Gesehen: Grand Budapest Hotel

Ich bin ja jetzt nicht der große Kinokenner, und von Wes Anderson habe ich bisher auch nur drei Filme gesehen – den letzten davon, Grand Budapest Hotel, vergangene Woche. Den fand ich nicht nur wie die beiden anderen vergnüglich, irgendwas daran ging mir auch über den Kopf ans Herz oder umgekehrt.
Grand Budapest Hotel spielt in den 1930ern in irgendeinem fiktiven osteuropäischen Kleinstaat und handelt von dem Concierge M. Gustace, der mit Edelstahl- und Samthandschuh die Herrschaft über das titelgebende mondäne Hotel ausübt. Besonders reiche ältere Damen dürfen sich seiner Zuwendung erfreuen. Das Wolfbefinden seiner Gäste und Diskretion sind ihm dabei oberstes Gebot. Diese dienstbeflissene, strenge, schwuchtelige, bescheidene und eitle Figur gäbe in den meisten Geschichten einen trefflichen Schurken und Trickbetrüger ab, oder er wäre der Antiheld irgendeiner tumben Satire über bürgerliche Doppelmoral. In Grand Budapest Hotel jedoch nicht: Da ist M. Gustave der romantische Held eines fast durchweg romantischen Films.
Die Abenteuer, in die er zusammen mit seinem Schützling, dem Lobby-Boy Zero Mustafa verwickelt wird, drehen sich um die umkämpfte Erbschaft einer alten Dame, die häufiger Gast des Grand Budapest Hotel und Objekt von Gustaves Aufwartungen war. Das Schurkeninventar skrupelloser und brutaler Erbschleicher ist so überzeichnet, wie man das erwartet darf, und sorgt für das eine oder andere makabre Mord- und Fingerabhack-Zwischenspiel (allen voran der mit den eisenberingten Fingerknöcheln knackende und stählern grinsende Willem Dafoe); soweit ist das alles so wunderbar harmlos wie die Lektüre eines Jules-Verne-Romans. Der quietschbunte Kolportage-Charakter der ganzen Geschichte wird zusätzlich begünstigt durch die mehrfache fiktionale Verpacktheit der Geschehnisse – über den Anblick eines Denkmals werden wir zu einem Autor geleitet, dem ein erwachsener Zero Mustafa, der seinem jugendlichen Alter Ego seltsamerweise so gar nicht ähnlich sieht, die Geschichte seiner und Gustaves Abenteuer erzählt. Deutlicher ließe sich wirklich nicht signalisieren, dass die Historzität dieser Geschichte pure Fiktion ist, eine nostalgische Vision einer westlichen Zivilisation, deren Korrektheit und Diskretion nicht etwa Korsett oder Fassade ist, sondern ein hübsch verzierte, doppelflügelige Tür, hinter der für jeden die Freiheit eines verschwiegenen Zimmers bereitsteht. In der Anstand und Höflichkeit tatsächlich das sind, als was sie sich ausgeben – der Wille, allen in ihren Bedürfnissen gerecht zu werden und gleichzeitig niemandem näher zu treten, als er oder sie es wünscht. In der Exzentrizität der fundamentale Zustand des Menschen und sein wichtigstes und schönstes Recht ist.

Und dann kamen sie komischerweise trotzdem und um so heftiger, die Momente, in denen ich schlucken musste.

Zu Anfang wird noch die Macht dieser wunderschönen Art von Anstand ausgestellt – wenn etwa Gustave und Zero im Zug von Soldaten (Krieg droht!) kontrolliert werden, die den Einwandererjungen Zero abführen wollen. Nicht nur lehnt sich Gustave bestimmt gegen diese Ungerechtigkeit auf, und dank seiner guten Beziehungen zum Polizeikommandanten (Ed Norton mal als preußisch-zackiger, aber ebenfalls sehr anständiger Uniformträger) lässt er den miesen Soldatenhaufen auch ganz klein aussehen.
Etwa auf der Hälfte des Films erscheint die Zivilisation, für die M. Gustave steht, aber schon nicht mehr ganz so glanzvoll: Erstmals verliert Gustave die Contenance und fällt mit einer wüsten Tirade über seinen Lobby-Boy her, weil dieser sein liebstes Eau de Toilette im Hotel vergessen hat. Er beschimpft ihn als Barbaren, der wahrscheinlich stinkend unter Ziegen aufgewachsen ist und fragt, warum er überhaupt seine Heimat verlassen hat, in der ein primitiver Kerl wie er ja wohl weit besser aufgehoben gewesen wäre.
Zero erwidert darauf, dass er seine Heimat verlassen habe, weil seine ganze Familie im Krieg ermordet wurde.
Die Reaktion des zerknirschten Gustave, der sich sofort wortreich und hochoffiziell bei seinem Lobby-Boy entschuldigt und erklärt, dass ein solches Verhalten wie das von ihm an den Tag gelegte des Grand Budapest Hotels unwürdig sei, ist aber nicht in erster Linie wegen ihres überbordenden Gestus und ihrer Versöhnlichkeit so anrührend, sondern weil sie der Sache nach zutiefst angemessen ist.
Na klar, persönlich kann man Gustaves Ausfall verstehen, schließlich hat er gerade eine strapaziöse Flucht aus dem Gefängnis hinter sich. Aber der Zivilisation, wie sie durch ihn und das Grand Budapest Hotel vertreten wird, ist seine rassistische Tirade wahrhaft nicht würdig – so, wie unserer ganz realen Zivilisation ihr schmutziges Fundament aus Kolonialismus und Rassismus eigentlich nicht würdig ist. Es ist buchstäblich unanständig. (Klar, wortreiche Entschuldigungen helfen da auch nicht …)
Ohne diese Szene wäre der Film vielleicht eine allzu gefällige Romantisierung der Zwischenkriegszeit gewesen. Doch dieser eine Moment ist von einer echten Trauer darüber durchdrungen, dass die westliche Zivilisation nicht das einlösen kann, was sie zumindest ansatzweise einmal versprochen hat – anständig zu sein; jeden Menschen in seiner Exzentrität zu achten und eine schön verzierte Tür mit einem Zimmer voller Freiheit dahinter für ihn zu sein –, die wenig mit Nostalgie und viel mit der wirklichen Trauer über die allgemeine Bekacktheit der Verhältnisse zu tun.
Die wird einem dann zum Ende auch noch mal ziemlich brutal vorgeführt, wenn Gustaves Anstands-Macht vom Faschismus niedergewalzt wird, der halt doch stärker ist. Das ist schon fast ein bisschen zu dicke, man bekommt das Gefühl, dass Anderson einem jetzt plötzlich einen Strick daraus drehen will, dass man sich so lange an seinen harmlosen Späßen erfreut hat. Vielleicht dreht er sich aber auch nur selber den Strick. Jedenfalls ist auch das natürlich ein starker Moment, der einem durchaus ganz primitiv in die zuvor behutsam geöffnete Wunde haut.
Meine beiden Kinobegleiterinnen haben das übrigens nicht so intensiv empfunden wie ich. Wahrscheinlich ist hier also auch eine Menge Projektion am Werk. Andererseits verweist der Abspann darauf, dass der Film von den Werken Stefan Zweigs inspiriert sei. Den habe ich zwar nie gelesen, doch mein Google-Fu förderte zutage, dass Zweig in Die Welt von Gestern seinen Unglauben darüber kundtat, dass Europa nach dem ersten Weltkrieg nicht zu einem dauerhaften Frieden gefunden hat.


3 Antworten auf “Gesehen: Grand Budapest Hotel”


  1. 1 Zack 15. März 2014 um 19:34 Uhr

    Danke für die ausführliche Kritik! Mir gefiel der Film auch, aber mir ging es eher wie Deinen Begleiterinnen. Irgendwie blieb nach dem Film wenig in Erinnerung als die bunte Fassade…

  2. 2 Anubis 15. März 2014 um 21:21 Uhr

    Och, also wenn das Projektionen waren, dann hatte ich ganz ähnliche.

  3. 3 Administrator 16. März 2014 um 11:54 Uhr

    Das beruhigt mich, dass ich nicht ganz alleine dastehe, Anubis!
    Wobei die bunte Fassade in meinen Augen auch schon Grund genug ist, sich den Film anzusehen, wenn man so was mag. Diese Wes-Anderson-Ästhetik ist schon was sehr Eigenes, sollte man auf jeden Fall mal von gekostet haben.

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