Gesehen: Godzilla (1954)

Kindheitserinnerungen an: Grauhäutige Gummimonster in Karateposen! Poppige Musik! Der Kampfschrei eines rostigen Elefanten! Mechagodzillas Haut wird von Gozillas rakioaktivem Atem weggebrannt, und darunter ist: Metall!
Keine Kindheitserinnerungen an: Menschliche Figuren. Tragödien. Dialoge.

Komisch, komisch war es dann neulich, mir den Ur-Godzilla-Film von 1954 anzusehen. Irgendwie hatte ich den zwar auch schon mal gesehen, aber die Erinnerungen waren diffus. Inzwischen ist ja relativ bekannt, dass der erste Godzilla-Film eine Reaktion sowohl auf Hieroshima und Nagasaki als auch auf amerikanische Atombombentests im Pazifik war (zuvor geriet 1954 ein japanisches Schiff in den Wirkungskreis eines solchen Tests, was zahlreiche Besatzungsmitglieder das Leben kostete). Das vermittelt der Film auch ganz unsubtil: Godzilla, erklärt uns ein Wissenschaftler, ist eine Urzeitechse, die durch Atombombentests geweckt wurde und nun mies gelaunt durch den Pazifik wütet – erst terrorisiert „der Godzilla“ die Insel Odo, aber irgendwann, das steht fest, wird er sich Japan selbst und Tokio zuwenden. Dieses Szenario wird erst mal ganz in Ruhe aufgebaut, mit vielen Talking Head, die vor irgendwelchen Komittees leider völlig lächerlichen Wissenschafts-Babel ablassen (so soll Godzilla aus dem Jura stammen und 2 Millionen Jahre alt sein, und in seinem Fußabdruck wurde ein „Tribolit“ gefunden – da stimmt so ziemlich keine Zahl, und Buchstaben sind auch vertauscht. Aber das könnte natürlich auch der deutschen Synchronisation anzulasten sein). Schnell gibt es dann auch Konflikte zwischen den eitel dreinschauenden Generälen, die gleich losballern wollen und irgendwelchen Frauen, die anscheinend hauptberuflich Frauen sind und sich deshalb Sorgen machen, dass es noch mehr Tote geben könnte. Ganz traurig ist der alte Zoologe, dass diese erstaunliche Wesen sterben soll, gleichzeitig verkündet er aber auch unheilvoll, dass es ohnehin nicht totzukriegen sei, wenn man nicht Einblick in die Geheimnisse des Lebens selbst gewinne.
Die hat zufällig der junge, kriegsversehrte Wissenschaftler Serizawa, der insgeheim einen Sauerstoffzerstörer entwickelt hat, der im Wasser Blubberblasen macht und dabei alle Fische in Gräten verwandelt – und, so ist zu hoffen, alle Godzillas in Riesenskelette.

Nebenher gibt es eine tragische Liebesgeschichte um selbigen Serizawa und die ihm versprochene Tochter des Zoologen, Emiko, die eigentlich den Marineoffizier Ogata liebt – und er sie auch. Nur hält der Vater es mit den traditionellen Werten und stellt sich der jungen Liebe in den Weg.

Die eigentlichen Godzilla-Auftritte bleiben spärlich, sind aber überraschenderweise (und mit Ausnahme der ersten Sichtung auf der Insel Odo) ziemlich atmosphärisch inszeniert. Als schwarzer, pockennarbiger Gigant stapft das schwerfällige Ungetüm durch Tokio, lässt Züge entgleisen, setzt Häuser in Brand und zerstrahlt mit seinem radioaktivem Atem schon auch mal ziemlich krass eine Menschengruppe. Und bei aller Zerstörungslust ist das Bild völliger Vernichtung, das Godzilla hinterlässt, dann doch ziemlich verstörend, besonders, wenn man den historischen Hintergrund des Films im Hinterkopf hat. Da gibt es nicht nur plattgelatschte Häuser, sondern auch haufenweise Tote und Verletzte und noch dazu tödlich verstrahlte Kinder. Seltsam, wenn dann nach diesen eher nüchtern präsentierten Bildern mit einer ungeheuren Kinderchor-Kitschoffensive auf die Tränendrüsen gedrückt wird. Ich vermute mal stark, dass dieses Pathos schlicht und einfach authentisch war, heute wirkt es eher geschmacklos, besonders, wenn es der Anlass für den bis dahin noch zögernden Serizawa ist, die von ihm entwickelte ultimative Waffe gegen Godzilla einzusetzen – bis dahin waren nämlich seine Bedenken zu groß, mit dieser Erfindung des Schreckens an die Öffentlichkeit zu gehen, bevor er eine Möglichkeit gefunden hat, sie zu neutralisieren.

Das klingt jetzt alles ziemlich negativ, aber eigentlich hat mich der Film durchaus beeindruckt. Die Botschaft – Mensch, pass auf, wenn du dich mit den Urkräften der Natur einlässt, du wirst sie nie kontrollieren können! – kommt natürlich enorm plump daher, sie gewinnt aber durchaus Vielschichtigkeit durch die Debatten darüber, ob und wann es gerechtfertigt ist, Massenvernichtungswaffen zu entwickeln und einzusetzen. Godzilla ist dabei auch eher eine tragische Figur, auf keinen Fall böse. Eher ist er/sie (ich weiß es auch nicht, für mich eine Sie, im Film aber immer „der Godzilla“) ein Kollateralschaden der Atombombe und am Ende ebenso ein Opfer von Vernichtungstechnologie wie die Menschen selbst. Da kommt dann letztlich die zweite Botschaft bei raus, dass Krieg immer eine Tragödie ist, egal, wie richtig oder notwendig er erscheint. Auch das ist banal, aber von diesem Film schon ziemlich gut in Szene gesetzt.

Man sollte sich übrigens die japanische (teilweise nicht synchronisierte, sondern nur untertitelte) Langfassung spendieren. Aus der deutschen Synchronfassung hat man vor allem lange Debatten über den Einsatz von Massenvernichtungswaffen rausgeschnitten. Die sind in der japanischen Fassung zwar auch wirklich etwas ausufernd und pathetisch, doch andererseits kommen in ihnen einige wichtige Handlungselemente vor, die in der deutschen Synchronfassung unterschlagen werden – beispielsweise ist die Dreiecksstory um Ogata, Emiko und Serizawa in der Kurzversion gar nicht zu verstehen.

Auf jeden Fall ein Stück Filmgeschichte. Ich habe ihn übrigens vor allem deshalb angeschaut, weil im Mai ein neuer amerikanischer Godzilla-Film ins Kino kommt. Der Trailer macht einen vielversprechenden Eindruck, ein guter Regisseur und gute Schauspieler sind auch am Start, und glücklicherweise hat das Ding auch nichts mit Roland Emmerichs seelenlosem Machwerk von 1998 zu tun.


2 Antworten auf “Gesehen: Godzilla (1954)”


  1. 1 Anubis 19. März 2014 um 13:12 Uhr

    Man soll­te sich üb­ri­gens die ja­pa­ni­sche (teil­wei­se nicht syn­chro­ni­sier­te, son­dern nur un­ter­ti­tel­te) Lang­fas­sung spen­die­ren. Aus der deut­schen Syn­chron­fas­sung hat man vor allem lange De­bat­ten über den Ein­satz von Mas­sen­ver­nich­tungs­waf­fen raus­ge­schnit­ten.

    Schlimmer noch als die deutsche Synchronfassung: Die englischsprachige Version mit zusätzlichen Szenen für das US-Publikum, in der Raymond Burr als Erklärbär fungiert.

  2. 2 Administrator 19. März 2014 um 13:20 Uhr

    Hallo Anubis, habe mal deinen versehentlichen Doppelpost gelöscht!
    Die US-Fassung würde ich ja sogar gerne mal sehen, das klingt schon wunderbar skurril. Laut IMDB gibt es ja auch eine noch abstrusere italienische Verwurstung …

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