Subjektwerdung Online

Da bist du also gelandet. Jenseits der vielgescholtenen verklemmt-spaßfreien Sexualmoral deiner Szene, jenseits der Eitelkeit des Geistes, der das fleischliche zwar nicht verachtet, aber auch nicht so dringend nötig haben möchte, jenseits des Traums, dass Liebe und Sex sich plötzlich ganz von selbst finden, wenn man nur richtig echt ehrlich desinteressiert ist. Wie Ally McBeal einmal treffend feststellte: Wenn du die Liebe ernst nimmst, solltest du auch ein bisschen Mühe dafür investieren, sie zu finden – schließlich tust du das gleiche für all die anderen Dinge, die du ernst nimmst, Partei, Hobby und Broterwerb.
Und Arbeit, die findet für einen studierten Metropolitaner wie dich natürlich an der Tastatur statt. Worte generieren und ab und zu zitieren, so läuft das in der Uni, in der Zeitung, in der Freizeit und ab jetzt eben auch in der Liebe. Es fängt an mit acht Zeichen, »finya.de«, die das Fenster zum Hof öffnen, auf dem sich die Suchenden und Gesuchten tummeln. Hier haben sie Namen mit Zahlen und Sonderzeichen: hburger_25 oder fraurenee_39 oder b.lina76. Nach ein bisschen Klicken durch die kühl designte Seite durchschaust du langsam das Namenswahlprinzip: Erstens: Sex hat maßgeblich mit geographischer Nähe zu tun, deren Feststellung durch den Einbau von Städtenamen viel leichter wird. Heißt: hburger_25 und b.lina76 wollen nicht unbedingt nur das eine, aber ganz sicher auch das eine. Zweitens: Auf finya gibt’s jeden Namen nur einmal, keine und keiner heißt wie die andere. Da es aber in den meisten Städten mehr als ein finya-Mitglied gibt, das unter anderem auch Sex sucht, sind die einfachen Städtenamen-Kombis bald abgeräumt, und so kommen weitere mehr oder weniger aussagekräftige Indikatoren wie Geburtsjahr, Anmeldealter oder Unterstriche hinzu. Drittens: Der ganze Zirkus mit den Städtenamen im Namen ist ohnehin bescheuert, denn wer ernsthaft Sex will, nutzt sowieso die finya-eigene Search Engine und gibt den gewünschten Standort ein.
Und, wer bist du so, Fremder?
Du beschließt, den Weg des notwendig falschen Scheins zu gehen und gibst dir den Namen einer Romanfigur, etwas unbekanntes, unwahrscheinliches, und tatsächlich sogar noch unvergebenes, keine Nummern und Unterstriche vonnöten. Die erste Hürde genommen, nun heißt es Feldchen ausfüllen: Gefragt sind deine Lifestyle-Tipps, dein Verhältnis zu Treue und Abenteuer, Gut und Böse, Heimat und Ferne, Geld und Elend, Kultur und Amerika, Wahlen und »Engagement«. Natürlich wirst du ehrlich sein, denn schließlich willst du der einen oder anderen von Angesicht zu Angesicht gegenübertreten, da macht es sich schlecht, wenn du plötzlich um all das herumdrucksen musst, was du der virtuellen Öffentlichkeit nicht anvertrauen wolltest. Aus Gründen der genregerechten Präsentation informierst du dich aber erst mal, indem du dich durch anderer Leute Leben klickst. Da siehst du vieles beeindruckendes und durchaus einschüchterndes: Lyrics, die wenn nicht gut und selbstsicher geschrieben, dann doch zumindest gut und selbstsicher geklaut sind, Lob für schöne Gesichter in Online-Gästebüchern, das du in vergleichbarer Weise niemals, oder wenn doch nur sehr vermittelt wagen wirst. »Wenn ich mir eine Frau modellieren könnte, wäre sie so wie du«, liest du, ein Fremder ganz öffentlich an eine Fremde, und wenn sie Fremde bleiben, ist es dann so schlimm, wenn sie die Haut, die sie zu Markte tragen, gegenseitig loben? Dafür wird sie hier ja schließlich aufgespannt, gegerbt und bunt bemalt.
Aber du willst ja nun Menschen kennen lernen, keine Fremden, also wirst du hübsch auf der sicheren und korrekten Seite bleiben. Auch auf der tummeln sich hier so einige. Insbesondere sind das diejenigen, die eine Antwort auf die hier obligatorische Frage »Was halten sie von Nichtwählern?«, haben. »Nicht viel«, »Wer nicht wählt, darf auch nicht meckern«, oder, in völliger Verachtung der entfernten Möglichkeit eines außerparlamentarischen Subjektstatus: »Gar nichts«. Du entscheidest dich für einen ersten Eintrag in deinem eigenen Profil, der diese entscheidende Frage beantwortet, und erklärst – abgeschrieben von einer Postkarte – lustig-selbstreferentiell und trotzdem im Sinne postautonomer Didaktik: »Wale ändern nix, sonst wären sie verboten.» Wer den Wal hat, hat die Qual, Ein Männlein stand im Wal-de … die Idee eines solchen »Wal-Themenprofils« wird nach etwas ziellosem Hirngestöber schnell wieder verworfen. »Kommunizieren sie lieber mit Mitgliedern, die ein Foto eingestellt haben?« »Ist mir eigentlich egal«. Die erste richtige Lüge – denn eigentlich kommunizierst du lieber mit Leuten ohne Foto, für die interessiert sich wenigstens sonst keiner, Markt geht ja noch, aber bitte keine Konkurrenz, da muss auch mal Schluss sein …
Ähnlich beflissen-unkreativ unterziehst du dich dem restlichen Profilgenerierungsprozess, der die Voraussetzung dafür ist, seine Arbeitskraft zur Liebesfindung vor dem Monitor investieren zu können und nicht auf Partys oder an der Uni, wo du dich ohnehin immer viel zu schnell unterm prüfenden Blick der andern aussortiert fühlst, wahrscheinlich, weil deine Gestik, Mimik oder ganze Einstellung dich bereits als sexuelles Lumpenproletariat ausweist. Hier hast du immerhin die Kontrolle, bis vor die Tür des Cafés, in dem du dich möglicherweise in gar nicht allzu langer Zeit mit jemand nicht ganz und gar Fremden treffen wirst.
Und schließlich bist du durch, und du musst zugeben, dass wer dein finya-Profil liest, wahrscheinlich in mancher Beziehung hinterher mehr über dich weiß als deine Freundinnen und Freunde. Das ist schon fast ein Vorschein von Liebe, denn da redet und fühlt und denkt man ja auch nicht das gleiche wie mit seinen Freunden, da wird man etwas öder und blöder und unpolitischer, so stellst du dir das zumindest vor. Da kann man sich behaglich verteilen auf der hübschen Oberfläche des Anderen.
Was deine Leser dummerweise noch nicht wissen ist, wie du aussiehst. Das ist nicht besonders fair, denn die anderen machen sich ja hübsch für wieder andere, investieren Kreativität in sonderbare Fotowinkel und Ausleuchtungen oder knallen sich auch breit und mittig und mit glänzenden Gesichtern plump in die Mitte ihrer Fotos, ganz unschmeichelhaft sie selbst, wer will das schon sehen, schließlich sieht man ja im echten Leben auch nicht die Leute in so unschmeichelhafter Plockwurststarre. Da hältst du es doch lieber mit den Designern. Schräg von unten wirfst du einen aufreizenden Blick ins Objektiv, kreativ ist das und irgendwie anspruchsvoll, anders als die anderen Männer, klein und verletzlich und ganz, ganz offen …
Noch bevor das Foto eingestellt ist, hast du zwei Nachrichten erhalten. Hburger_25, dessen hübsche Musikzitate du als Inspirationsquelle benutzt hast, ist wohl seinerseits auf die Aufmerksamkeit, die du seinem Profil geschenkt hast, aufmerksam geworden und schreibt: »Verpiss dich, ich bin nicht schwul!« Irgendwie peinlich, du weißt aber nicht genau, für wen von euch beiden … Die zweite ist Lustbiene, 22: »Hi, hier sind ja sonst nur Vollidioten unterwegs, bin ich froh, dass ich dich gefunden habe! Wollen wir zusammen die Welt erkunden?« Allzu hübsche Worte folgen, da muss wohl ein Irrtum oder eine Nepperei vorliegen … du schreibst eine irgendwie dann doch allzu liebe Antwort, warst schließlich schon in der Schule der, der auf jede Verarsche reingefallen ist. Als du auf »Senden« klickst, ist Lustbienes Profil bereits von den Betreibern gesperrt worden. Besser ist’s wohl.
Im anschließenden ersten Rausch klickst du herum und setzt erst vorsichtig, dann mit zunehmender Kühnheit deine Duftmarke in Gästebücher … und findest schließlich LauraS, die neben ihrem leeren Fotofeld, von finya mit einer dezent weiblichen Silhouette provided, schreibt: »Furchtbares hat die Menschheit sich antun müssen, bis das Selbst, der identische zweckgerichtete, männliche Charakter des Menschen geschaffen war, und etwas davon wird noch bei jeder finya-Profilerstellung wiederholt.» Das ist nicht nur Horkheimer, sondern auch Adorno. Du schreibst etwas schlaues, so schlau, dass du es gar nicht wagst, die Worte hier noch mal zu denken, dann könntest du dich plötzlich selbstzufrieden und dumm – oder einfach nur dumm – fühlen .
Irgendwie antwortet LauraS nicht.
Und irgendwie hast du das auch nicht so recht erwartet.


1 Antwort auf “Und, wer bist du so?”


  1. 1 paule 13. Juni 2008 um 22:47 Uhr

    Das ist ja mal was: Ich habe den Text gerade über google gesucht, weil meine Phase2 – Ausgaben sonstwo verstreut liegen und ich nicht einmal mehr wusste, in welcher Ausgabe er war. Sonst hätte ich wahrscheinlich nie gemerkt, dass er von Dir ist. :)