Ich finde es ja meistens albern, wenn Rezensenten schreiben, dass sie „nicht zu viel über die Handlung“ verraten wollen, um den Lesern nicht die Freude an der Lektüre zu nehmen. Im Falle von Karlas neuem Buch, Die Rote Halle, geht es mir aber ausnahmsweise auch einmal so, dass ich nicht zu viel über die Handlung verraten will. Das Buch ist einfach zu schön exakt aufgebaut, die Offenbarungen und Pointen sind zu punktgenau gesetzt, als dass man etwas davon vorweg nehmen wollte. Vorweg nehmen kann und darf man das eine oder andere über die Figuren:
Die Hauptfigur ist Janina, Mitte 30 und Mutter eines fünfzehnjährigen Sohns, diffus unglücklich über ihre eigene Mami-haftigkeit, auf der Suche nach einem Stück verlorener Jugend. Wunderbar gelungen an dieser Figur ist, dass ihr ein ganzer Haufen glaubwürdiger Schwächen mitgegeben werden (viel Angst und körperliche und soziale Unsicherheit), ohne dass sie dabei schwach erscheint oder handlungsunfähig wird und ohne, dass die Geschichte zu einem Vehikel wird, das nur dazu dient, sie über sich selbst hinauswachsen zu lassen. Janina ist tatsächlich mal eine ganz normale Hauptfigur, die unter Extrembedingungen glaubwürdig reagiert – verstört, mal unentschlossen, mal überstürzt und bisweilen einfach falsch, aber mit dem Nachdruck eines Menschen, für den wirklich alles auf dem Spiel steht.
Als Nebenfigur am interessantesten Fand ich Janinas Ex-Freund Josef Rost, einen körperlich in sich zusammenfallenden Tanztheaterregisseur am Rande des Wahnsinns, der sich über sein Krankheitserleben in eine schon fast magische Trance hineinsteigert, die ihn mal wie einen übermächtigen Zauberer wirken lässt, nach dessen Willen die Welt sich fügt, und mal einfach nur bemitleidenswert. Bei dem ist es ziemlich unglaublich, wie tief man in diese total kaputte Figur, furchteinflößende Figur eintaucht und wie genau man plötzlich begreift, was in ihm vorgeht. Das ist nicht nur jemand, bei dem man ein wenig mitleidig versteht, was das Leben aus ihm gemacht hat (ein Monster), sondern jemand, der bis zum Ende noch in diesem Leben steckt und handelt (ein Mensch).
Es gibt auch ein Monster in dem Buch, aber hier fängt jetzt das Zu-weit-Vorgreifen an …
Und ein paar Worte zum Setting und zu den Gimmicks: Verlassener Flughafen Tempelhof. Geisterhafte Sichtungen hinter schalldichten Glasscheiben. Mit Latexhaut bespannte Bühne. Schauspieler, die zur Kostümierung in die Häute frisch geschlachteter Schweine eingenäht werden. Und immer wieder Momente des Body Horror, die sehr eindringlich vermitteln, wie die Wahrnehmung der Figuren angesichts einer Schockerfahrung ins Surreale kippt: Menschen, die bei der Folter ihren Körper verlassen (kein bisschen Erleichterung beim Leser, sondern zusätzliche Verstörung), Verletzungen in Zeitlupe, Momente der Lähmung …
Auf jeder Ebene Thema ist: In seinem Körper fremd sein, zuhause sein, seines Körpers mit Gewalt beraubt werden, den Kontakt zu seinem Körper wiederfinden oder aufgeben … ein Motiv, das ziemlich viel Horror, aber letztlich auch eine schöne Katharsis hergibt.
Insgesamt für mich Karlas bisher bester, weil konzentriertester und von den Figuren her klarster und eindringlichster Roman – einzige Minuspunkte sind ein etwas blasser, spät eingeführter Kommissar, der mehr Raum erhält als nötig und vor allem dem Zweck dient, noch ein paar lose Enden zu verknüpfen, die auch lose hätten bleiben dürfen, und ein, zwei Momente, in denen das Buch etwas zu rasch und gefällig Erwartungen bedient. Wunderbar dafür der makabere Humor, der immer glaubwürdig in der Situation und den Figuren verankert bleibt und die ansonsten enorm grausige Geschichte verdaulich macht und eine ordentliche Spaßkomponente ins Spiel bringt. Und natürlich: Spannend. Habe ich in nur drei Tagen gelesen, was bei mir eine absolute Seltenheit ist.
Also: Dicke Empfehlung für Thriller- und Horrorleser und für Leser sowieso!
]]>K.J. Parker ist eine meiner absoluten Lieblingsautorinnen, von der u.a. einer der beiden mehr als 2000-seitigen Fantasy-Zyklen stammt, die ich nicht nur bis zum Ende durchgehalten, sondern dabei auch maßlos genossen habe (namentlich die Engineer-Trilogie, die es leider nicht auf Deutsch gibt). „Fantasy“ ist dabei etwas irreleitendes Attribut, denn Parkers Werke spielen zwar allesamt in Sekundärwelten, allerdings gibt es dort im Allgemeinen weder Monster noch Magie. Dafür allerdings jede Menge Menschen, die meist einen scharfen Verstand haben, eine Reihe höchst idiosynkratischer Unzulänglichkeiten oft emotionaler Art aufweisen sowie über einen knochentrockenen Sinn für Humor verfügen.
In Purpur & Schwarz geht es darum, dass politischer Idealismus manchmal mehr mit politischen Realitäten zu tun hat, als einem lieb sein kann. Es geht darum, was es für eine Freundschaft bedeutet, wenn sie zu einem nicht geringen Teil auf der Abmachung beruht, dass man gemeinsam die Welt verändern will – und wenn jemand sich Jahre später auf die Buchstaben dieser Abmachung beruft. Es geht in dem Buch tatsächlich sogar ein bisschen um mich. Ich weiß wirklich nicht, wie die Autorin das alles über mich rausgefunden hat …
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Geschrieben von Gero Reimann 1984, lektoriert und herausgegeben von mir in den letzten 1-2 Jahren. Vorwort von Winfried Czech. Die erste und bislang letzte unaufgeforderte Manuskriptzusendung an den Shayol-Verlag, die mich auf den ersten Blick fasziniert hat. Eines der besten, quälendsten, lustigsten und wütendsten Bücher, die ich kenne.
]]>Wo wir gerade bei Markolf Hoffmann sind Neuigkeit 2: Seine Fantasy-Storysammlung Das Flüstern zwischen den Zweigen, mit einem Vorwort von mir und von mir bei Shayol verlegt, ist erschienen. Wer muss das lesen? Vor allem Fans von Tobias O. Meißner und George R.R. Martin, vom Stirnhirnhinterzimmer und Schlotzen & Kloben. Fans von meinem erlesenen Geschmack sowieso. Und alle anderen.
Seit März 2011 ist unter der Regie der SF-Autoren Uwe Post und Sven Kloepping die Webseite deutsche-science-fiction.de online. Die Vernetzung und gezielte Bewerbung deutschsprachiger SF-Autoren ist sicher eine gute Idee: Der deutschsprachige Markt für alle Formen der Phantastik jenseits von „Völkerbuch-Fantasy“ über Elfen, Zwerge, Orks und Trolle ist klein und bietet praktisch keinen Raum für professionelle Mittelfeld-Autoren. In Deutschland ist die SF nach wie vor weitgehend abgekanzelt vom sonstigen Literaturbetrieb – Ausnahmen, die mehr Aufmerksamkeit erhalten, werden entweder als Wissenschaftsthriller, wie die Romane Schätzings und teilweise die von Eschbach, vermarktet oder als (vielleicht etwas abgedrehte) Hochliteratur – Bücher von Juli Zeh, Christian Kracht oder Dietmar Dath. Nicht nur das, sondern auch die Szene-Mentalität innerhalb der hiesigen SF-Klüngel führt dazu, dass sich kaum ein deutschsprachiger SF-Autor dem Urteil entweder des Marktes oder des Feuilletons stellen muss. Deshalb ist es nur bedingt die Schuld individueller Autoren, dass die deutschsprachige SF handwerklich und kreativ im Vergleich mit der englischsprachigen ziemlich arm aussieht. Es gibt weder einen Druck, an den eigenen schriftstellerischen Fähigkeiten zu arbeiten, um zugleich den eigenen Ansprüchen zu genügen und markttauglich zu sein, noch gibt es die ökonomische Freiheit, auch von Auflagenstärken im unteren Mittelfeld zu leben und sich dabei beruflich der Entfaltung des eigenen Stils zu widmen. In Deutschland hat man als SF-Autor etwa folgende Möglichkeiten: Man kann radikal das eigene Schreiben entwickeln und hoffen, es irgendwie in die Hochliteratur mit ihren zumindest zuweilen halbwegs passablen Auflagenzahlen zu schaffen; man kann sich als Autor von Wissenschaftsthrillern versuchen oder ins Elfen- und Zwergenfach wechseln; oder man kann das Schreiben als Hobby betreiben und seine Portion Anerkennung nicht aus der Auflagenstärke oder den Feuilleton-Besprechungen beziehen, sondern aus den wohlwollenden Forenkommentaren anderer Hobby-Autoren. Alle drei Möglichkeiten sind legitim, und auch auf den letzteren beiden Wegen kann durchaus mal ein gutes Werk zustande kommen. Die Wahrscheinlichkeit dafür ist jedoch eher gering.
Insofern ist erst einmal jede Bemühung zu begrüßen, deutschsprachigen Autoren die weitere Verbreitung ihrer SF-Werke zu ermöglichen. Vielleicht schafft der eine oder andere dabei ja tatsächlich den Sprung aus der Szene heraus und erhält dadurch die Möglichkeit, seinen Stil ernsthaft zu entfalten. Am besten für Geld.
Dazu muss man aber erst einmal anerkennen, dass es mit der deutschsprachigen SF im Argen liegt, und nicht nur, insofern sie nicht die gebührende Anerkennung erfährt, sondern vor allem, insofern die meisten Werke, die aus der Szene heraus entstehen, bestenfalls passabel sind, sich aber qualitativ nicht mit englischsprachigen Werken messen können. Das ist an sich noch gar nicht schlimm. Es hat eben mit dem deutschsprachigen Buchmarkt zu tun. Will man etwas dagegen unternehmen, dann müsste vor allem vielversprechende Autoren in ihren jeweils individuellen Ansätzen fördern und für sie um Aufmerksamkeit werben.
Wenig hilfreich ist es dagegen, so zu tun, als wäre das Produkt „Deutsche SF“ eine Spitzensache, die man nur etwas besser bewerben und am besten mit einer klaren, griffigen Markenidentität namens „deutsch“ versehen müsse.
Noch weniger hilfreich ist es, wenn man sein Anliegen in jenem typisch deutschen Beleidigt-weil-zu-kurz-gekommen-Tonfall vorträgt und sich als Opfer einer amerikanischen „Leitkultur“ geriert.
Ganz und gar nicht hilfreich ist es, wenn man das Anliegen, SF-Autoren, die auf Deutsch schreiben, eine Plattform zu bieten, mit der Frage nach „deutschen Themen“ in der SF, nach „gesundem Nationalismus“ und nach „Unterdrückung durch die US-Kulturindustrie“ vermanscht.
Hauptsächlich macht sich mein Genervtheit über das Projekt deutsche-science-fiction.de an dem Streitgespräch zwischen den Initiatoren Uwe Post und Sven Kloepping fest. Was daran ärgerlich ist und wie die dort vorgetragenen Standpunkt eher noch zusätzlich zu ästhetischen und inhaltlichen Verarmung deutschsprachiger SF beitragen, lässt sich sehr schön vor allem an Uwe Posts flammender Fürrede darlegen:
Die bösen Verlage sind schuld daran, dass die SF-Autoren hierzulande am Hungertuch nagen müssen. Oder die Leser, die lieber FBI-Agenten mit Namen wie Smith und Wesson bei ihren Ermittlungen in L. A. beobachten als Herrn Steffens aus Feucht bei Nürnberg? Und ich dachte immer, Lokalkolorit kommt an. Aber, nein: Selbst in Bernhard Schneiders »Ardennen-Artefakt« rufen die Franzosen gleich mal die NSA zu Hilfe, damit bloß keine Europäer die Ermittlungen übernehmen müssen … wäre ja auch uncool.
Uwe Post, http://deutsche-science-fiction.de/?p=10
Klar ist Uwe Posts ironischer Tonfall hier nicht zu überhören. Aber diese diffuse Form der Uneigentlichlichkeit, in der alles mit einem Augenzwinkern gesagt wird, ist unredlich: Sie dient nicht dazu, eine Aussage durch Kontrastierung zu ihrem Gegenteil zu unterstreichen, sondern lässt vielmehr durchblicken, dass man das Gesagte durchaus auch so meint, aber vielleicht nicht ganz so doll, weil man ja vielleicht auch kritisch beäugt werden könnte, würde man tatsächlich in solcher Schärfe seine Ansichten vorbringen, die man (durchaus zu unrecht) für „unbequem“ hält. Es ist eine Ironie, die man bei der Bewertung des Aussagegehalts außer Acht lassen kann, weil sie nur zur Verwischung dient, als präventives Rechtertigungsmanöver.
Zieht man die inhaltslose Ironie ab, bleibt Posts Aussage: Schuld an der Misere der deutschsprachigen SF sind die Verlage, die lieber auf eingekaufte US-Erfolgstitel setzen, und die deutschen Leser, die Amerikanisches Irgendwie „cooler“. Wenig später fügt Post hinzu: „Ich prangere an, dass selbst deutsche Autoren klassische Ami-Motive nachplappern.“ Schuld ist der Umstand, „dass die Amis immer noch so eine Art Leitkultur sind, geprägt durch Hollywood.“ Dass es ihm mit dem Anprangern bei aller stumpfen Ironie durchaus ernst ist, verrät der Schluss seines Plädoyers: „Warum lassen wir nicht die Amis die Ami-SF schreiben und erschaffen selbst deutsche und europäische? Wer soll es denn sonst tun, wenn nicht wir, hm?“ Ein Schuft also, ein Wasserträger der imperialistischen „Leitkultur“ gar, wer deutsch ist und doch keine „deutsche SF“ schreiben will!
Was „deutsche SF“ enthalten soll, das wird (nicht ohne den bekannten uneigentlich-ironischen Unterton) auch gleich in Form eines Arbeitsauftrags an die deutschen SF-Schaffenden bekanntgegeben:
Wir können auch eine Zukunft zeigen, die anders ist – selbst wenn es nicht das wahrscheinlichste Szenario ist, dass mal eine Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Raumstation im Orbit schwebt. Ich glaube, dass es eine nationale und europäische Identität gibt, die glücklicherweise heutzutage nicht mehr mit Nazi-Ideologie verwechselt wird, und die durchaus eine Menge Leser ansprechen kann.
Nationale Besinnung ist also gefragt, im Dienste der Sache, nämlich der „deutschen SF“. Was rührt der Post denn da bitte alles zusammen? Warum wird SF besser, wenn eine Kaiser-Wilhelm-Raumstation im Orbit schwebt oder wenn statt der NSA der poplige MAD bemüht wird? Und was soll die von hinten links durchs Auge geschossene Abwehr gegen den Nazi-Vorwurf? Geht es mal wieder darum, dass man „nun endlich wieder Sachen sagen darf“, die man irgendwie mal „nicht sagen durfte“? Leider hat Uwe Post durch den scharfsinnigen Einsatz von Ironie die Seriennummern seiner Aussagen abgefeilt, man kann also nur spekulieren …
Lässt man den ganzen Nazikram beiseite, den Post befremdlicherweise selbst aufs Tapet bringt, dann sieht es für mich danach aus, dass Uwe Post spezifisch deutsche SF für eine Spitzensache hält, die nur noch ein wenig klarer als deutsch erkennbar werden muss und ein bisschen weiter verbreitet – möglichst auch in die USA, über die er (weil man sich dort nicht für seine Werke interessiert) klagt: „Sehen amerikanische Leser nicht über den Tellerrand oder trauen ihnen ihre Verlage das nicht zu?“
Die Lösung scheint ihm zu sein, dass man der Marke mittels deutscher Alleinstellungsmerkmale (kaiserliche Gedenk-Orbitalstationen!) mehr Profil verleihen muss, und dass man mehr Webung machen muss. Dass man das jeweils einzelne Produkt – und zwar nicht „die deutsche SF“, sondern schlicht und einfach die ganz individuellen, eventuell kein bisschen als spezifisch deutsch erkennbaren Werke auf Deutsch schreibender Autoren aufgrund ihrer ganz eigenen ästhetischen und inhaltlichen Qualitäten besser bewerben könnte, und dass man dazu beitragen könnte, einen Raum zu schaffen, in dem Autoren den Themen nachgehen können, die ihnen individuell liegen, und nicht spezifisch „deutschen“ Themen, darauf scheinen weder Post noch Kloepping zu kommen. Anscheinend geht es hier gar nicht so sehr um gegenseitige Unterstützung, sondern um einen Appell an die deutschen SF-Schaffenden, ihren Beitrag zum nationalen Projekt zu leisten. Offenbar ist man – verständlicherweise – vergnatzt darüber, dass der Markt hierzulande von Übersetzungen plus ein, zwei deutsche Namen beherrscht wird, sieht das Problem im in der Dominanz des angloamerikanischen Marktes, fühlt sich einmal mehr als deutsches Opfer und trumpft dann trotzig mit dem Gegenprojekt auf, dessen Qualitätsmerkmal eben allein das irgendwie Deutsche (vielleicht auch mal: Europäische) ist. Dass man dabei einerseits über derivativen amerikanischen Schund herzieht, andererseits aber die dümmlichen Gesichter der Orion-Besatzung und Perry Rhodans in der Kopfzeile hat und auf der Webseite derart unerträglichen, nur schwerlich als „deutschsprachig“ zu bezeichnenden Schund wie Ren Dhark bewirbt, ist da bloß das I-Tüpfelchen. Vielleicht, ganz vielleicht, interessiert man sich im englischsprachigen Raum ja völlig zu Recht nicht für die deutsche SF – die man eigentlich wirklich nicht so dringend braucht, wenn man Dick und Delany hat, Neal Stephenson und William Gibson, Doris Lessing und James Tiptree Jr.
Die Macher der Website wollen „deutsche SF“ zur Erfolgsmarke machen. Qualitative Erwägungen sind bei so einem Projekt zwangsläufig zweitrangig – wichtig ist, dass die Markenidentität ausreichend Profil hat, um nach außen hin vom Rest abgrenzbar zu sein und gleichzeitig eine gewisse Homogenität zu versprechen, in der die Leser es sich häuslich einrichten können. Das ist nicht weit entfernt von dem, was die großen Publikumsverlage vor einigen Jahren mit der „neuen deutschen Fantasy“ gemacht haben. Das war nicht nur schlecht, immerhin hat es einigen hervorragenden deutschsprachigen Fantasy-Autoren auch den Weg zum kommerziellen Erfolg geebnet. Gleichzeitig hat es aber zweifellos die kreative Eigenständigkeit zahlreicher vielversprechender Fantasy-Autoren erstickt.
Aber bei den Völker-Büchern von Heyne, Piper und co. stand wenigstens noch Geld dahinter. Beim Projekt „deutsche SF“ scheint es dagegen allein um Identitätsstiftung zu gehen – der/die deutsche SF-Schaffende soll nach Willen Posts und Kloeppings allein deshalb die gestellten „deutschen“ Themen behandeln, um dazuzugehören und seinen Beitrag zu leisten. Was ein noch sehr viel schlechterer Grund ist, sich künstlerisch zu verbiegen, als das liebe Geld.
Es mag gut sein, dass der Erfolg den Machern recht geben wird – wenn es jemals einen deutschsprachigen SF-Boom geben sollte, dann wohl eher aufgrund einer griffigen, deutsch-europäischen Markenidentität als aufgrund der individuellen Qualitäten außergewöhnlicher Werke. Mich persönlich würde ein solcher Boom höchstens so weit interessieren, wie mich der deutsche Fantasy-Boom interessiert hat: Insofern auch er sicher einigen eigensinnigen Autoren Chancen eröffnen wird, die sich querstellen, die deutsche Markenidentität unterwandern oder sie verdientermaßen der Lächerlichkeit preisgeben. Ich wünsche auch den mit deutsche-science-fiction.de assoziierten Autoren als Autoren ehrlich viel Erfolg (gerade Uwe Post weiß ich als Storyautor sehr zu schätzen, während seine Romane mich leider kaltlassen). Das Projekt „deutsche SF“ hingegen ist mir ein Ärgernis. Mich interessiert nicht, ob SF deutsch ist (übrigens auch nicht, ob sie im Sinne irgendeiner Definition „richtige SF“ ist), sondern ob sie gut ist. Damit neue, gute SF geschrieben werden kann – auch auf Deutsch – müssen die SF-Schaffenden einander unterstützen, sich vernetzen und um Aufmerksamkeit werben. Aber eins müssen sie ganz sicher nicht: deutsch sein.
]]>Warum hatte ich eigentlich noch immer nichts unternommen, fragte ich mich? Ich schlenderte ziellos durch die Straßen, tat dies und das, aber bei der Polizei war ich noch nicht gewesen.
Felix Woitkowski, Die Wanderdüne, S. 34
Wenn einem als Leser eines Romans oder einer Erzählung allzu klar ins Bewusstsein dringt, welche ästhetische Wirkung der Autor erzielen will, dann kann das daran liegen, dass die Regel des „Show, don‘t tell“ verletzt wurde. Die Lektüre von Felix Woitkowskis surrealem Roman Die Wanderdüne habe ich wegen wiederholter derartiger Regelverletzungen schließlich abgebrochen. Natürlich ist der eine oder andere gezielte Regelverstoß beim Schreiben die Butter zum Fisch. Aber gezielt muss er eben auch sein, bewusst und gekonnt, und für die speziellen Verstöße, die Woitkoswski sich erlaubt, reichen seine schriftstellerischen Fähigkeiten – ich sage mal optimistisch: noch – nicht aus.
Offenbar soll in Die Wanderdüne eine traumartige Atmosphäre vermittelt werden, und das gelingt in mehreren eindrücklichen Szenen auch wunderbar. Da gibt es zum Beispiel die Sequenz, in der ein Mann von innen heraus zu Sand zerfällt:
Die letzten Worte verschluckte er im Sand. Er spuckte ihn nicht aus, sondern atmete ihn ein, als wäre es eine Droge, die er zum Leben brauchte. Mit Entsetzen sah ich, wie Justus‘ Haut durchsichtig wurde. Kein Blut, kein Fleisch, keine Muskeln umlagerten mehr seine Knochen sondern – Mit einem dumpfen Ton bahnte sich der Sand seinen Weg nach draußen. die Körner stoben auseinander, während der schwarze Mantel wie eine leere Hülse in sich zusammenfiel.
S. 57
Man kann sich über stilistische Feinheiten streiten – ist ein Mantel wirklich eine Hülse oder nicht doch einfach eine Hülle? Können Blut, Fleisch und Muskeln die Knochen wirklich „umlagern“? Trotzdem ist das Bild wirkungsvoll und prägnant, und Woitkowski vertraut auf seine Wirkung und beschränkt die Innenschau des Erzählers klugerweise darauf, dass er in diesem Moment „Entsetzen“ empfindet.
Dummerweise hat Woitkowski in den seltensten Fällen solches Vertrauen in seine Bilder. Um den Leser daran zu erinnern, dass der Erzähler in einem bizarren Albtraum gefangen ist, verwendet er deshalb immer wieder explizite Formulierungen wie die eingangs zitierte, oder wie diese:
Ich wunderte mich, wie selbstverständlich ich diesen Gedanken gedacht hatte. Als ob es etwas Alltägliches wäre, zum Sekundanten eines mir unbekannten Mannes erklärt zu werden, der sich ein Duell leisten wollte.
S. 30
Anstatt die scheinbare Selbstverständlichkeit von bizarren Traumereignissen atmosphärisch einzufangen, erinnert Woitkowski den Leser hier explizit daran, dass er sich eben dieses Gefühl vergegenwärtigen soll. Und zwar in ziemlich regelmäßigen Abständen. Genau das verhindert leider das Entstehen einer traumartigen Atmosphäre. es ist etwa so, als würde man vom Musikgenuss abgehalten, weil jemand neben einem steht, der immer wieder nachdrücklich auf gewisse interessante Eigenheiten der laufenden Musik hinweist. Der Autor scheint mehr in die eigene künstlerische Absicht verliebt als in die schriftstellerische Technik, die es bräuchte, um ihr Ausdruck zu verschaffen.
Dazu kommt, dass Woitkowski die Traumartigkeit der Ereignisse zuweilen als Vorwand gebraucht, um seiner Hauptfigur ein Eigenleben zu verweigern und sie mit Formulierungen in der Art von „Ich wusste selber nicht, warum es mich dorthin zog“ an die Leine zu nehmen. Die Psychologie des Träumers – in einem Traumszenario fast zwangsläufig der rote Faden, ohne den die Ereignisse zusammenhanglos erscheinen müssen – enthält leider bis zu dem Punkt, an den ich mit der Lektüre vorgedrungen ist, kaum Raum, um sich zu entfalten.
Was zu Langeweile führt, und bei mir zum Einstellen der Lektüre.
Nun ist mein Urteil unfair, nicht nur, weil ich nur etwa ein Drittel von Die Wanderdüne gelesen habe, sondern auch, weil ich parallel dazu Thomas Mann gelesen habe – neben dessen Wortkunst der etwas geschraubte und altertümelnde Stil von Woitkowski zwangsläufig gewollt wirkt (warum z.B. muss es im obigen Zitat heißen, dass sich jemand „ein Duell leisten wollte“, wenn man auch einfach von einem Duellanten reden könnte?); und weil ich zugleich Gero Reimanns surreales Meisterwerk Sonky Suizid lektoriere. Irgendwo zwischen den Polen Mann und Rei-Mann (haha) lässt sich der ästhetischen Absicht nach wohl auch Die Wanderdüne ansiedeln, ein philosophischer Roman, vielleicht auch ein verschlüsseltes Sittengemälde.
Um nicht gar so unversöhnlich zu verbleiben, möchte ich anmerken, ist dass mir Woitkowskis Roman eine Menge Hoffnung gemacht hat, auch und insbesondere bezüglich möglicher späterer Werke. Die Wanderdüne scheint mir alle typischen Schwächen eines Erstlingswerks zu haben: Strukturlosigkeit, Verkrampftheit, mangelndes Selbstvertrauen gepaart damit, dass der Autor sich vielleicht ein bisschen zu wichtig nimmt. Genug, um ein Buch zu ruinieren und genug, damit ein junger Autor daraus lernen kann, wie es richtig geht.
Noch erfreulicher ist, dass Die Wanderdüne bei aller Bemühtheit doch sichtlich genau das Buch ist, das Woitkowski schreiben wollte, ohne Rücksichtnahmen auf Erwartungen dieser oder jeder Szene. Im Moment gefällt mir das besonders gut, weil ich derzeit eher angenervt den Versuch einer SF-Schaffender verfolge, mit der Webseite deutsche-science-fiction.de für ein nationales Genre-Erweckungsprojekt mit diffusem und unglaubwürdigem ironischen Unterton werben. Darüber müsste man Ausführlicheres schreiben – mir ist das Projekt eher unsympathisch, was weniger mit dem Label „deutsch“ zu tun hat und mehr mit der selbstverständlichen und schon etwas dummdreisten Art, mit der vorausgesetzt wird, dass deutschsprachige SF-Schaffende sich im Sinne der Macher als „deutsche“ SF-Schaffende begreifen, deren Werke sich noch dazu bitte durch spezifisch „deutsche“ Charakteristika auszeichnen sollen.
Okay, ich gebe zu, der Zusammenhang ist lose und besteht vor allen Dingen in meinem Kopf und darin, dass ich bei Die Wanderdüne eben vor allen Dingen einen Woitkowski lese und kein Werk, das gerne als Aushängeschild einer wie auch immer gearteten deutschen Phantastik verstanden werden will. Solche Bücher machen mir Hoffnung auf das Fortbestehen individueller schriftstellerischer Integrität (im Gegensatz zum wichtigtuerischen Bewegungsschreiben, das mir deutsche-science-fiction.de zu propagieren scheint), und falls Woitkowski sich in drei oder vier Jährchen mal entschließt, ein Manuskript bei Shayol einzureichen, würde ich mich durchaus freuen.
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