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Lektoriert und erschienen: ein totes im see‘bolo

Gecko Neumckes soeben in unserem Verlag das Beben erschienene Buch ein totes im see‘bolo war von allen Manuskripten, die uns Ende letzten Jahres hereingeflattert sind, sicher das überraschendste. Erst mal sperrig – hä, warum ist da alles klein geschrieben? Was sind das für komische Zwei-Silben-Wortbestandteile in schuh‘bolo, oldie‘gana, cono‘rüben, chip’sibi? Warum wimmelt es von lauter „Es‘“ statt „Ers“ und „Sies“? Da schwant einem Politisches …
Beim Weiterlesen wurde alles ganz schnell nicht absolut klar, aber doch irgendwie nachvollziehbar. Ich konnte mir einen groben Reim auf die sprachlichen Eigenwilligkeiten machen, begriff, wie die Protagonisten drauf sind und habe langsam angefangen, mich nicht nur ein bisschen zu amüsieren, sondern richtig breit über dieses Buch zu grinsen. Gnihihi, dachte ich mir, da lebt die Hauptfigur im schönsten Anarchokommunismus, und was denkt sie sich? Zum Beispiel das:

in den alten zeiten wär ich einfach müllmensch gewesen und gut, acht stunden keulen, dann feierabend. jetzt war der müll mein notwendiges viertel, und dann kam noch dieser quatsch mit dem repro und der politik und dem freien für mich. danke, santa frigga. keine ahnung, warum ich schon wieder so ne scheißlaune hatte

Oder: Gnihihi, diese knörzigen Altautonomen, die zwei Generationen später noch immer von der Niederringung des Kapitalismus rumpoltern wie irgendwelche Weltkriegsveteranen, die kenn ich doch auch. Und das mit der aufgehobenen Zweigeschlichtlichkeit war zur Abwechslung richtig schön locker und beiläufig erzählt. Vor allem aber hatte ich beim Lesen das Gefühl, dass es richtig Spaß machen würde, in so einer gut organisierten, aber leicht verpeilten befreiten Gesellschaft irgendwo zwischen William Morris und Elektrifizierung zu leben. Und den Spaß hatte ich auch beim Lesen. Wo gibt’s denn bitte so was, eine Utopie, in der das Leben nicht langweilig ist? In der Kinder ziemlich oft nerven, lästige Pflichten nur unter Maulen erledigt werden und plötzlich so aufschreckende und aufregende Dinge passieren wie ein Mord?

Irgendwann am Ende habe ich auch kapiert, dass die ganzen komischen Begriffe und die politische Organisation der geschilderten Gesellschaft maßgeblich auf dem Buch bolo‘bolo des ziemlich seltsamen Schweizer Autors P.M. beruht. Von P.M. hatte ich irgendwann mal Weltgeist Superstar gelesen und erinnere mich dunkel, dass ich zum Teil belustigt und zum Teil aus weltanschaulichen Gründen sehr verärgert darüber war. Zum P.M.-Fan hat es jedenfalls nicht gemacht, deshalb habe ich auch nie bolo‘bolo gelesen, obwohl das Buch so eine Art Bibel meiner Wagenplatz-FreundInnen war. Trotz dieser Bildungslücke habe ich ein totes im see‘bolo uneingeschränkt genossen und wollte es hinterher gleich noch einmal lesen.

Da traf es sich ganz gut, dass es sich um ein bei uns eingesandtes Manuskript handelte, das noch dazu dem ganzen Verlagsteam gefiel. Ich meldete mich also flugs freiwillig als Lektor und habe mich an den zweiten und dritten Lesedurchgang gemacht. Und zusammen mit Gecko natürlich noch ein bischen am Text rumgeschraubt, ihm hier eine Stelle ausgeredet und ihm da noch ein paar Absätze mehr abgeschwatzt. Dabei habe ich mal wieder gemerkt, dass ich gerne viel öfter Texte lektorieren möchte, weil das eine enorm interessante Art ist, sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Es geht dabei ja nicht nur darum, hier und da eine schönere Formulierung zu finden. Man muss sich immer fragen: Was ist das für ein Text, wie klingt der, was tut der, was gehört da rein und was sind Sachen, die da eigentlich nicht reingehören, dem Autor aber reingerutscht sind? Und gibt es darin Formulierungen, die nicht schöngemacht werden sollten, die hässlich sein müssen oder die man sogar noch hässlicher machen muss?

Die Lektoratserfahrung mit ein totes im see‘bolo war bisher meine angenehmste und befriedigendste – sicher auch, weil ich mir viele Gedanken über den Text machen konnte, ohne dem Autor letztlich mit besonders viel Änderungen aufwarten zu müssen. Das Meiste stimmte schon so, in aller Verschrobenheit, mit den Kleinbuchstaben, den komischen Zweisilbern, dem Plauderton der Figuren, den kleinen lieben und den kleinen makaberen Witzen … es ist einfach ein ganz tolles Buch, und ich wünsche mir natürlich, dass ganz viele Leute es lesen!

Hier geht’s zur Buch-Webseite und zur Leseprobe.

Ein Interview …

mit mir, in erster Linie zu meinem Storyband, gibt es hier.

Erste Rezensionen zu „Nichts Böses“

… sind erschienen.

Auf fantasyguide urteilt Ralf Steinberg:

»Nichts Böses« ist schaurige Phantastik, die man mit einem breiten Grinsen liest.

Und Klaus N. Frick macht mich fast verlegen mit den Worten:

Wer unbedingt einen Vergleich möchte, darf gerne Ray Bradbury bemühen: Wie der Altmeister der phantastischen Literatur lässt auch Schmidt gern zu, dass sich Realität und Phantastik vermischen. Das macht er so geschickt, dass man manche Geschichten gleich ein zweites Mal lesen möchte.

Schlotzen & Kloben gibt es immer noch!

Wir haben in letzter Zeit an der Werbefront schwer geschwächelt, aber unsere Lesebühne gibt es immer noch – und sie hat mit Svenja Schröder sogar Nachwuchs bekommen! Am 14. November treten wir wieder in der Z-Bar auf – alles weitere erfahrt ihr auf unserem Blog.

Storysammlung erschienen!

Jetzt ist sie also da, meine erste Storysammlung. Letzten Freitag hat mir Boris Koch einen dicken Stoß Bücher ins Otherland gebracht – und schön sind sie geworden, dass kann ich mal so ganz ohne Eigenlob, und dafür mit ganz viel Lob an die Illustratorin und das ganze Produktionsteam vom Satz bis zur Druckerei sagen!
Das Buch kostet 13 Euro ist vorerst im Otherland und direkt beim Verlag erhältlich. Die anderen einschlägigen Vertriebswege werden natürlich in näherer Zukunft auch noch bedient – ich freue mich aber besonders über alle, die mit einem Kauf direkt unsere Buchhandlung oder den Medusenblut-Verlag unterstützen.

Eine Facebookseite gibt es natürlich auch, muss ja …

Und dazu auch noch etwas ganz klassisch analoges, den Klappentext:

Nicht böse – nur hungrig!
Unter den Galgen der Gehenkten, wo die Erde fett und schwarz ist von herabtropfendem Leben, gedeihen Alraunen. Geschöpfe aus Meerestiefen nisten sich in Menschen ein, um durch ihre Poren Sonne zu trinken. Hunde lecken das Blut von der Straße und kommen auf den Geschmack.
Die Dinge unter der Haut der Wirklichkeit sind nicht böse. Sie sind gierig und geistlos, getrieben von tierischem Hunger und menschlicher Sehnsucht.
Zehn Geschichten von seltsamen, grausamen und entsetzlich lustigen Begebenheiten. Mit zwölf Illustrationen der Berliner Künstlerin Vincristine.

Bei unserer nächsten Schlotzen & Kloben-Lesung am 14. November werde ich das Buch natürlich auch im Gepäck haben!

Nichts Böses

… erscheint im November 2013! Mehr in Kürze.

NichtsBoeses

David Anthony Durham, Acacia

(Beitrag vom neuen Otherland-Blog)

Eine ganze Weile musste ich in mich gehen, um endlich ausführlich über Acacia von David Anthony Durham zu schreiben. Endlich habe ich mich mal wieder an eine Fantasy-Trilogie herangewagt, trotz meines grundsätzlichen Misstrauens gegen alles, was mit einem Volumen von über 500 Seiten daherkommt. Meinen spontanen Eindruck habe ich schon in Form eines Otherland-Lesetipps kundgetan: Durham hat einen intelligenten, sprachlich schönen, angenehm ruhigen Fantasy-Roman mit einem interessanten Figurenpersonal hingelegt. Ein paar Aspekte von Acacia lassen mir allerdings keine Ruhe (ob im positiven oder negativen Sinne hängt dabei maßgeblich von den nächsten beiden Bänden ab, die ich noch nicht gelesen habe).

Wer Wert darauf legt, vom Verlauf des Romans, vor allem von der Entwicklung der Figuren, vollkommen überrascht zu werden, sollte nicht weiterlesen; ich habe zwar nicht vor, mit Spoilern um mich zu werfen, aber der eine oder andere wird unvermeidlich sein.

Acacia spielt in einem Großreich, dass von der Dynastie der Akarans beherrscht wird, das auf einer mediterran anmutenden Insel residiert und den Rest der bekannten Welt mittels einer Droge namens „Nebel“ in seinem Bann hält. Um diese Droge zu bekommen und den Frieden mit dem Nachbarkontinent aufrechtzuerhalten, liefern die Akarans den rätselhaften Lothan Aklun regelmäßig ganze Schiffsladungen mit Kindern, deren Schicksal im Dunkeln bleibt. Klingt nach einem ziemlichen Schweineimperium, was? Nur dass König Leodan Akaran ein melancholischer Humanist ist, der sich dafür schämt, dass er nie den Mut aufgebracht hat, etwas am System zu ändern. Deshalb fasst er den Plan, seine vier Kinder in alle Winkel der bekannten Welt zu entsenden. Sie sollen jenseits des behüteten königlichen Mikrokosmos aufwachsen und dadurch eines Tages zu besseren, weiseren und mutigeren Herrschern werden. Wahrscheinlich hätte Leodan diesen Plan aus Angst um seine Kinder niemals umgesetzt, doch dann lehnt sich das Volk der Mein auf, dass vor Jahrhunderten nach einem Machtkampf in den unwirtlichen Norden verbannt wurde, und überrennt mithilfe seiner gruseligen kannibalischen Verbündeten und durch fiese biologische Kriegsführung das Imperium. Der engste Vertraute des Königs, Thaddeus Clegg (der als Verräter gleichzeitig für den Fall des Imperiums mitverantwortlich ist) gibt dem nach einem Giftanschlag im Sterben liegenden Leodan das Versprechen, seine Kinder in Sicherheit zu bringen.

Zehn Jahre später hat Hanish, der Anführer der Mein, es sich zusammen mit seiner Adelsschicht im warmen Acacia als neuer Herrscher gemütlich gemacht. Natürlich sind die Mein kein bisschen bessere Herren als die Akaraner und betreiben auch fleißig weiter Kinder- und Drogenhandel. Drei der vier Königskinder leben derweil versteckt in entlegenen Winkeln der Welt – der älteste Sohn, Aliver, bei einer Stammesgesellschaft, die Tochter Mena als Hohepriesterin eines grausamen Vogelgotts auf einer tropischen Insel, und der jüngste Sohn Dariel als Pirat, der der abscheulichen Seehandelsgilde ordentlich zusetzt. Nur die Flucht der ältesten Tochter Corinn ist missglückt; sie lebt als Trophäe an Hanishs Hof.

Der Hauptteil des Romans handelt davon, wie drei der Geschwister zusammenfinden und mithilfe der sozialen Bande, die sie in ihren jeweils neuen Leben geknüpft haben, eine Armee für den Aufstand gegen die herrschenden Mein sammeln. Parallel dazu wird Corinns Geschichte erzählt, die sich schließlich in ihr Schicksal als Gefangene im goldenen Käfig fügt (wobei sie – zumindest zwischenzeitlich – auch anerkennt, dass die Mein keine besseren oder schlechteren Herrscher sind als die Akaraner) und sich sogar in Hanish verliebt. Dumm nur, dass der sie eines Tages wird opfern müssen, um den Blutdurst seiner durch einen Zauberbann zu ewigem Unleben verdammten Vorfahren zu stillen …

Die Geschwister Dariel, Aliver und Mena sind die eindeutigen Sympathieträger in Durhams Roman und streben allesamt eine bessere, gerechtere Weltordnung an, als es sie je gegeben hat. Die Frage drängt sich auf, woher die drei diesen (durchaus praktischen) Idealismus beziehen. Zum einen rührt er natürlich von der humanistischen Grundbildung her, die ihnen ihr Vater hat angedeihen lassen. Entscheidend scheint aber zu sein, dass sie alle in kleinen Gemeinschaften aufgewachsen sind, in denen die Konsequenzen ihrer Entscheidungen für sie unmittelbar ersichtlich sind und auch Verantwortung für Missstände sich klar benennen lässt. Sie stellen damit die erfolgreiche Verknüpfung abstrakter Ideale, deren Herausbildung überhaupt erst durch die Existenz einer Herrscherschicht ermöglicht wurde, die sich dem ausgedehnten Müßiggang und der persönlichen Bildung widmen konnte, mit konkret erfahrener Solidarität dar.

Corinn dagegen, die weiterhin bei Hof lebt (wenn auch unter einem neuen Regime), bewegt sich in einem System, in dem Verantwortung nur schwer klar zuzuweisen ist, Sachzwänge regieren und Ungerechtigkeiten sich größtenteils außer Sicht ereignen. Die Herrschaft von Hanish Mein wird für sie ein dunkles Spiegelbild der Herrschaft ihres Vaters – das geht soweit, dass sie sich nicht bloß in Hanish verliebt, sondern sich durch ihn zwischenzeitlich bewusst an ihren Vater erinnert fühlt. Doch auf die Liebe folgt die buchstäbliche Enttäuschung, als Hanish sich zum Verräter an ihrer Liebe wandelt. Das grausame Herrschaftssystem sowohl der Akaraner als auch der Mein erscheint nun endgültig zur Kenntlichkeit entstellt. Corinn, die nie eine Alternative zum Leben bei Hofe kennengelernt hat, wandelt sich darüber zur Zynikerin, die erkannt zu haben meint, dass gutes Regieren nichts anders ist als eine möglichst effektive Verwaltung und straffe Kontrolle des Elends. In ihr verbindet sich die konkrete Regierungspraxis mit der vermeintlichen Abstraktheit des durch sie verursachten Elends.

Das Konzept dieser positiven und negativen Synthesen von Herrschaft und Freiheitsstreben ist interessant und mittels der Figuren auch gut umgesetzt – auch wenn die Figuren selbst dadurch gelegentlich etwas zu schematisch wirken. Tatsächlich sind Figuren wie der verräterische Berater Thaddeus und der designierte Thronerbe Aliver zu Beginn des Romans nuancierter gezeichnet, während sie zum Ende hin immer stärker auf eine bestimmte und bestimmende Eigenschaft festgelegt werden. Das ist der eine Aspekt, der mich an Acacia gestört hat: die psychologische Komplexität der Figuren (vielleicht mit Ausnahme von Corinn und Mena) nimmt tendenziell ab.

Ein zweiter störender Aspekt ist, dass die Schrecken der Herrschaft von Akarans und Mein nicht nur für die Königskinder abstrakt bleiben, sondern auch für die Leser. Der systematische Kinderraub und die Sklavenarbeit, die zahlreiche Untertanen des Reichs von Acacia leisten müssen, werden niemals greifbar, weil sie zu keinem Zeitpunkt Figuren betreffen, die einen Namen haben. Einerseits finde ich es sehr angenehm, dass sich Durham von der Grim’n Gritty-Welle abhebt, die die Fantasy durchschwappt und darauf abhebt, möglichst hart Dreck, Gewalt und Verrohtheit einer pseudomittelalterlichen Welt zu darzustellen. Andererseits ist es problematisch, wenn ein Roman einerseits nahelegt, dass zum Erkennen ungerechter Herrschaft die persönliche Erfahrung ein entscheidender Schritt ist, diese Erfahrung dem Leser aber andererseits vorenthalten wird.

Am nächsten kommt Durham der Darstellung eines grausamen Herrschaftssystems in dem Handlungsstrang um Mena, die durch einen seltsamen Zufall Hohepriesterin der rachsüchtigen Vogelgöttin Maeben auf einer kleinen Insel wird. Maeben zeichnet sich dadurch aus, dass sie mit Vorliebe Kinder raubt, und Menas Aufgabe als Hohepriesterin ist es, den Eltern ihren Verlust als schicksalhaft oder gar selbstverschuldet (weil sie es an der gebührenden Demut haben fehlen lassen) zu verkaufen. Der Kult um Maeben taugt damit als eine Art Miniaturversion der Akaraner/Mein-Herrschaft; deren Konsequenzen versucht Durham offenbar, für die Figuren und den Leser erfahrbar zu machen, indem er sie auf einen wesentlich kleineren, persönlichen Maßstab herunterbricht. Mena lernt, den Mythos von der Gottgegebenheit der Herrschaft zurückzuweisen (sie legt nicht nur ihr Amt als Hohepriesterin nieder, sondern zieht sogar aus, um ihre Göttin zu töten), macht sich dabei aber gleichzeitig wichtige Aspekte der Maeben-Religion zu eigen (Durham scheint dieses Motiv der Synthese von Elementen der Herrschaft und Befreiung wirklich zu mögen!). Dummerweise bleiben aber auch Maebens Raubzüge ziemlich abstrakt – irgendwann kommen mal trauernde Eltern vor, real wirkt das aber irgendwie nicht.

Natürlich handelt es sich bei dieser Kritik um Jammern auf sehr hohem Niveau. Es gibt sehr wenige Fantasy-Romane, die sich derart vielschichtig mit Herrschaft und ihrer Reformierbarkeit und/oder Abschaffung befassen; und dabei habe ich einen Haufen interessanter Aspekte und Figuren (allen voran Hanish und Thaddeus) kaum angesprochen. Dazu kommt, dass Acacia mit mehreren höchst unerwarteten und trotzdem glaubwürdigen Wendungen aufwartet, interessante Magie-Spielarten entwickelt und wirklich gut, streckenweise sogar wunderschön erzählt ist. Zuguterletzt stehen mir ja auch noch Band 2 und 3 bevor, die möglicherweise alles nachliefern, was ich in Band 1 vermisst habe. Vergleiche ich mit Acacia beispielsweise mit einem anderen großen Fantasy-Werk, R. Scott Bakkers Prince-of-Nothing/Aspect-Emperor-Reihe, stelle ich fest, dass Durham mir mit seiner ruhigen, sorgfältigen Reflektion deutlich mehr zu denken gibt als Bakker mit seiner apodiktischen Wucht.

Zachary Jernigan, No Return

Komisch, warum man ein Buch manchmal unbedingt lesen will – Cover und Klappentext von „No Return“ haben mich aus irgendeinem Grund an Roger Zelazny denken lassen, einen Autor, den ich in meiner Schulzeit zwar gelesen, aber nie so richtig genossen habe; irgendwie hatte ich immer das Gefühl, dass er großartig ist, ich ihn aber nicht verstehe. Diese Erfahrung hat bei mir den Wunsch hinterlassen, einen Autor wie Zelazny zu für mich zu entdecken, den ich verstehe. Und obwohl ich nach wie vor nicht weiß, ob Jernigan und Zelazny vergleichbar sind, habe ich bekommen, was ich wollte: Einen abgedrehten, sinnlichen SF-Fantasy-Hybriden mit rätselhafter Kosmologie, der mir Spaß gemacht und mich gelegentlich zum Staunen gebracht hat.

Im Prolog von No Return wird ein degeneriertes Volk beschrieben, das in einem abgeschiedenen Tag am Ufer eines Salzsees lebt – „perhaps the most beautiful lake in the world. A deep and flawlessly clear cerulean blue under the cloudless sky … the people neither fished nor set craft upon its surface. Now and then, they drank and collapsed on the shore, subject to visions induced by the ensorcelled liquid.“ Ein wunderbar dichter Einstieg, der nicht nur verrät, dass es auf dieser Welt verhexte Gewässer gibt, sondern auch eine Vorliebe der Talbewohner für psychotrope Substanzen andeutet. Tatsächlich trinken sie nicht nur verzaubertes Salzwasser, sie verzehren auch die Haut und die Knochen (nicht aber das ungenießbare Fleisch) der zahllosen mumifzierten Leichen einer älteren Vorgängerspezies, die über das ganze Tal verstreut liegen. Wir erfahren, dass ein solcher Reichtum an Älteren-Leichen überall anders auf der Welt als gewaltiger Schatz gelten würde (später im Buch stellt sich heraus, dass der Knochenstaub der älteren auf dem Rest der Welt als Währung verwendet wird); die Talbewohner wissen allerdings nichts davon, wie sie überhaupt von so ziemlich nichts eine Ahnung haben, weil der Verzehr der Älteren-Leichen sie nämlich nicht nur langlebig, sondern auch strohdumm macht. Anschließend erfahren wir, dass sie in einer diffusen, abergläubischen Furcht vor einer Ansammlung von Kugeln am Himmel leben, die immer wieder ihre Formation ändern. Schnitt zum Himmel: Dort schwebt Adrash, ein Wesen, das wie eine sexualisierte Mischung aus Zeus und Superman mit einer Prise alttestamentarischem Gott wirkt. Während er die Kugeln, bei denen es sich um Massenvernichtungswaffen handelt, über Jahrtausende hinweg immer wieder zu neuen Mustern ordnet, sinniert er darüber, ob er die Menschheit auslöschen oder weiterexistieren lassen soll.

Auf diesen ersten zehn Seiten wird der Leser nicht nur recht elegant in die Kosmologie der Welt Jeroun eingeführt, sondern auch auf einige wichtige Aspekte von Jernigans Roman eingestimmt. Macht, Lust, und moralische Autorität, wie sie sich im höchst fleischlichen Gott Adrash vereinen, bilden in dem Roman ein so dichtes und widersprüchliches Gefüge, dass der späte Foucault seine Freude daran gehabt hätte. Gleichzeitig verrät das Durcheinander aus magischem und technischem Vokabular, dass die erforderlichen Leseprotokolle für Jeroun zwischen SF und Fantasy changieren – wobei sich, ähnlich wie bei Gene Wolfes Book of the New Sun, gegen Ende des Romans die Hinweise häufen, dass wir es mit einer SF-Welt zu tun haben, die von ihren Bewohnern in magische Begrifflichkeiten gefasst wird. Die Genre-Ambivalenz ist erfreulicherweise nicht nur absolut organisch, sie stützt auch das Thema von (Selbst-)Auslieferung an magische/religiöse Kräfte vs. Eigenverantwortung und Urteilsfähigkeit.

Nach diesem intensiven und gehaltvollen Einstieg werden wir als erstes mit Vedas Tezul bekanntgemacht, einem „Black Suit“ – Angehöriger des Ordens der Anadrashiten, welcher seine Ablehnung des Gottes Adrash mittels mehr oder weniger ritualisierter Bandenkämpfe gegen die Adrashiten oder „White Suits“ zum Ausdruck bringt. Beide Orden tragen Anzüge, die aus der Haut von Älteren gefertigt sind, eine symbiotische Verbindung mit ihren Trägern eingehen und ihre Kraft, Schnelligkeit und Widerstandsfähigkeit steigern. Vedas ist ein treuer Gefolgsmann, der für seinen Orden lebt und sogar freiwillig sexuelle Enthaltsamkeit übt, um sich nicht von seinen Pflichten ablenken zu lassen. Kein blinder Fanatiker, aber durchaus eine Person mit stark eingeschränktem Horizont. In Begleitung der auf den Hund gekommenen Gladiatorin Churls und des magischen Konstrukts Berun, eines aus beweglichen Kupferkugeln zusammengefügten Golems, tritt er die weite Reise in die Stadt Danoor an, wo bei einem blutigen Turnier Schwarz- und Weißgewandete gegeneinander antreten, um symbolisch um die Vorherrschaft zu ringen.

Während der Reise nach Danoor muss man sich als Leser umstellen (was mir dummerweise erst verspätet gelungen ist). Ich habe damit gerechnet, das jetzt noch mehr Weltenbau und Kosmologie aufgefahren wird – stattdessen konzentriert sich der Roman aber auf die Entwicklung der Freundschaft zwischen Vedas, Churls und Berun. Jernigan erzeugt eine ziemlich interessante Dynamik zwischen den dreien. Churls begehrt Vedas sexuell, während Vedas, der offenbar unter einer tiefsitzenden Bindungsangst leidet, narzisstisch um seinen von dem magischen Anzug verstärkten Körper kreist – was Churls Begehren nur noch anheizt. Churls ist die erwachsene Figur in diesem Ensemble, fähig, über ihre eigenen Gefühle und die anderer zu reflektieren; mein erster Leseeindruck, dass es sich bei ihr um die weibliche Version des Klischees vom abgehalfterten Privatdetektiv handelt, hat sich glücklicherweise schnell zerstreut. Berun schließlich stellt eine interessante Variante des Androiden-als-Kind dar, sowohl fähig zu überraschender Empathie als auch zu überraschender Grausamkeit.

Es ist jetzt nicht so, dass No Return mit einem Mal zur Charakterstudie auf Samtpfötchen mutiert. Vedas, Churls und Berun schlagen sich auf dem Weg durchaus auch mal mit dem einen oder anderen blutdürstigen Geschöpf (oder Menschen) herum und lassen die Blicke über bizarre Landschaften oder über das seichte, von Ungeheuern wimmelnde und unbefahrbare Meer schweifen. Außerdem gibt es noch einen zweiten Handlungsstrang, der einen mit mehr Magotech und Kosmologie versorgt und der eher leisen Geschichte um Freundschaft und Begehren fast als eine Art Gegenthese eine wilde Mixtur aus Intrigen, Grausamkeit und schmierigem Sex gegenüberstellt (besonders schaurig-schönes Weltelement sind hier die diversen Varianten von Half- und Quarterbreeds, die mit Genmaterial der Älteren gezeugt werden und seltsame Mutationen wie lüsterne Zungen in den Handflächen oder Fäuste, die sich unter der Brusthaut abzeichnen, aufweisen). Dieser zweite Strang bleibt allerdings geographisch und auch inhaltlich fast vollkommen gelöst von der Geschichte um Vedas, Churls und Berun. Ein etwas versierterer Autor hätte die beiden Handlungsstränge sicher organischer ineinander greifen lassen; Jernigan verknüpft sie lediglich über die gemeinsame Welt und gemeinsame Themen, nicht aber auf der Handlungsebene. Da aber beide Stränge in sich schlüssig sind, hat mich das nicht besonders gestört. Etwas problematischer fand ich dagegen, wie subtil Vedas‘ Veränderung vonstatten geht, was zur Folge hat, dass sein Wandel in den Momenten, in denen er dann tatsächlich Überzeugungen umstößt und sein Selbstbild in Frage stellt, zu abrupt erscheint. Kann allerdings auch damit zu tun haben, dass ich eine Weile gebraucht habe, um mich umzustellen und zu kapieren, dass das Buch sehr viel mehr um den Mikrokosmos der drei Hauptfiguren geht als um den Makrokosmos der Welt Jeroun.

Insgesamt ist No Return ein wirklich gelungener (wenn auch nicht perfekt strukturierter) Roman mit einem eigenwilligen, sinnlichen Weltentwurf und Figuren, die sich beim Lesen gar nicht so leicht erschließen, aber nachwirken.Und auch thematisch holt Jernigan einiges aus dem Komplex Macht/Verantwortung/Sexualität heraus. Ein beeindruckendes Erstlingswerk. Ich weiß jetzt zwar immer noch nicht, ob es irgendwelche Ähnlichkeiten zwischen Zelazny und Jernigan gibt, aber immerhin habe ich letzteren für mich entdeckt!

Da war doch was …?

Richtig. Schlotzen & Kloben. Morgen um 20.15 in der Z-Bar. Von mir: Trauriger Text über einen Fahrradunfall und fröhlicher Text über seelensaugende Monster. Was will man mehr? Natürlich die Texte von Jasper Nicolaisen und Svenja Schröder. Bekommt man auch!

Jo Walton, In einer anderen Welt

Seit rund zwei Wochen versuche ich jetzt schon, über diesen tollen Roman zu bloggen, und fange immer wieder von vorne an, weil es einfach zu viele Zugänge zu In einer anderen Welt gibt, die alle an erster Stelle genannt werden sollten. Was die Autorin hier erstaunliches mit dem Genre macht. Wie es ihr gelingt, eine Offenheit für neue Leseeindrücke zu erzeugen, die weit über die Lektüre dieses einen Romans hinausreicht. Wie sie die Motive der Jugend-Fantasy vom Kopf auf die Füße stellt.

Weil ich das alles nicht sortiert kriege, fange ich einfach mit der Handlung an: Wales, 1979. Die fünfzehnjährige Mori flieht vor ihrer Mutter, einer Hexe, zu ihrem Vater, der für sie ein Fremder ist und bei seinen drei sonderlichen Schwestern lebt. Auf ihrer Flucht hat sie sich nicht nur eine Verletzung zugezogen und muss seitdem am Stock gehen, sie hat auch ihre Zwillingsschwester verloren.
Moris Verwandte schicken sie auf ein Eliteinternat. Da Mori am täglichen Sportunterricht nicht teilnehmen kann, zieht sie sich stattdessen in die Schulbibliothek und such Zuflucht in der Lektüre von Fantasy- und SF-Romanen …

Als Leser von Waltons in Tagebuchform verfassten Roman kommt man so in den Genuss von Moris leidenschaftlicher Auseinandersetzung mit der ganzen Bandbreite der SF und Fantasy der 60er und 70er. Ihre literarische Lichtgestalt ist Tolkien, gleichzeitig verehrt sie Heinlein, LeGuin und Delany, erfreut sich an Poul Anderson und Roger Zelazny und befasst sich mit Isaac Asimov und Philip K. Dick. Jedes Buch ist für sie ein Anlass, ihre Sicht auf die Wirklichkeit zu überprüfen, ist ihr Schlüssel, Anleitung oder Stein des Anstoßes. Das ist die erste großartige Sache an In einer anderen Welt: Wer als Teenager leidenschaftlich gelesen hat, wird in Moris Begeisterung und Ernsthaftigkeit nicht nur sich selbst wiederfinden, sondern sich auch daran erinnern, wie unglaublich wichtig Geschichten waren, um sich in der Welt zu verorten und eine eigene Ethik zu entwickeln, zu überprüfen und zu revidieren. Jo Walton hat ganz offensichtlich einen guten Draht zu ihrer inneren Fünfzehnjährigen, die eine sehr viel offenere, aufmerksamere und klügere Leserin ist, als die meisten Erwachsenen es sind, so wie die meisten fünfzehnjärigen Leserinnen und Leser wahrscheinlich offener, aufmerksamer und klüger an ihre Lektüre herangehen als Erwachsene – denn schließlich geht es für sie bei jedem Buch ums Ganze. Diese schon fast vergessene Bereitschaft zu neuen (Lese-)Erfahrungen hat mir In einer anderen Welt zurückgegeben.

Jo Waltons zweite großartige Leistung mit In einer anderen Welt besteht darin, das Genre des Fantastischen … na ja, nicht direkt neu zu bestimmen oder über sich hinauszutreiben, weil das nach einem lauten Knall oder nach einem heroischen Konzeptionsleistung klingt, während das, was in Waltons Roman mit der Fantasy passiert, eher ruhig vonstatten geht. Fantasy durchströmt dieses Buch, ohne jemals zum festen Bezugsrahmen zu gerinnen. In einer anderen Welt lässt sich ebensogut als Geschichte mit Hexen, Magie und Naturgeistern inerpretieren wie als mimetischer Roman, in dem Hexen, Magie und Naturgeister „nur“ Moris Bewältigungsstrategie für all den Mist, mit dem sie sich herumzuschlagen hat, darstellen. Doch der Roman macht kein Aufhebens um diese Frage, er fordert einem weder eine Entscheidung über die Natur der Wirklichkeit ab noch inszeniert er die Ambivalenz als unauflösliches Dilemma. Stattdessen schildert er Moris Welt einfach als magisch in dem Sinne, in dem die menschliche Welt eben immer mit Bedeutung aufgeladen ist, manchmal in klaren, symbolischen Relationen, manchmal diffus.
Diese Form der Magie ist auch nicht Ausdruck einer kindlichen Weltsicht, die dem rationalen Erwachsenen verlorengeht; sie ist die Wirklichkeit der Bedeutsamkeit der Dinge und Verhältnisse, und Erwachsenwerden im besten Sinne bedeutet, eine verantwortungsvolle Haltung zu den Dingen und Verhältnissen zu entwickeln. Zu Beginn des Buches steckt Mori bereits mittendrin in der harten Arbeit eines so verstandenen Erwachsenwerdens, und am Ende des Buches ist sie keinesfalls fertig damit.

Das hat dann wieder mit der dritten großen Leistung dieses Buches zu tun, damit, wie es das Hauptmotiv zahlreicher Jugend-Fantasy-Romane in ein neues Licht rückt: Der Idee, auserwählt zu sein und einer vom Schicksal bestimmten Liebe/Magie/Bürde teilhaftig zu werden, stellt Walton das Streben nach einem eigenverantwortlichem Handeln entgegen, welches der Verstrickung in Magie (also Bedeutung) und Kontingenz erstmal entrungen werden will. Hier wird nicht das Klagelied der ewigen Außenseiterin gesungen, und auch nicht das Epos von der Hand des Schicksals erzählt, die die einsame Heldin schließlich zu Glück und Anerkennung führt; Glück und Anerkennung sind in Moris Welt, genau wie in unserer, etwas, das nur zwischen Menschen hergestellt, bewahrt und immer wieder neu definiert werden kann, nicht durch Magie oder höhere Mächte. Die Arbeit nimmt einem keiner ab.

Viel zu kurz kommt bei allem, was ich jetzt geschrieben habe, dass In einer anderen Welt einfach ein tolles, ein lustiges, bezauberndes Buch mit einer starken und sympathischen Heldin ist, die das Beste daran verkörpert, fünfzehn zu sein und auf der Suche – offen, sehr ernsthaft, nicht ohne eine gewisse Arroganz, die zum Vertrauen in die eigene Urteilsfähigkeit dazugehört. Eine Erinnerung daran, was man aus dieser für viele sicher ziemlich verkackten Zeit seines Lebens mitnehmen kann.