bischen am Text rumgeschraubt, ihm hier eine Stelle ausgeredet und ihm da noch ein paar Absätze mehr abgeschwatzt. Dabei habe ich mal wieder gemerkt, dass ich gerne viel öfter Texte lektorieren möchte, weil das eine enorm interessante Art ist, sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Es geht dabei ja nicht nur darum, hier und da eine schönere Formulierung zu finden. Man muss sich immer fragen: Was ist das für ein Text, wie klingt der, was tut der, was gehört da rein und was sind Sachen, die da eigentlich nicht reingehören, dem Autor aber reingerutscht sind? Und gibt es darin Formulierungen, die nicht schöngemacht werden sollten, die hässlich sein müssen oder die man sogar noch hässlicher machen muss?

Die Lektoratserfahrung mit ein totes im see‘bolo war bisher meine angenehmste und befriedigendste – sicher auch, weil ich mir viele Gedanken über den Text machen konnte, ohne dem Autor letztlich mit besonders viel Änderungen aufwarten zu müssen. Das Meiste stimmte schon so, in aller Verschrobenheit, mit den Kleinbuchstaben, den komischen Zweisilbern, dem Plauderton der Figuren, den kleinen lieben und den kleinen makaberen Witzen … es ist einfach ein ganz tolles Buch, und ich wünsche mir natürlich, dass ganz viele Leute es lesen!

Hier geht’s zur Buch-Webseite und zur Leseprobe.


1 Antwort auf “Lektoriert und erschienen: ein totes im see‘bolo”


  1. 1 Frank Böhmert 14. März 2014 um 13:22 Uhr

    Das werde ich lesen wollen, wenn ich das näxte Mal zu euch in‘ Laden komme!

Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.