Nochmal gelesen: Marcus Hammerschmitt, Pension Barbara

pensionbarbara

Kürzlich habe ich mir noch einmal unseren Beben-Titel Pension Barbara vorgenommen, ein Buch, auf dem ich auch beim dritten Lesen noch ganz schön zu kauen habe. Die Handlung knapp umrissen: Der seit kurzem arbeitslose Felix Walter mietet sich ein Pensionszimmer im Dörfchen Kesslingen, um bei seiner Frau sein zu können, die sich im nahen alternativmedizinischen Meckenheim-Institut auf die Geburt des ersten Kindes vorbereitet. Von Anfang an fühlt Felix sich beklommen in Kesslingen, verabscheut dessen Bewohner. Dazu kommen Schwierigkeiten, zu seiner Frau Katharina vorzudringen. Überhaupt erscheint ihm das Meckenheim-Institut zunehmend verdächtig – veranstalten die da irgendwelchen esoterischer Hokuspokus, vielleicht gar verquickt mit alten Nazi-Zuchtideologien? Dazu unerklärliche Zahnschmerzen, Waffenfunde in verlassenen Bunkern und eine Kirche mit teuflisch bizarren Malereien an den Wänden … alles ist ein ganz bisschen schräg, ein ganz bisschen gegen Felix, mit einer Permanenz, die ihn schon bald an eine Verschwörung, medizinische Experimente und noch Grauenvolleres glauben lässt.

Die Qualitäten von Pension Barbara sind leicht zu benennen: Eine seltene sprachliche Exaktheit, eine paranoide Grundstimmung, die auf dem schmalen Grat zwischen Bedrohlichkeit und Absurdität wandelt, die schonungslose Nachzeichnung eines spießigen, beengenden Millieus …

Und da ist schon eines dieser Worte, das eigentlich überhaupt nicht zu diesem Buch passt – „schonungslos“. Da denkt man gleich, hier habe man es mit einer bitterbösen Satire zu tun, die das Kleinbürgertum in all seiner Widerwärtigkeit vorführt und es Spott und Abscheu preisgibt. Ein Buch, das einem das beruhigende Gefühl gibt, klüger und kultivierter zu sein als das Pack, das da vorgeführt wird. Tja, schön wär’s. Oder auch nicht, denn so ein Buch hätten wir beim Beben wohl kaum gewollt.
Pension Barbara ist schlicht und einfach ein gutes Stück fieser. Klar, die Zustände im Dorf Kesslingen, wo sich der Großteil der Handlung abspielt, sind abscheulich: „Ein Pferd mit herausquellenden Gedärmen auf der Straße wäre hier auch kein Stilbruch“, denkt Felix Walter, und man fühlt sich sofort eingeladen, mit ihm zusammen so richtig abzukotzen über den Häkelschutzbezug auf dem Telefon in seinem Zimmer, über die Wachstuchtischdecke in der Küche, über die Verlogenheit, die Kesslingen aus jeder Pore quillt.

Aber was ist das für ein Kerl, mit dem zusammen man da abkotzt? Da die Geschichte in der ersten Person aus Felix‘ Perspektive erzählt wird, erfahren wir mehr über ihn, als uns lieb sein kann: Ein Mann, der seiner Umwelt prinzipiell mit Feindseligkeit und Misstrauen begegnet, der sich Todesfantasien über seine schwangere Frau ausspinnt, der aus der Bitte um einen Wasserkocher einen Psychokrieg macht und jeden noch so kleinen Triumph im verbalen Kampf gegen seine vielköpfige Feindesschar mit grimmiger Häme auskostet. Jemand, der so wenig Bezug zu seinen eigenen Gefühlen hat, dass er sich, wenn er am Handy weint, Sorgen darüber macht, dass die Feuchtigkeit das Gerät beschädigen könnte.

Ist Pension Barbara also in Wirklichkeit eine Satire über diesen neurotischen Verstandesmenschen, der den kritisch-analytischen Blick auf seine Umwelt über jedes Maß hinaustreibt? Die kritische Vernunft, die er sich zugute hält, macht sich zum Komplizen der absurden Verhältnisse, denen er ausgesetzt ist. Jedes noch so kleinliche Psycho-Spielichen spielt Felix mit oder erfindet es gar erst, im vollen Bewusstsein der Blödsinnigkeit seines Tuns; sein kritisches Hinterfragen schlägt in Menschenhass und paranoiden Wahn um. Das Lachhafte an der ganzen Angelegenheit hat nichts Befreiendes – es ist der eigentliche Albtraum, weil der Verstand einfach nicht mit ihm fertig wird. Was in Pension Barbara eine tödliche Kränkung erfährt, ist der Glaube, dass man etwas, nur, weil man es mit Vernunft durchdrungen hat, auch besiegt hätte. Felix Walters Frau Katharina, die wir (zumindest aus seiner Perspektive) als launenhaft und gleichzeitig völlig unkritisch erleben, erscheint zunehmend als die Person, die den wesentlich gesünderen, pragmatischeren Umgang mit ihrer Umwelt pflegt. Sie nutzt das Meckenheim-Institut genau so lange, wie es ihr persönlich eben von Nutzen ist, anstatt sich von ihm verrückt machen zu lassen.

Trotzdem habe ich vollstes Verständnis für diesen verrannten Kerl, für seine ätzenden inneren Kommentare auf alles und jeden. Ich kann seine Mischung aus Verächtlichkeit und Verstricktheit bestens nachfühlen. Das, womit er konfrontiert wird, ist ja absurd, und der Verstand muss je mehr daran verzweifeln, desto mehr er sich abmüht. Natürlich ist das nicht einfach die Geschichte eines Opfers, das von seiner Umwelt verrückt gemacht wird – dafür bringt Felix selbst zuviel Kleinlichkeit, Gemeinheit und Verbohrtheit mit nach Kesslingen. Aber es ist halt auch keine Geschichte über einen gehässigen Paranoiker.

Man kann die Kesslinger ebenso wenig einfach mit einem Lachen abtun wie den Protagonisten. Lässt man sich auf Pension Barbara ein, dann wird man in die Sache verstrickt und wahrscheinlich mit dem etwas peinlich berührten Gefühl aus der Lektüre entlassen, das man den Autor irgendwie falsch verstanden haben müsse. Kann das sein, dass einem hier kein Rückzugsraum gelassen wird, von dem aus man spöttisch über die Kesslinger, Felix Walter und diesen ganzen Irrsinn lachen kann?

Eine Satire ist das jedenfalls nicht, sondern tatsächlich noch eher eine Horrorgeschichte – mit vielen Fiesheiten, bösartigem Leserreinsaugen und kleinen, aber nachhaltigen Erschütterungen.


1 Antwort auf “Nochmal gelesen: Marcus Hammerschmitt, Pension Barbara”


  1. 1 Buchtipp: Marcus Hammerschmitt – Pension Barbara | Realvinylz Pingback am 17. Oktober 2014 um 15:43 Uhr
Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.