Gelesen: Andreas Gößling, Der Ruf der Schlange

(den Aufbau der Rezension habe ich mir diesmal – so in etwa – bei Frank Böhmert abgeguckt.)

RufderSchlange

Worum geht’s?
Phora, die große Stadt des Nordens an den Ufern der endlosen Sümpfe, die nach der letzten strafenden Flut zurückgeblieben sind, wird von einem schrecklichen Zauber heimgesucht: Schlangenbestien gehen um, und die Wirbelsäulen mancher Menschen verwandeln sich in schaurige Würmer, die gewaltsam ihren „nassen Gräbern entsteigen“ – Ereignisse, die einer alten Prophezeiung zufolge Vorboten einer neuen, allesvernichtenden Flut sein könnten, mit der der Gott Linglu die Menschen strafen wird, weil sie es sich einmal mehr angemaßt haben, selbstbewegte Maschinen zu erschaffen … Samu Rabov, Ermittler der Mysto – der Spezialpolizei für unerklärliche Verbrechen – wird auf die Spur des mörderischen Zauberers angesetzt, der hinter diesen Ereignissen steckt. Doch hinter den Kulssen verfolgen seine Vorgesetzten ganz eigene und oft gegenläufige Interessen. Und auch Rabov selbst kann sich nicht sicher sein, auf welcher Seite er letztendlich stehen wird, hat er doch von Kindheit an eine ganz besondere Verbindung zu Schlangen …

Wie ist das Buch geschrieben?
Sprachlich durchaus einfallsreich, humorvoll – allerdings mit einem gelegentlichen Hang zum Schwülstigen und zu Bildern, die einfach nicht funktionieren oder unfreiwillig komisch sind. Das sind zum Teil so Kleinigkeiten, wie dass eine Schlange ihre „zwiegespaltene“ Zunge hervorschnellen lässt (Schlangenzungen sind für mich einfach gespalten, „zwiegespalten“ klingt, als sei die Zunge sich irgendwie uneins mit sich selbst), zum Teil missglückte Beschreibungen, wie wenn von einem „pfeifenden Grunzen“ die Rede ist (ich habe versucht, so ein Geräusch hervorzubringen, um es mir vorzustellen, bin aber gescheitert), und zum Teil solche Stellen: „Noch einmal jagten seine Brauen auf der tief zerfurchten Stirn umher wie Rettungsboote bei schwerer See.“ (Gemeint ist wohl, dass jemand bedeutungsvoll die Brauen hebt.)
Andererseits gibt es auch immer wieder wunderschöne, lustige und eindringliche Stellen (am gruseligsten die, in der Rabov am Agosch-Kreuz hängt und lebende Schlangen über Arme und Beine gestülpt bekommt …) und ein paar geradezu lyrische Glanzleistungen, die einen die kleinen und auch die größeren Schnitzer leicht verschmerzen lassen.

Was gefiel?
Da muss ich weiter ausholen: Das Buch ist bei Klett-Cotta erschienen und fiel in eine Zeit, in der ich den Eindruck hatte, dass die Fantasy-Reihe des Verlags sich immer weiter von ihrem alten Programm entfernte, wirklich ausgefallene Bücher aufzuspüren. Der Ruf der Schlange hatte ich wegen des eher langweiligen Covers und Klapptentexts in diese Tendenz eingeordnet. Zu Unrecht: Denn Der Ruf der Schlange ist wirklich ein im besten Sinne ungewöhnlicher Fantasy-Roman, der völlig abseits der Tolkien-Tradition steht und mir trotz einiger Steampunk-Element auch mit diesem Subgenre wenig zu tun zu haben scheint. Ich weiß also nicht recht, wo ich das Buch einordnen soll: ein großer Pluspunkt.
Schön ist auch das Setting: Eine kleine Menschenwelt, umgeben von Sümpfen, in denen sich die versunkenen und verbotenen Schätze der Vorläuferzivilisation finden; Phora, die Hauptstadt der Zivilisation, im technischen Umbruch mitsamt Dampfautos und klobigen Telefon-Apparaten, die gongen, statt zu klingeln. Dazu kaum verstandene Technologie aus der Vorzeit, Andeutungen biomechanoider Geschöpfe, eine untergangene Pseudo-Maya-Kultur, diverse sehr eigenwillige Schöpfungsmythologien und ein bisschen von unserer zeitgenössischen Alltagskultur – Polizeibehörden, in denen man sich siezt oder halblegale, von Studenten frequentuerte Nachtclubs.
Vor allem aber merkt man dem Buch an, dass der Autor thematisch eine ganze Menge will: Es geht – mal ganz rasant verdichtet – um nichts Geringeres als den Konflikt (und die heimliche Komplizenschaft) zwischen Magie und Aufklärung, Es und Über-Ich. Auf der einen Seite stehen sinistre Schlangenkulte, die über Rhythmik, Ekstase und Gefahr ein diffuses Urtümliches im Menschen anreizen, auf der anderen Seite die Kirche des Linglu, Gott von Wort und Licht, die Selbstkontrolle predigt, vor Magie warnt oder gar ihre Existenz verleugnet und für Stabilität einsteht. Was alles nicht so holzschnittartig ist, wie es klingt, weil die Linglu-Kirche nicht nur selbst einen mystizistischen Kern aufweist, sondern Teile ihrer Anhängerschaft auch noch versuchen, Magie für ihre Herrschaftszwecke zu instrumentalisieren. Und auch einige Schlangenverehrer sind bei all ihrer Gruseligkeit von durchaus politischen Motiven getrieben. Zum Ende wird all das in der Hauptfigur Rabov verdichtet, sodass man den Roman auch fernab des Fantasy-Inventars als psychologische Reise nach innen deuten kann. Man könnte hier noch richtig ins Detail gehen, ich will aber keine Lesart vorwegnehmen, denn Der Ruf der Schlange ist da wirklich angenehm offen.

Was gefiel nicht so?
Schön, ich habe am Ende durchaus mit Wohlgefallen den großen Entwurf gesehen. Aber bis dahin ist es ein holperiger Weg. Zum einen sind da die stilistischen Stolpersteine, wobei ich mich an die schnell gewöhnt hatte und einige davon auch der etwas verschrobenen Erzählerperspektive Rabovs zuzuschreiben sein können. Aber einiges anderes hätte mich fast dazu gebracht, das Buch abzubrechen:
Erstens hängt das Buch in der Mitte ziemlich durch, was für so eine Krimi-Handlung gar nicht gut ist. Ermittler Rabov ermittelt vor sich hin, spinnt Theorien aus, ärgert sich mit seinen Assistenten und mit seinen Vorgesetzten herum, trauert einer alten Liebe nach und kommt weder persönlich noch bei seinem Fall voran – bis schließlich am Ende eine Zufallsbegegnung und ein zündender Einfall ihn zu zwei Informationen zurückführt, die er schon auf den ersten 50 (von 500) Seiten erhalten hat und die ihn den Knoten entwirren lassen. Mit dem Erfolg, dass ich als Leser mir dachte: Toll, die 200 Seiten dazwischen waren jetzt aber so wichtig auch nicht.
Zweitens ist Der Ruf der Schlange zwar ein sehr schönes Buch über Theorien von der menschlichen Psyche; die Figuren selbst bleiben psychologisch aber flach bis unglaubwürdig. Das gilt insbesondere für die Frauen (die nahezu alle wunderschön und entweder raubtierhaft-bedrohlich sexuell sind, aus Eifersucht morden oder Gefühle manipulieren); Vor allem Rabovs Ex-Geliebte und Vorgesetzte Cailin wirkt in ihrem Verhalten absurd unprofessionell und sprunghaft. Okay, teilweise mag das auch Rabovs noch-immer-verliebtem Blick auf sie geschuldet sein.
Die zweite wichtige Nebenfigur, der von Rabov vor einem bösärtigen Schlangenkult gerettete Junge Zoran, legt ein sogar noch sprunghafteres und unsinnigeres Verhalten an den Tag. Na schön, der Junge ist ein Teenager, aber bitte: Deshalb wagt man sich doch nicht erst vor Angst nicht auf die Straße und kapiert dann eine Minute später, wenn man genau vor der Gefahr gewarnt wird, die man sich zuvor ausgemalt hat, nicht, was Sache ist. Eine Figur, bei der ich im schlechtesten Sinne nie wusste, was ich von ihr erwarten sollte, und bei der auch im Nachhinein nichts einen Sinn ergab – kurz, ein künstlicher Komplikationsgenerator, ein Plotkonstrukt (dem zum Ende dann noch mal die Rolle zufällt, eine harte und interessante Entscheidung Rabovs abzusegnen, die ohne Zorans Zustimmung sehr viel härter und interessanter gewesen wäre).
Was beim Lesen auch sehr gestört hat, war der gar nicht so unterschwellige Rassismus. Da fallen wirklich alle Gegenspieler dadurch auf, dass sie „dunkelhäutig und fremdländisch“ sind, und einmal ärgert Rabov, der vor eben solchen Schergen auf der Flucht ist, sich gar, dass die Gardisten nicht an der Hautfarbe und Tracht dieser Leute erkennen, dass sie die Bösen sind (Können diese Phora-Polizisten nicht etwas rassistischer sein?). Hier und da kippt es dann auch auf die exotistische Seite (beispielsweise bei der „Mischlings“-Schönheit Liki), die mir ebenso schwer verdaulich ist. Dazu kommt, dass einige dieser Fremdländischen tatsächlich Sätze wie „Warum du rennen?“ kauderwelschen oder „Sährrr geährrte Damen und Härrren“ sagen. Was den Autoren zu derart schmierenkomödiantischen Einlagen geritten hat, weiß ich beim besten Willen nicht zu sagen. Vor allem, weil Der Ruf der Schlange zum Ende hin durchaus noch die Kurve kriegt, indem es mal eben eine scharfe Anklage gegen den Kolonialismus und seine Folgen formuliert und auch andere fremdländische Schurken plötzlich in ein unerwartetes Licht rückt, sodass ich am Ende den Eindruck gewonnen habe, dass das hier vielleicht doch eher ein bisschen ein Buch über Rassismus ist. Aber so richtig kann mich das nicht mit diesen Irrläufern versöhnen, und irgendwie sind es dann eben leider doch an erster Stelle die Nicht-Weißen und an zweiter Stelle die Frauen, die für die dunkle, lustvolle, grausame, magjsche Seite der Psyche herhalten müssen.
Was mir auch nicht so gefiel, war die Hauptfigur selbst, wobei man sagen muss, dass Rabov im Gegensatz zu den anderen Gestalten des Buchs durchaus greifbar und vielschichtig ist: Etwas grantelig und versponnen, immer noch einer alten Liebschaft nachtrauernd, aber auch verblüffend tatkräftig, wenn es drauf ankommt – also ein schön ausgewogener Protagonist mit Makeln und heldenhaften Qualitäten. Aber halt nicht so richtig mein Protagonist: Dafür macht sich mir dieser Kerl, durch dessen Augen man das Buch erlebt, ein paar mal zu oft mit beißendem Spott über seinen Assistenten her und klagt ein bisschen viel und mit deutlich zu wenig Sinn für Ironie über sein Liebesleid. Ich habe den Verdacht, dass da so eine Generationensache hintersteckt – immerhin ist der Autor zwanzig Jahre älter als ich, und ich meine, dass ich die männlichen Protagonisten deutscher Autoren von etwa einer Generation über mir schon öfters mal schrecklich unsympathisch fand. Vielleicht sind manche Verhaltensweisen, die früher mal männliche Charakterstärke ausgedrückt haben, heute genau die, die Leuten wie mir als Selbstgerechtigkeit und Autoritätshuberei erscheinen. Ist allerdings eher psychologisierend ins Blaue geschossen …

Gute Stelle?
Ziemlich am Anfang werden Rabov und Zoran von einer Gruppe Artisten verfolgt, die die Verfolgung der beiden als akrobatische Darbietung inszenieren, um Aufmerksamkeit, aber keinen Verdacht zu erregen. Sehr schön Idee und gut erzählt.

Zu empfehlen?
Trotz allem und zu meiner eigenen Überraschung: Ja. So sehr ich mich hier und da gewunden habe, hat mir die Lektüre doch vor allem auf den ersten und den letzten 100 Seiten großen Spaß gemacht. Der Ruf der Schlange steckt voller Ideen, ist humorvoll, spannend, durchdacht und geht zwar letztendlich auch wieder ein bisschen um Auserwählte und Weltrettung, aber in ganz anderer Weise, als man es aus der Tolkien-Epigonen-Tradition kennt. Auch und gerade denen, die sich beim Lesen an ähnlichen Punkten stören wie ich, würde ich raten, durchzuhalten. Das Ende macht einiges wieder wett!

Wo aufgestöbert?
Im Quarber Merkur 113 habe ich Gößlings sehr hübschen kleinen Essay „Versuch über die Verzauberung“ gelesen und mir darauf den Ruf der Schlange bestellt. Den Roman habe ich dann auch durch die Schablone dieses Textes gelesen, was sehr gewinnbringend war.


4 Antworten auf “Gelesen: Andreas Gößling, Der Ruf der Schlange”


  1. 1 katrin 22. April 2014 um 3:09 Uhr

    ein „Büch“ über Rassismus? Sorry, der kleine Fehler sprang mich an, ansonsten: Vielen Dank, hab Deine Buchempfehlung mit Genuss gelesen :)

  2. 2 Administrator 22. April 2014 um 8:59 Uhr

    Klar, „Büch“ kommt doch von Büchner ;)
    Danke für den Hinweis, das kommt davon, wenn man seine Artikel im Halbschlaf Korrektur liest!

  3. 3 Frank Böhmert 22. April 2014 um 11:32 Uhr

    … und ich habe mir diesen Frage-Antwort-Kniff übrigens vor drei, vier Jahren von Dirk van den Boom abgeschaut. So entstehen Traditionen, hihi.

  4. 4 Administrator 22. April 2014 um 12:12 Uhr

    Ist jedenfalls ein sehr hilfreiches Format, wenn man die Gedanken zu einem Buch nicht strukturiert bekommt, werde ich sicher in Zukunft öfter verwenden.

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