Meine Kurzgeschichte „Nadeln und Fäden“ ist in Ausgabe 11 des SF-Magazins nova enthalten. Die Geschichte stammt etwa von 2003 und geht um allergische Reaktionen (im buchstäblichen und im übertragenen Sinne), um Schwindel und um allerlei Poststrukturalismus, der mir damals durch den Kopf schwirrte und zu den bekannten Wissens- und Wahrheitsfindungsproblemen führt, die einen dann immer weiter beschäftigen …

So geht’s los:

„Eine schlechte und eine gute Nachricht.
Die schlechte: Das ist die letzte Aufnahme, die ich dir schicke.
Die gute: Ich habe gestern die Auswertung meiner Biodaten aus dem Labor gekriegt. Sieht so aus, als hätte die Welt mir eine zweite Chance gegeben. Abgesehen von den Staubmilben und dem üblichen Pollensatz sind alle Reaktionen wieder im grünen Bereich – damit bin ich sozusagen wieder ein normaler Mensch. Wenn´s nach mir geht, kannst du also übernehmen. Ich schick dir die Unterlagen mit, aber du solltest dich schnell bewerben.
So, Sound ab …“
Die Großansicht von Dorits Kopf, auf dem eine millimeterdicke Schicht dichten Haares den Eindruck macht, sie hätte sich den Schädel schwarz angestrichen, weicht dem wohlbekannten rostroten Wirbel vor Sternenhintergrund. Ich schließe die Augen und stelle mir vor, dass mein Brustkorb sich in Erwartung des ersten Pulses langsam aufklappt. Man muss lernen, das zu genießen – aber ein gewisser Ekel vor dem Bild des rohen, auswärts gestülpten Fleisches, vor von Blutfäden umwobenen gelben Rippen, verschwindet niemals ganz. Ein kurze Verkrampfung wie in Todesnähe ist der kleine Preis dafür, den Black Hole Bass eindringen zu lassen – eine Monomolekularnadel aus Tönen, die, von reiner Trägheit getrieben durch Körper gleitet wie durch Vakuum, tief hinein und an der gegenüberliegenden Seite heraus.
Es dauert eine halbe Sekunde länger als sonst, genug Zeit, um sich noch zu einem letzten hastigen Atemzug zu entschließen, der auf halbem Weg verschluckt werden muss –
Wwwhhhhaammmm …
Der Ton ist tiefer, länger, erwartungsvoller als sonst. Dorits Schwanengesang auf Station XTE J1118+480 (C).
Eine helle Gesangsstimme mischt sich tröpfchenweise hinein. Meine Ohren fühlen sich an, als würden sie zucken. Während ich auf den Hacken dem Bass folge, bewege ich die Augen hinter geschlossenen Lidern auf der Suche nach einem Gesicht, das zu der Stimme passt. Ganz leichter Schmerz zieht meinen Unterleib zusammen und bewegt sich ruckend aufwärts in Richtung Brustkorb (der immer noch offen steht für die schwereren der Töne).
Etwas Hastiges, leicht Kratziges setzt ein, ich lasse die Mundwinkel zucken, als sie sich daran gewöhnt haben, fahren sie von alleine damit fort, und dann bilden alle inneren Sinne meines Körpers wie auf ein Stichwort vegetabile Ausleger, Magen und Darm entrollen sich und werden zu einem schwingenden Kabel, dass mich quer durch den Raum mit den unsichtbaren Lautsprechern verbindet, mein Gehirn bläht sich zu einem Ballon, in dem klares Gas wirbelt, mein Herz springt dem an- und abschwellenden Bass hinterher. Und ich bin keinesfalls eins mit dem Universum, aber kann doch zumindest keine klare Grenze zwischen ihm und mir mehr ausmachen.
Obwohl der Black Hole Bass jedes Molekül Luft in meinem kleinen Labor zum Hüpfen bringt, spüre ich genau, wie die luftdichte Tür aufzischt. Ich spüre den Kollaps.
Ein lebender Körper ist ein Teil seiner Begrenzungen. Ein menschlicher Körper, zumindest mein menschlicher Körper – das ist mir in den Wochen mit Raul ausgesprochen bewusst geworden – wird durch die Blicke zum Leben erweckt, die diese Begrenzungen ausmessen. Raul hat den Kistendeckel aufgemacht, und sein Blick lässt mich kollabieren wie Schrödingers Katze, nagelt mich an Ort, Zeit und Zustand. Letzterer erweist sich glücklicherweise als „lebendig“.

… weiter geht’s in nova 11.