… ist in SFX enthalten, einer Science-Fiction-Anthologie, herausgegeben von Armin Rößler und Heidrun Jänchen und erschienen im Wurdack-Verlag.

Titelbild:

SFX

Und Inhaltsverzeichnis:

Andrea Tillmanns – Happy Birthday
Bernhard Schneider – Risiken
Christian Weis – Stadt aus Maschinen
Dirk Becker – Nor Mal
Christian Günther – Habitat
Frank Hebben – Amethyst
Melanie Metzenthin – Eingezogen
Jakob Schmidt – Wo uns niemand findet
V. Groß – Die Befreiung des Fremdlers
Heidrun Jänchen – Der Turm der Träume
Edgar Güttge – Hohenzollernbrücke
Andreas Flögel – Ein Neuanfang im Paradies
Michael K. Iwoleit – Staub
Ines Bauer – Reisefieber
Niklas Peinecke – Deformationen
Kai Riedemann – Der Dichter und die Sängerin
Armin Rößler – Cantals Tränen
Arnold H. Bucher – Wunschkind AG
Petra Vennekohl – Kettenreaktion
Frank W. Haubold – Heimkehr

Ein paar Leute haben den Band auch schon online rezensiert, und wo ich Lob erhalte, will ich natürlich nicht mit dessen Verbreitung sparen:

Martin Stricker rezensiert SFX

V. über SFX

Alfred Kruse auf fictionfantasy über SFX

Und hier, wie gehabt, ein kleiner Anreißer zu meiner Story:

Jakob Schmidt
Wo uns niemand findet

Nina erinnerte sich deutlich an den Gesichtsausdruck des Wärters, als er ihr bei ihrem Haftantritt die Elseware abgenommen hatte. So was kommt von so was, hatte sein Kopfschütteln ihr wortlos mitgeteilt. Und das von einem Typ – laut Namenschild ein Mr. Durst –, der wahrscheinlich zehn Jahre jünger als sie war. Seine beständig milde Fresse musste Nina nun schon seit zwei Monaten drei Tage die Woche ertragen. Wenn über Nacht ihr ganzer Flügel abgebrannt wäre und alle Insassen als kleine Holzkohleköttel geendet wären, hätte er wahrscheinlich am nächsten Morgen mit dem gleichen schicksalsgläubigen Blick in den Trümmern gestanden. Was ging in solchen Arschlöchern vor, wenn sie einem die Lebensversicherung abnahmen?
Der Zufall wollte es, dass es ebenfalls Mr. Durst war, der Nina ihre Versicherung zurückbrachte, wenn auch ohne etwas davon zu ahnen. Natürlich durchwühlten die Wärter jede Post wie die Trüffelschweine nach versteckten Elseware-Sendern oder -Empfängern. Deshalb bemühte Nina sich auch um eine betont teilnahmslose Miene, als Durst den wöchentlichen Stapel bunter Broschüren vor ihr Zellenfenster hob und kleine Wackelbewegungen damit machte, als wollte er Hündchen-und-Stöckchen spielen – ohne dass ihm dabei eine Spur Häme anzumerken gewesen wäre.
„Ich hab doch gesagt, dass ich den Scheißdreck nicht will.“
„Wir sind rechtlich verpflichtet, jede unbedenkliche Post zuzustellen, solange Sie den Absender nicht explizit gesperrt haben.“ Dursts heitere Stimme klang durchs Mikro leicht überdreht, wie die einer Comicfigur – Donald Durst. Er legte den Kopf schief und schob den Stapel durch den Schlitz. Ein leises Vakuumzischen ertönte.
Demonstrativ pulte Nina mit dem Zeigefingernagel zwischen ihren Zähnen herum. „Wie soll ich die Scheiße sperren, wenn jede Woche ’n neuer Absender draufsteht?“
Durst zuckte lächelnd die Schultern. „Vielleicht ist ja was dabei, was Ihnen gefällt.“
Nina nahm das oberste Heft zur Hand. Gibt es ein glückliches Leben im Paradies?, fragten fette Lettern über einer naiven Obstgarten-Zeichnung.
„Unbedenklich, hm?“, brummte sie, quetschte mit der Zunge ein Stück Fingernagel aus einem Zahnzwischenraum hervor und spuckte es aus. „Übrigens: Wie ist es eigentlich möglich, dass in einem so gut bewachten Knast meine Socken und Bleistifte verschwinden, hm?“
Durst zuckte erneut die Schultern und verschwand. Seine Schritte waren nicht zu hören; die Tür war schalldicht. Das nervte Nina noch mehr als der Mangel an Tageslicht, die weißen Wände oder die regelmäßigen Lieferungen religiöser Erweckungsbewegungen. Es war sogar schlimmer als das Wissen um die unsichtbaren Überwachungskameras, die sie rund um die Uhr verfolgten: die Vorstellung, dass manchmal einfach ein Gesicht dort im Fenster erschien, das schweigend zu ihr herüberblickte, vielleicht schon seit Minuten dort war, ohne dass sie es bemerkt hatte. Als ob Durst und die anderen als Phantome über die Flure schwebten, die sich nur dann und wann zu lauernder Materialität verdichteten.
Nina betrachtete erneut die oberste Broschüre. Nichts deutete darauf hin, dass es mit den glänzenden, erdigen Druckfarben, die pausbackige Babygesichter und Seitenscheitel zeigten, etwas Außergewöhnliches auf sich hatte. Zum Beispiel, dass sie aus metallischen Verbindungen bestanden, die sich hervorragend als Empfängermaterie für ein kleines, technisches Gerät eigneten. Betont achtlos ließ Nina das Magazin zu Boden fallen und schlurfte zum Zellenfenster, um einen Blick auf die Uhr im Gang zu werfen. Zehn Uhr dreißig. In spätestens zwölfeinhalb Stunden konnte sie sicher sein, Dursts mitleidiges Lächeln zum letzten Mal gesehen zu haben.

Nachdem Walt drei Stunden lang das Gefühl gehabt hatte, sich jeden Moment in irgendeine Richtung entleeren zu müssen, war ihm nun endlich nach einem breiten Lachen zumute, das er nur unterdrückte, weil es besser war, sich noch nicht zu sehr zu entspannen – der härteste Teil kam noch. Mittlerweile war es Nacht geworden. Sie hatten den geklauten Krankenwagen auf einer Raststätte stehen lassen und waren mit ihrer Fracht in einen außen schlammverkrusteten, innen wie eine halbe Intensivstation ausgestatten Transporter umgestiegen. Walt warf einen Blick auf die Uhr. Die Aktion hatte fünf Stunden gedauert – zu den Hindernissen hatten missgelaunte Putzfrauen, falsche Stockwerksangaben und insbesondere ein Mann gehört, der sich einen Schlagbohrer in den Oberschenkel gerammt und beschlossen hatte, direkt vor Walts Füßen blutend zusammenzubrechen. Nie wieder würde er sich für irgendeine Aktion als Krankenpfleger ausgeben – nicht mal, um Nina aus dem Knast zu holen.
Wenigstens das Sicherheitspersonal war kein Problem gewesen, und so hatte Walt kurz darauf ein Rollbett in die Parketage geschoben, dessen Kopf- und Fußende dicht mit Monitoren und Medikamentendepots bestückt war und auf dessen harter Matratze ein krumpeliger schwarzer Kunststoffsack lag, der etwa Leichengröße hatte. Der Sack enthielt luftdicht verpackte protoorganische Empfängermaterie, oder wie immer man den Müll nannte, in den die Elseware die Menschen beamte.
Er wandte sich seiner Beifahrerin zu, die noch ein ganzes Stück nervöser war als er. „Locker, Doktorchen.“ Er wagte es, ein ermutigendes Glucksen herauszulassen. „Heute ist nicht ein einziger Bulle in unseren Dunstkreis geraten. Was die betrifft, haben Sie noch immer eine vollkommen weiße Weste. So weiß wie Ihre Doktorenkluft..“
Die unscheinbare Frau ließ ein kleines, verzweifeltes Lachen hören und blickte an ihrem vom Straßenstaub verdreckten Arztkittel herab. „Toll. Wenn ich mir das so ansehe, würde ich sagen, dass ich schon mit einem Bein im Gefängnis sitze.“
Walt brummte etwas Unbestimmtes. Er fühlte sich nicht wohl in Gegenwart der Ärztin. Nicht, dass er Dr. Cohn misstraut hätte – aber wenn er neben ihr saß, dann spürte er den Raum, den er mit seinen massigen fünfundneunzig Kilo, seinen langen Armen und sogar mit seinen Sechstagebartstoppeln einnahm, plötzlich ganz deutlich, als drohte allein seine Anwesenheit, sie aus der Fahrerkabine zu drücken. Er hatte ein verdammt schlechtes Gewissen, sie in einen Gefängnisausbruch hineinzuziehen. Aber genau genommen hat Nina sie reingezogen, sagte er sich.
„Es ist zehn vor elf. Wir müssen uns ’nen Platz zum Anhalten suchen. Sind sie bereit, Doktorchen?“
Sie lächelte entschuldigend. „Bereiter werd ich wohl nicht.“

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1 Antwort auf “Wo uns niemand findet”


  1. 1 Gotta love the critics // Jakobs Blog Pingback am 03. Januar 2008 um 13:17 Uhr