Diese Story entstand 2000 im freundlich-piefigen Göttingen. Es geht um mutierte Tauben – und nebenbei um eine erste, unbedarfte Verarbeitung des Thema „Fetischcharakter der Ware“ im jugendlichen Geiste der Rebellion. Die Geschichte sollte damals keinerlei Sympathien für Selbstmordattentäter zum Ausdruck bringen (weil ich mir über die sowieso keine Gedanken gemacht habe in den goldenen Tagen, als es reichte, „Kapitalismus abschaffen!“ auf ein Transparent zu schreiben, um im Besitz der Wahrheit über die Verhältnisse und ihre baldige erquickliche Umstürzung zu sein), aber sie könnte heute durchaus so verstanden werden. Versteht sie also als Dokumentation politischen (Un-)Bewusstseins im Wandel.

Alle getroffenen Aussagen über Pitbulls und ihre Halter behalten dagegen ihre Gültigkeit.

Erschienen ist die Story 2003 bei alien contact online und 2004 im Alien Contact Jahrbuch 2, in dem sich z.B. auch Stories von Pat Cadigan und Barbara Slawig finden.

ACJahrbuch2003

So geht’s los:

Der Pitbull war offensichtlich voll auf Senf. Sein Herrchen, ein schwabbeliger, kahler Mann in gelbfleckigem Unterhemd und Trainingshose hatte ihm den Stummel einer Currywurst in den triefenden Rachen fallen lassen, den der Köter unter würgenden Geräuschen und gelbliche Speichelfäden umherschleudernd verschlungen hatte. Dann hatte das Vieh ein Schnauben von sich gegeben, die Lefzen zurückgezogen und heftig geatmet. Ein Winseln stieg aus den Tiefen des gepeinigten Hundemagens auf, das vom fetten Herrchen mit einem bellenden Lachen quittiert wurde, als wäre er von den beiden der Hund.
Vor ihm hockte ein kleine graue Stadttaube auf dem Straßenpflaster, starrte auf die zu Boden gefallenen Reste des zweifelhaften Leckerbissen, einen Blick unsäglichen Verlangens in den runden Augen. Wer Taubenblicke deuten konnte, wusste, dass genau das es war, wovon sie geträumt, wonach sie ihr Leben lang gesucht hatte. Jetzt war der größte Teil davon im Rachen einer sabbernden Bestie verschwunden. Sie nahm einen zu Boden gefallenen Knorpelfetzen auf, schlang ihn hastig herunter, dann noch einen und noch einen …
Das Winseln verwandelte sich in ein Knurren. Beute fraß Beute. Zwar handelte es sich bei beidem um Ungenießbarkeiten, deren Verwandtschaft mit Fleisch etwa mit der des Köters zu einem Steppenwolf vergleichbar war, aber hier ging es ums Prinzip.
Die Taube nahm den unheilverkündenden Laut wohl war, doch der Lebenserhaltungstrieb blieb weit hinter dem Verlangen zurück, dieses essenzielle letzte Teil aufzunehmen. Erfüllung …
Mächtige, triefende Kiefer schnappten zu, und nur ein Reflex, eine schwache Erinnerung an die Evolution, rettete den Kopf der Taube. Nicht ihren rechten Flügel, der Blut und Federn ließ. Das bellende Lachen stieg eine Oktave auf, die Sprache eines Gottes mit einer intellektuellen Kapazität, die auf den Kauf von Currywurst spezialisiert war, wozu sie mit ein paar provisorischen Erweiterungen auch ausreichte. Dicke Finger ließen die Leine fahren.
Hund knurrt, Mensch bellt, ein mitreißender Beat, und die Taube taumelt wie in Strobo, ein Flügel wild flatternd, immer um ihre eigene Achse, doch irgendwie vergrößert sie den Abstand zum Pitbull, und wahrscheinlich könnte sie entkommen …
Stadtbus. Trifft. Stadttaube.
Was sagt die Stadttaube?
Eine gewaltige Explosion zerreißt sie von innen heraus, der Bus schlägt ein Rad, graziös wie ein Turner, nur das er es nur zur Hälfte schafft, und zwölf Scheiben zerspringen in der Druckwelle, während er auf dem Dach zu liegen kommt.

… Fortsetzung hier.