In der pandora 1 findet sich mein Essay zu Robert Charles Wilsons Roman Spin, bei dem ich mich in einige Thesen zu SF und Geschichtsphilosophie versteige. Eine Kostprobe auf der pandora-Webseite, den Volltext findet ihr in der Druckausgabe.


2 Antworten auf “Am Ende der Gegenwart”


  1. 1 Administrator 21. Juni 2010 um 13:30 Uhr

    Danke für die ausführliche Rückmeldung – ich bin mir tatsächlich auch nicht so sicher, ob Wilson sich so viel von dem, was ich in das Buch reininterpretiere, dabei gedacht hat. Andererseits ist das vielleicht auch besser so. Ich bin ja gar nicht so ein Fan davon, wenn Autoren allzu erkennbar philosophische oder politische Botschaften „einbauen“, es ist mir viel lieber, wenn sie das der Interpretation durch die Leser überlassen … ich finde jedenfalls, Wilson macht es in der Beziehung genau richtig, ob nun bewusst oder weil er einfach ein gutes Gespür für gesellschaftlich relevante Themen hat.
    Über „Axis“ habe ich eine Rezension geschrieben (in Pandora 3), und auch über Wilsons neuen Roman „Julian Comstock“ (in Pandora 4), beides sind aber nur kurze Einseiter.

    So viele andere Autoren mit vergleichbaren Qualitäten bei der Figurencharakterisierung fallen mir in der SF tatsächlich nicht ein. Spontan muss ich noch an die Romane Silver Screen (dt. Transformation), Mappa Mundi, Natural History (dt. Die Verschmelzung) und Living Next Door to the God of Love (nicht auf Deutsch erschienen) von Justina Robson denken. Hier sind die deutschen Übersetzungen aber etwas missglückt, und vergriffen sind alle drei auch, wenn ich mich richtig erinnere. Auf Englisch sind die Bücher allerdings erhältlich. Über Robson habe ich auch einen längeren Essay geschrieben, der in der Pandora 3 abgedruckt ist. Und dann gibt es noch den hervorragenden Roman „Blindflug“ von Peter Watts, der für mich eine Art „finsteres Gegenstück“ zu Wilson ist – ein sehr psychologischer, sehr ernüchternder Erstkontakt-Roman. Bei dem ist auch die deutsche Übersetzung sehr gelungen.

    Daryl Gregory’s Roman „The Devil’s Alphabet“ hat auch sehr Wilson-ähnliche Qualitäten, ist aber auch nur auf Englisch erhältlich. über den habe ich hier auf Englisch ein bisschen geschrieben:
    http://jakob-schmidt.blogspot.com/2010/03/resolution-biologism-and-devils.html

    Außerdem übersetze ich gerade noch einige Kurzgeschichten von David Marusek, die im Herbst im Marusek-Storyband „Wie wir uns kennenlernen“ im Golkonda-Verlag erscheinen. Marusek ist auf jeden Fall auch was für Wilson-Leser – eine ähnliche Kombination aus präsenten Figuren, wissenschaftlich durchdachten SF-Ideen und schriftstellerischem Können.

  2. 2 Viktor Meyer 21. Juni 2010 um 1:21 Uhr

    Ich habe gerade wieder mal Ihre Rezension von Spin gelesen, die ich mir damals aus Pandora gerissen und aufbewahrt habe. Ich finde sie nach wie vor hervorragend. Gut erfasst, viel reflektiert, ausgesprochen klug und inspirierend, und ehrlich gesagt etwas besser als Spin selbst. Ich würde zum Beispiel bezweifeln, dass Robert Charles Wilson sich wie sie die Gedanken um die Geschichte der Geschichte gemacht hat. Auch ob er den Mars so entfernt lässt, um eine Sicht der Geschichte als für das Leben irrelevant geben will, oder vielleicht nur weil er das Buch nicht auf tausend Seiten anschwellen lassen wollte, finde ich schwer zu entscheiden.
    Ich muss ihn aber als Charakter-und Beziehungszeichner gegenüber ihrer Kritik(„einfach gezeichnete Figuren“) etwas in Schutz nehmen: Er zeichnet drei unterschiedliche, spezielle, aber plausible Personen in ihren komplexen und ambivalenten Beziehungen zu einander- Verliebtheit und Befremden versus Arroganz und Berührtheit zwischen Tyler und Diane, Nichtbeachtung unterwürfige Bewunderung und irritierte Distanz versus herablassende Freundlichkeit und tragische Einsamkeit zwischen Tylor und Jason- das ist für Science fiction schon sehr ungewöhnlich, -man vergleiche etwa die „Charaktere“ bei Arthur C. Clarke. James Tiptree jun. ist ja eine wirkliche Ausnahme- oder kennen Sie weitere science-fiction-PsychologInnen dieses Kalibers?
    Wilson zeichnet auch Tylers Frauenbeziehungen, seine Selbstreflexionen oder die Begegnung mit dm halb-alien Wun Ngo Wen für mich sehr plausibel und berührend, und die Zeichnung der apokalyptischen Christen um Diane mit ihrer Obsession für die roten Färse hat für mich eine verstörend intensive Atmosphäre: ans Präpsychotische grenzender Fanatismus, präzise gezeichnet. Das kennt der Autor irgend wo her genau, da bin ich sicher.
    Seit ich „Axis“ gelesen habe (ich war etwas enttäuscht), glaube ich dass er nicht von philosophischen Positionen ausgeht und diese illustriert. Eher, dass er selber erlebte emotionale Zuständen versprachlicht, und dass seine Plots sehr kohärant gezeichnete Illustrationen emotionaler Abläufen sind. Ein Hinweis darauf ist z. B. die Wiederholung der apokalyptische Atmosphäre in Axis, an fast gleicher Stelle im plot, diesmal aber mit völlig anderen Protagonisten und Bedrohungen. Mit wem vergleichen Sie ihn?

    Gibt es eine Kritik von Axis aus ihrer „Feder“? Es wäre mir ein grosses Vergnügen sie zu lesen. Bei diesem zweiten Buch wäre es für Sie sogar leichter, besser zu sein als der rezensierte Text….
    nächtliche Grüsse
    Viktor Meyer