Zur Reproduktion des Unwohlseins auf erweiterter Stufenleiter

Von allem zu wenig: Nicht genug Sport, nicht genug Zahnpflege, nicht genug Abwehrkräfte … und da sollst du dir nichts böses denken und in den Tag gehen als hättest du noch rund 18.000 weitere vor dir, wenn du morgens aufwachst und ein Kratzen im Hals und ein Ziehen in der Schulter spürst. Wahrscheinlich ist es einfach das dreißigste Lebensjahr, das im Hinterstübchen rumort und sich psychosomatisch bemerkbar macht. Die antizipierte nicht-krankenversicherte Altersarmut im unbeheizten Plattenbau.
Nach ausgiebigem prüfendem Kreisen und Ziehen und Dehnen und Knacken kommst du zu dem Schluss, dass die Schmerzen eher in den Gelenken sitzen und bei der falschen Bewegung an zwei, drei Nackenwirbeln (Das Rückgrat!!) aufblitzen. Du musst schon ziemlich lange rumprobieren, um diese spezielle falsche Bewegung zu ermitteln, aber besser selbst diagnostizieren als sich was vormachen: Es geht bergab. An den Knochen und Gelenken könnte es schlicht deshalb schmerzen, weil du zu wenig Muskeln im Rücken hast, um dich beim Sitzen ordentlich abzustützen. Das haben sie dir beim Orthopäden schon vor zwei Jahren gesagt. Aber Kopfschmerzen hast du auch, also ist vielleicht eine Grippe im Anmarsch. Die Vogelgrippe hängt zwar nach jüngsten Meldungen auf GMX noch in der Türkei fest, aber das ist eigentlich auch irrelevant für die unmittelbare akute Lebensbedrohlichkeit der Situation. Die neue Todesgrippe ist ohnehin längst überfällig und kann überall und jederzeit aufkeimen. Sie verschont weder die Jungen und Gesunden noch die Jungen und sowieso schon weniger Gesunden (z.B. dich).
Allerdings ist die Sache mit der Todesgrippe wirklich zu abstrakt-allgemein, um sich deshalb ernsthaft schlecht zu fühlen bzw. ernsthaft schlechter, als du dich mit dem stechenden Schmerz, den du ganz wunderbar provozieren kannst, indem du den Kopf unnatürlich weit nach links legst, den Kopfschmerzen, die du mit ein bisschen Konzentration aufrechterhalten kannst und das Kratzen im Hals, das sicher nicht nur an der Heizungsluft liegt, ohnehin fühlst. Außerdem hast du bereits in Erfahrung gebracht, dass eine ernste Grippe akut beginnt, d.h. schwerer Husten und Fieber. Es sei denn, es ist eine ganz neue Art Grippe.
Das Googlen (Information wants to be free!) verschafft neue Erkenntnisse: Nackenschmerzen, Kopfschmerzen, Übelkeit und hohes Fieber können Anzeichen einer Meningitis (Hirnhautentzündung) sein. Die kriegt man nicht nur von Zeckenbissen (virale Meningitis), sondern auch von verschleppten Mittelohr- und Nebenhöhlenentzündungen sowie einfach so als göttliche Strafe. Selbst bei frühzeitiger Behandlung bist du zu 10 bis 15 Prozent tot. Das sind immerhin bessere Chancen als bei Schrödingers Katze, vorausgesetzt, du gerätst an einen vernünftigen Arzt, der dich auf Meningitis untersucht. Doug Ross alias George Clooney aus Emergency Room wäre eine vertrauenerweckende und charmante Wahl. Kürzlich hat er ein meningitisches Kind mit einer Punktion gerettet. Schlecht ist dir jetzt jedenfalls auch, wenn du so drüber nachdenkst.
Zu welchem Arzt nun also: Allgemeinmediziner, HNO-Arzt oder ganz dumm stellen und zum Orthopäden wegen der Gelenkschmerzen? Zu deinem Zahnarzt hast du eigentlich am meisten Vertrauen, der ist Inder, und die sind ja bekanntermaßen hochkompetent. Da lässt sich aber so leicht kein Zusammenhang konstruieren, obwohl eine Freundin mal eine »wandernde Zahnwurzelentzündung« hatte, die sich praktisch überall im Körper bemerkbar machen kann. Aber wir wollen mal nicht albern werden. Der Orthopäde wäre wahrscheinlich verpflichtet, zu wissen, dass du eine Meningitis haben könntest, aber bei dem ist die Praxis immer brechend voll. Außerdem zieht er Privatpatienten vor, und da wird er sich kaum die Zeit nehmen, sich Gedanken zu machen, ob du vielleicht zwei Tage, nachdem er dich unverrichteter Dinge nach Hause geschickt hat, fiebernd verendest. Der Kapitalismus gibt uns allen den Rest, sogar uns relativ abgesicherten weißen Mittelstandssöhnchen, schneller, als man denkt.
Also zur anthroposophischen Allgemeinmedizinerin. Die ist nett und hat dir sogar schon mal eine der esoterischeren Behandlungen umsonst gegeben. Eine von der Sorte, die die Krankenkasse nicht bezahlt, weil es keine Nebenwirkungen gibt, die dir potentiell den Garaus machen und dich damit als Kostenfaktor eliminieren. System durchschaut. Das bisschen Nationalsozialismus in der Ideologiegeschichte dieser freundlichen Praxis kann man zum Dank durchaus entschuldigen.
Inzwischen hast du vielleicht sogar Fieber, und das mit den Halsschmerzen ist mindestens eine echte Grippe. Schnell isst du noch einen Apfel, eine Mandarine und eine Banane, dann ab in die Sprechstunde, nicht ohne dabei mehrmals durch ausgefallene Kopfbewegungen den (fortschreitenden?) Erstarrungsprozess deines Nackens zu überprüfen. Inzwischen hast du vielleicht sogar Fieber, dein Hals fühlt sich geschwollen an, und dir ist definitiv schlecht. Kopfschmerzen, fällt dir plötzlich ein, hattest du ja schon die ganze letzte Woche immer mal wieder. Vielleicht ist schon der erste kritische Tag? Laut Webseite des deutschen Ärztebundes entscheidet sich an dem, ob du stirbst oder lebst. Das ist nun ein bisschen zu viel Aufregung.
Du entrichtest deine Praxisgebühr und lässt dich im Wartezimmer nieder, wo fünfzehn Leute hustend und schniefend Keime verbreiten. Könnten ruhig Zuhause bleiben mit ihren Erkältungen. Für die eine leichte Viruserkrankung, für den Meningitispatienten vielleicht der letzte Schubs über die Klippe …
Während der Wartezeit versuchst du dich mit ein bisschen Rechenarbeit abzulenken: 80 Euro im Monat Krankenkassenbeitrag, wie oft gehst du dafür eigentlich zum Arzt, was berechnen die für eine Sitzung, nutzt du das eigentlich voll aus? Oder sogar noch mehr? Kommt vielleicht demnächst ein Schreiben von der AOK, dass deine Beiträge wegen deiner dauernden Kränkelei erhöht werden müssen? Neulich musstest du schon mehr bezahlen, weil du keine Kinder hast. Das ist wirklich selten absurd, wo doch jeder weiß, dass Kinder einen erst recht krank machen. Die bringen immer die neuesten Erreger aus der Kita mit. Soviel zum Kinder/Inder-Komplex.
Als du dann endlich dran bist, ist dir schon reichlich schummrig. Einen Moment lang fragst du dich, ob die Ärztin sich nicht bei dir anstecken könnte, aber Meningitis ist eigentlich nicht besonders ansteckend – glaubst du. Außerdem ist das schließlich ihr Job, den hat sie sich ausgesucht, und eine Anthroposophin ist sie sowieso, die soll sich also nicht anstellen wegen dem bisschen Schicksal.
Nicht frei von Understatement schilderst du deine Lage: »Wäre ja eigentlich nicht gekommen deswegen, hab aber schon so lange Kopfschmerzen und müsste mal wieder was arbeiten. Nö, Krankschreiben brauch ich nicht, bin Freiberufler, aber muss halt sehen, dass Geld reinkommt.« Das sollte die Problemchenbesserer des Kapitalismus doch gewogen stimmen, dass es nicht einfach die Angst ums nackte Leben ist, die dich herbringt.
Sie macht weder Abstrich noch Bluttest, weist dich stattdessen an, Paracetamol zu nehmen, Fieber zu messen und Bescheid zu sagen, falls es schlimm wird. Du verkneifst dir ein: »Ist es dann nicht schon zu spät?«. Hm. Ärztliche Anweisungen waren auch schon mal beruhigender. Vielleicht vertritt die Ärztin ja doch insgeheim irgendwelche obskuren Artauslese-Ideen?
Auf dem Heimweg besorgst du dir ein digitales Fieberthermometer. Zuhause machst du dir einen Husten-Bronchial-Tee, legst dich hin und misst Fieber. 39 nochwas. Ist das jetzt hoch? Dummerweise bist du zu feige, um dich telefonisch beim Arzt zu entwürdigen. Also stellst du dir den Putzeimer neben das Bett, und tatsächlich, kurz darauf gibt es einen weiteren kleinen Erfolg in Sachen ernsthaft Leiden: du kotzt den schlecht zerkauten Apfel samt Bananenschleim aus. Offenbar bist du also wirklich krank! Mit zwei Paracetamol und dumpfen Gliederschmerzen bleibst du nicht ganz unzufrieden liegen und bereitest dich auf’s Sterben vor. Soll die Gesellschaft sehen, wie sie ohne dich zurechtkommt.