Gegenwart:
Schmachvolle Erleichterung ergriff mich heute morgen, als ich in der Zeitung las, dass der US-Kongress jetzt doch 700 Milliarden zur Sanierung der Finanzmärkte und Rettung der Welt vor dem ansonsten – so munkelt man – ziemlich garantierten Absturz ins totale Chaos lockermacht. Ein Glück, dann kann ja hoffentlich alles mehr oder weniger beim Alten bleiben.
Flashback:
„Bei uns überwintert die radikale Perspektive.“
So oder so ähnlich hieß das anno dazumal, das war die halböffentliche Linie und Begründung dafür, dass man sich ordentlich militant und bewegungsfetischistisch gebärdet, obwohl allen klar ist, dass man auf der Kampf-um-die-Macht-Ebene eh nix reißen kann. Überwintern muss sie nämlich, die Perspektive, bis die revolutionäre Situation eingetreten ist, das ist so eine Frage des Dingsda, historischen Materialismus und der weltweiten Krisenzyklen und der aktuellen Stimmungslage von denen da unten gegenüber denen da oben. Jedenfalls: Wenn die Massen dann mal revolutionär werden, muss es ja wen geben, der ihnen nicht nur erklärt, dass sie den Kapitalismus abschaffen müssen, sondern auch, wie man Barris baut, Bullensperren durchbricht und Transpischablonen für Overheadprojektoren anfertigt. Das will geübt sein, da braucht es quasi eine Transpischablonenoverheadprojektorenavantgarde. Und die sind wir. Wenn also die finale Verwertungskrise eintritt und es mal wieder heißt: Sozialismus oder Barbarei, denn der Preis ist heiß und die Schweine sind bald schon Schinken, dann werden wir gebraucht, den die Revolution erledigt sich ja nicht von selbst, also nicht so ganz, zumindest.
Wegenwart?
Läuft doch alles ganz gut gerade. Geld verdien‘ ich halbwegs genug, da muss jetzt gerade echt nicht die lauwarmersehnte revolutionäre Situation kommen. Und wenn jetzt gleich die Arbeiter- oder Prekarisiertenklasse vor meiner Tür steht, rufe ich dann die ganzen Genossen von ehedem an und mache Plenum? Oder drücke ich ihnen einfach den Ordner mit den alten Antifa-Jugenzeitschriften und eine Overheadprojektortranspimalschablone in die gereckte Faust?
Ein Glück, das mit den 700 Milliarden Euro …
Bashflack!
Die Stadtguerilla lag da natürlich falsch, man kann den Weltgeist ja nicht zwingen. Der muss sich schon von alleine regen, und dann springt man auf den fahrenden Zug auf und steigt ins Führerhäuschen, nein, so kann man das natürlich nicht sagen, Führer gibts bei uns nicht, nur Anstoßgeber und Radikalsierer. Alle müssen ihre eigenen Erfahrungen machen in den Situationen, in die wir sie ganz behutsam an-stoßen, und werden dann schon unsere Schlüsse ziehen … Und dann zieht Vernunft und Wohlstand ein ins Haus der Welt, weil alles für alle (und zwar umsonst) erhältlich ist.
Gegenwert
Und wer bringt dann den Müll weg, wenn keine 700 Milliarden Dollar da sind, um die Banken zu retten, die bekanntlich den Kapitalismus am zirkulieren halten, der vielleicht nicht aus Prinzip, aber zumindest irgendwie dann doch die Müllmänner und -frauen bezahlt? Ich weiß, das ist ein Argument für Eltern und Jungunionisten, aber ein bisschen plagt’s mich doch, dass ich gar nicht weiß, wie ich dann diese Dreckssachen organisieren soll, wenn die Massen mich so ganz konkret fragen. Was, wenn dann irgendein evangelisch-lutherischer Warlord kommt, der das besser in den Griff kriegt? Überhaupt ist ja alles so schrecklich unübersichtlich, was machen denn die Massen in anderen Erdteilen, wenn da keine Overheadprojektortranspischablonenavantgarde zur Verfügung steht? Am Ende Kleinstaaterei, Diktatur, noch mehr Kapitalismus. Kann doch auch nicht gesund sein.
Synkrase:
Ja, so heult er, der Kleinbürger, wenn ihm im Zuge der finalen Verwertungskrise die Ökotechnologie-Fondrente wegschwimmt. Da kann man nix machen, das ist halt eine Frage des Klassenstandpunkts. Aber nicht verzagen: Bis 20 000 Euro sind unsere Einlagen staatlich garantiert oder so. Hach, der Staat, der Feind in meinem Bett! Was will ich mehr als ein Girokonto und Hartz IV in meinem Rücken! Was ich jedenfalls im Moment nicht wirklich will, ist den Wind of Change mitten in die Fresse.