Der Artikel ist in der Phase 2, Ausgabe 23 zu finden und beschäftigt sich mit Fantasy und Faschismus, damit, warum Symbole gerade nicht das sind, wofür sie stehen und vor allem mit Guillermo del Toros wunderschönen, magischen und furchteinflößenden neuem Film Pan’s Labyrinth (und auch ein wenig mit Tolkiens Der Herr Der Ringe – ja, mit Tolkiens, nicht mit Peter Jacksons!)

Hier nun auch die vollständige Version online.

So geht’s los:


»The subtext is quite rapidly becoming a text here«

Guillermo del Toros neuer Film Pan’s Labyrinth ist ein visuelles Meisterwerk und zeigt, dass die Fantasy weit mehr hergibt als ein paar billige Metaphern für den Faschismus.

Derzeit dürfte die Fantasy das im Filmgeschäft finanziell erfolgreichste Genre sein; Peter Jacksons Herr-der-Ringe-Verfilmung fungierte als Dammbrecher, und seitdem wird uns in regelmäßigen Abständen mit neuen Teilen von Harry Potter, Narnia und Fluch der Karibik aufgewartet.
Genres, das weiß der Bildungsbürger, sind suspekt, weil sie minderwertig sind und zumeist Eskapismus, wohingegen »gute« Unterhaltung doch den Zweck habe, uns etwas über die wirkliche Welt beizubringen. Dem kritischen Kritiker sind sie ebenso suspekt: Genres sind mindestens ebenso leicht formularisierbar wie die Werke des Realismus, die Horkheimer und Adorno in ihrem Kulturindustrie-Aufsatz verdammen. Fantasy, so zumindest der Anfangsverdacht, folgt nicht nur dem immergleichen Schema, sondern bedient noch dazu die denkbar reaktionärsten Vorstellungen, die man sich von Gesellschaft machen kann: Sie behauptet, es gäbe hohe und niedere Rassen, schicksalhafte Bestimmung durch Geblüt und Gut und Böse seien die organisierenden Prinzipien gesellschaftlicher Kämpfe. Bildungsbürger und kritischer Kritiker haben damit ganz unterschiedliche Einwände gegen das Genre: dem einen hat es zu wenig, dem anderen zu viel mit der Realität zu tun.
Ich verderbe sicher niemandem die Spannung, wenn ich vorab verrate, dass ich mit diesen grundsätzlichen Einwänden gegen die Fantasy nicht konform gehe.
Sicher ist der Verdacht, dass die gegenwärtige Fantasy-Welle gesamtgesellschaftlich wenn überhaupt eine reaktionäre Rolle spielt und der Huldigung eines bürgerlichen Vorzeitphantasmas zuspielt, nicht ganz unbegründet. Anders gesagt: die »High Fantasy« (also alles, was Tolkiens Herr der Ringe nacheifert), bietet reichlich Anschmiegfläche für eine Kombination aus kriegerischem Heroismus und quasireligiöser Naturverehrung – also für faschistische Gemütszustände. Und auch wenn’s bei Potter oder in der Karibik nicht ganz so wild zugeht, finden sich doch immer noch genug Residuen von Rassismus, Autoritarismus oder irrationalistischer Schicksalsgläubigkeit, um die jeweiligen Franchises in Verruf zu bringen.
Doch: die Fantasy ist nicht faschistisch. Sie hat allerdings, insofern sie sich mit der Rolle des Mythos in der Moderne beschäftigt, durchaus etwas mit dem Faschismus zu tun. Dass Fantasy – im besten Fall – die inneren Spannungen der Moderne zu ihrer romantischen Rückprojektionen ersichtlich macht, gehört zum Kern des Genres. Keiner der neueren Fantasy-Filmemacher hat das besser unter Beweis gestellt als Guillermo del Toro mit seinen letzten Filmen: The Devil’s Backbone, Hellboy und nun Pan’s Labyrinth. Der Weg vom Herrn der Ringe zu del Toro ist weder bruchlos noch als feste Traditionslinie zu verstehen, aber möglicherweise dennoch erhellend.

Malen nach Zahlen
Barbara Kirchner und Dietmar Dath haben das Grundproblem hinterm Fantasy-Klatschen für Leichtgewichte in anderem Zusammenhang bereits auf den Punkt gebracht: Die Herren (und seltener Damen) der Kulturpriesterschaft behandeln nämlich zumeist alles, was ihnen nicht als unmittelbar erkennbare Darstellung der Wirklichkeit daherkommt, einfach so, als wäre es trotzdem genau das. Es wird also »übersetzt«: die Orks sind wahlweise Arbeiter oder Ureinwohner, Voldemort ist Bin Laden und Zombies sind Opfer der Konsumgesellschaft. Wenn man die Teile zusammensetzt, ergibt sich ein Bild von der Welt, und das ist, je nach politischem Standpunkt, dann akkurat oder doch eher ziemlich daneben.
Wozu aber die ganze Metaphern- und Symbolarbeit? Könnten die Phantasten nicht gleich sagen, was sie meinen? Oder handelt es sich um einen Trick, um uns den miesen Rassismus und Sexismus hintenrum unterzujubeln? Aber warum die Mühe, wenn es doch ohnehin so viele Menschen gibt, die Rassimus auch gern goutieren, wenn er ihnen ganz offen angetragen wird?
Wer glaubt, nur ein Ersetzungsspiel machen zu müssen, um die Fantasy zu kapieren, verkennt den springenden Punkt an Symbolen: Dass sie eben nicht das sind, was sie darstellen, und dass es sich dabei nicht um List und Verschleierung handelt, sondern dass diese grundlegende Differenz tatsächlich eine Funktion der Spannung, der Auseinandersetzung erfüllt. Gerade weil die Motive der Fantasy symbolisch sind, ergibt es keinen Sinn, sie einfach zu übersetzen. Durchaus nicht unklug ist es dagegen, sich mit den Traditionen dieser Symbolik und der Struktur, die sie bilden, zu befassen.

Fortsetzung in der Phase 2_23 …


1 Antwort auf “„The Subtext is Quite Rapidly Becoming a Text Here“”


  1. 1 DelToro: Ein vorläufiges Fazit // Jakobs Blog Pingback am 24. Dezember 2007 um 13:12 Uhr