Gelesen: Ulrike Schmitzer, Es ist die Schwerkraft, die uns umbringt

Schwerkraft

Auf diesen mit rund 160 Seiten schön kurzen Roman war ich ordentlich neugierig – und es fängt auch sehr vielversprechend an. Da wird nüchtern von einer seltsamen Begegnung im Zug mit einer Frau, deren Hobby es ist, Strommasten zu fotografieren, erzählt, und schon auf dieser einen Seite steckt ein sehr feiner Humor im sachlichen Tonfall.
Die oberflächliche Handlung von Es ist die Schwerkraft, die uns umbringt ist leicht zu verfolgen: Die Biochemikerin Kira testet Astronautenzeug für zukünftige Marskolonisten. Gleichzeitig forscht sie auch noch an irgendwelchen Blaualgen, die ein wichtiges Nahrungsmittel für die Marssiedler werden könnten. Schon recht früh, nachdem sie sich für das Projekt gemeldet hat, erfährt sie hinter vorgehaltener Hand, dass es sogenannte Schläfer gibt, Menschen, die als Teilnehmer einer Marsbesiedlungsexpedition vorgesehen sind und ein ganz normales Leben leben, bis man sie für die Mission aktiviert, die vielleicht – wahrscheinlich – niemals kommen wird, zumindest nicht zu ihren Lebzeiten. Und natürlich gewinnt man als Leser zunehmend den Eindruck, Kira selbst sei eine solche Schläferin. Irgendetwas in der Art unterschrieben hat sie auch, freilich ohne richtig hinzugucken, und dass diese Raumfahrtstypen ihr gegenüber immer wieder darauf anspielen, dass sie die teuren Pflegekosten für Kiras Vater übernehmen, was sie ja nicht müssten, wirkt auch verdächtig erpresserisch.
Leicht benommen treibt Kira durch die aus der Ich-Perspektive erzählte Handlung, lehnt sich mal auf gegen die Weisungen dieser komischen Weltraumbehörde und macht öfter dann doch, was man ihr sagt. In einem kleinen Akt der Rebellion wirft sie einen Blick auf eine verbotene Liste mit anderen TeilnehmerInnen des Weltraumprogramms, macht eine dort aufgeführte Person ausfindig, die sich als ihre Zwillingsschwester Zoe entpuppt, von der Kira bislang nichts wusste. Kira lernt die Frau, die genau wie sie aussieht, als launische Kulturtante mit immer neuen abstrusen Kunstprojekten kennen und begleitet sie durch ihre Schwangerschaft – und bekommt dabei doch nie so richtig menschlichen Kontakt zu ihr. Wie zu überhaupt niemandem – ihr Vater ist praktisch ein lebender Toter, zu dem vorzudringen in dem abscheulichen teuren Pflegeheim noch dazu fast unmöglich ist; Freunde hat sie sonst anscheinend keine; und alle NASA- und Raumfahrtleute, mit denen sie es zu tun bekommen, sind von grundauf verdächtig, ihr ganzes Leben manipuliert zu haben, und zwar schon seit vor ihrer Geburt. Da erscheint die Aussicht auf eine 1000-Tage-Isolationsstudie, die eine Marsmission fingieren soll, einem als Leser schon fast verheißungsvoll, schließlich wird irgendwann einmal am Rande erwähnt, dass Menschen, die man für lange Zeit auf engem Raum zusammensteckt, in der Regel echte Freundschaft und Toleranz erlernen. Kira sieht das allerdings nicht so, der graut es vor den 1000 Tagen völliger Abgeschnittenheit – obwohl sie eigentlich ohnehin schon völlig abgeschnitten ist.

Was sich in der Zusammenfassung so Verschwörungsthrillermäßig liest, bleibt eigentlich eine ganz ruhige Geschichte über dieses Isolationsgefühl, die weniger beklemmend daherkommt und mehr wie ein anhaltender gelinder Verwirrungszustand. Selbst dann, wenn Kira in leise Panik verfällt, schwingt noch fast unmerkliche Selbstironie mit. Gekonnt erzählt ist das jedenfalls, und auf eine verquere Art auch psychologisch glaubwürdig. Ich muss aber zugeben, dass sich mir für ein Buch, das viel Aufhebens um diverse Rätsel macht, am Ende doch zu wenig Teile ineinanderfügen. Und dann ist da auch noch das Ende, das wie eine Pointe daherkommt, aber von Anfang an absehbar war … ich vermute mal stark, dass diese Absehbarkeit auch beabsichtigt war. Aber wäre es nicht trotzdem klüger gewesen, nicht ganz so auf den (Nicht-)Überraschungseffekt des letzten Satzes abzuheben?

Es ist die Schwerkraft, die uns umbringt, ist ein Buch, bei dem ich den eigentlichen Kern der Handlung entweder nicht verstanden habe, oder in dem die Handlungselemente letztendlich nur Vehikel zur Darstellung der Isolation der Hauptfigur sind. Letzteres finde ich völlig in Ordnung, dann stört es mich nur, wenn das Buch zu viel Aufhebens um seine Handlung macht (Verschwörung! Zwillingsschwester! Manipulation bis ins vorangegangene Glied!), weil es dazu führt, dass ich versuche, etwas aufzuschlüsseln, wo es vielleicht gar nichts aufzuschlüsseln gibt.
Na ja, und wenn ich das Buch nicht verstanden habe, habe ich es nicht verstanden, was dann auch wieder okay ist.

Trotzdem: Erzählt ist das Ganze schön, stilsicher und durchaus lustig – das war sicher nicht das letzte Buch von Ulrike Schmitzer, das ich gelesen habe. Nächstes Mal gehe ich mit etwas mehr Ehrgeiz ran.